Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 35 (29.8.1924)
- Date
- 1924-08-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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äeite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 35 Entente war, ist Lüdecke in Dansziig aufgetaucht und hat dort ein scharf nationalistisches Blättchen herausgegeben. Auf diese Weise Vertrauensmann der Konservativen geworden, hat er sie nach allen Regeln der Kunst ausspioniert und viele deutsche Männer an das polnische Messer .geliefert Ende 1921 als Landesverräter umd Entente-Spion entlarvt, hat Lüdecke zynisch gestanden, er sehe? nicht ein, warum man eine so gute Gottesgabe wie däe Dummheit der anderen Leute nicht ausbeuten solle. Er habe es so toll getrieben, daß seine wahre Gesinnung jedem Menschen hätte offenbar werden müssen. Daß sie nicht erkannt worden sei, daran sei nicht er, sondern die Dummheit der Konservativen schuld, die noch unvergleichlich größer siei, als er vermutet habe. Dieser doppelte Landesverräter gehörte zu dem engsten Kreise Hitlers, dessen Pressebüro er geleitet hat. Auch Hitler ließ sich von dem raffinierten Schwindler täuschen, der sich in die arglose deutsch-völkische Bewegung eingeschlichen hatte, um djen Verräter zu spielen. Jetzt hält sich Lüdieeke vorsichtshalber in Italien auf. Nach einer Meldung des Mailänder „Avanti" ist er in Rom, verkehrt viel im Kreise um Mussolini, bezeichnet sich als Hitlers Vertrauensmann bei den Faschisten und macht, um mit dem „Avanti" zu sprechen, in „Religions- und Rassekämpfen''. Die „Mitteldeutsche Rundschau" stellt zu dieser Äleldung fest, daß Lüdecke nicht Hitlers Pressechef, sondern Vertreter des „Völkischen Beobachters" in Italien gewesen ist und schließt dann: „Im Interesse der Reinhaltung der Bewegung ist es dringend zu wünschen, daß endlich mal mit solchen Existenzen reiner Tisch gemacht wird. Wenn nicht alle Zeichen trügen, ist diese Reinigung in München im Gang. Es geht wahrhaftig auch nicht an, daß sich Leute afe Führer und gar als Vertreter Hitlers aufwerfen, die sich nicht scheuen, indirekt noch der „Frankfurter Zeitung" sich anzubiedern und ihr „Material" aus der Bewegung zur Veröffentlichung in Aussicht zu stelllen." Diese „Reinigung", welche das genannte Blatt fordert und die bereits im Gang sein soll, hat es wahrscheinlich bewirkt, daß in Bayern eine Anzahl früher gut gegangener Hakenkreuzblätter schmählich eingegangen ist und andere vermutlich das gleiche Schicksal teilten werden. Auch im übrigen Deutschland soll bald fürchterliche Musterung gehalten werden und die Skandale der Parteipresse, die besonders arg zum Himmel stinken, gesühnt werden. Es dürften ihrer aber immer noch genug übrig bleiben. Die freigewordenen Kräfte hoffen jedoch bei dem Brudervolk der Oesterreicher Betätigung zu finden, denn hier begegnet die geschilderte Technologie der Hakenkreuzpresse wohlwollender Anerkennung und Förderung. Die Oesterreicher sind eben noch kein Volk der Denker. d. Oswald Spengler und seine Quellen. IL Die Bedeutung Palästinas für das jüdische Volk. Spengler besitzt eine besondiere Kunst, Gegensätze zu konstruieren, geistige Scheidewände zwischen den einzelnen Teüen eines Volkes oder eines Stammes zu errichten, wodurch er schriftstellerisch ohne Zweifel glänzende Erfolge erzielt. Leider ge- Zu üfordaus 75. Geburtstag.*) Nordau hatte die Tugend Ahrems, die Kraft ider Entsagung, sich als Helfer an die Seite des Jünlgeren zu stellen. Seime sittliche Größe zeigte sich darin, neidlos, mit freudiger Zustimmung und Gefolgschaftstreue sich dem unterzuordnen, der sich für den berufenen Führer hielt naid1 dieser Berufung Gut und Leben opferte. Nicht alte können die »erste Stimmen singen; nicht minder hoch zu schätzen, wenn auch nicht so vernehmlich, ist die Begleitung des Altisten. War H e r z 1 Kopf und Seele der Bewegung, so klingt aus allem, was Nordlau, der Zionist, schrieb und sprach, die vollendete Resonanz von Herzls Woltem und Wirken. Und diie Kunst der Feder wie die des gesprochenen Wortes meisterte er einzig. Auf den Kongressen stand steine Rede, der Festhymnus, stets im1 Mittelpunkt; alles wartete gespannt auf sein Auftreten. Und fandten; des Führers Forderungen nicht immer ungeteilten Beifall, wemi Nordau mit dem unigekünstelten Pathos des weitsichtigen und scharfblickenden GescMehtsiphilosophen die jüdische Lage darstellte, horchte die Intelligenz der Welt auf, auch wenn sie nicht den Mut hatte, dem Echo der Zustimmung im eigenen Herzen lauten, mutigen Ausdruck zu verleihen, — wenn er mit zündendem Witz und scharfgeschliffeusm *) Wir verweisen bei diesem Anlasse auf die in Nr. 24 der „Wahrheit" erschienene Besprechung der 2. Auflage der zionistischen Schriften Nordaus (Jüd. Verlag, Berlin). Spott die Lauen und Halben im eigenen jüdischen Lager geißelte, dröhnte das Auditorium vor Jubel der Begeisterung. Es war die bittere, ungeschminkte Wahrheit, die in ihm den Dolmetsch gefunden. So erstaunlich seine Vielseitigkeit als Schriftsteller — Moraliphilosoph, Politiker, Kunstkritiker, Märchendichter und vieles andere! war er, und in allem beachtenswert — so rein und Selbstlos! war er als zionistischer Theoretiker wie als Mann der seinem Volk dienenden Tat. Furchtlos schrieb er gerade für den jüdischen Gedanken in Blättern, die dem Gegenstande gegenüber sich ablehnend verhielten, aber einer literarischen Größe seines Maßes Sich nicht verschließen durften aus Achtung nicht allein, sondern auch aus Vorsicht vor dem Rückschlag sieiner gefürchteten Waffe, die keinie persönliche Rücksicht kannte. Auch die eigene Person stellte er zurück, wenn an ihn, den Leidenden umd atemlos im literarischen Broterwerb Verhafteten, sein Volk mit Forderungen herantrat. Auf der ragenden Tribüne der internationalen Journalistik, wie a!ls Schöpfer und Leiter der jüdischen Volkshochschule' in Paris, ials Freund und Förderer einzelner Hilfesuchender, überall stellte er sieinen Mann. Daßihm int Lande unserer Väter ein sinniges Denkmal geründet, nach ihm eine Kolonie! benannt wurde, hat er redlich verdient. Die Dankbarkeit seines ganzen Volkes bleibt ihm gesichert für alle Zeiten. Dr. G.