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Die Wahrheit · 1924-08-29 · Heft 35 (29.8.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 35 (29.8.1924)
Date
1924-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Denlschöstferreichische Wochenschrift fflr iüdische Interessen tili dem Beihlatt: feröiienfikhunfien üer .«Union deutschösterreidiischer Inden" Redaktion und Administration: WS«£m BelnestroOc 13. - Fernruf 42-2-ifi _^aMii^^MMJ^MM^M^^^^M^^^^M-^T'MTT____" 'I ^^^»^»^^^^^MMMM^MMM^^I^—»<W— XL. Jahrgang Wien, 29. August 1924 Nummer 35 Technologie der Hakenkreuz- Presse. Der alte Oxenstierna würde heute seinen Sohn belehren können: „Du glaubst gar nicht, mit wie wenig: Verstand) eine — antisemitische — Zeitung gemacht wird." Eigentlich mit gar keinem. Verstand' wäre Luxus. Roheit und1 Schamlosigkeit genügen vollkommen. Herausgeber und Schriftleiter kommen mit sehr wenigen Ausnahmen von durchaus unakademischen Berufen her. Sie wissen, daß die Leser mehr auf Gesinnung als auf Gedanken sehen und machen eine Zeitung nach dem bekannten Kanonenrezept. Sie nehmen Gesinnung und wickeln das Blatt herum. Es ist auch in und bei der Partei so trefflich vorgearbeitet, wie bei der Fliegenmutter, die ihre Maden in faules Fleisch legt, damit die auskriechende Brutl einen gedeckten Tisch finde. Hier iist es die gütige Natur, die vorgeselhlen hat. Bei den Hakenkreuzlern übernehmen) die Parteiführer eine ähnliche Sorge. Sie versehen ihre Presse mit faulen Abfallstoffen, aus denen die erforderliche geistige Nahrung hergestellt werden kann. Ein Griff, ein Leitartikel! Da eine Jauche „Protokolle der Weisen von Zion". Danleben ein Tümpel „Rassenwissenschaftliches" oder ekif Kübel „Talmudjude". Ja, es läßt sich mit solchem Material riesig leicht arbeiten. Auch eine Galerie feststehender Watschenmänner müssen für den schreibenden Furor teutonicus herhalten. Jede Persönlichkeit im öffentlichen Leben vom Reichspräsidenten an bis zum letzten Volksschullehrer, der in einem anderen Parteilager steht, muß sich die Verdächtigung der Judenstämirigkeit gefallen1 lassen. Selbst vor dem einst geheiligten1 Haupt Wilhelm II. machte diese Judenschnüffelei nicht Halt. Recht ergötzlich war die Sache mit Herrn Helfferich, dem von der einen Seite vergötterten, von der anderen verdammten Finanzreformer, den noch übers Grab hinaus der Streit, ob judenblütig odler nicht, umtobt. Das mit der Judenbiütigkeit ist auch ein beliebtes Erpressungsmittel gegenüber Leuten in Amt und sozialer Stellung, von dem, bei den sittlichen Veranlagungen mancher Hakenkreuzredakteure, nicht selten Gebrauch gemacht wird. Man wäre in Verlegenheit zu entscheiden, ob die Herausgeber und Schriftleiter der völkischen und nationalen Zeitungen mehr geistig oder mehr moralisch' defekt sind. Wirkliche Leute von Intelligenz und1 Bildung, die selbständiger Ideen und gefälliger Ausdrucksform fähig waren, lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen, wobei man gar nicht beim Daumen anfangen müßte. Der große Troß arbeitet handwerksmäßig und. mit Nachdruck. Das heißt, einer druckt dem anderen nach. Es ist ungefähr wie bei den drei Komtessen! im „Bettelstudent", die ein Taschentuch zum gemeinsamen Gebrauch benützen. Als Nutznießer dieser Methode, nämlich als antisemitischer Taschentuch Verleiher figuriert der „Hammer"-F ritsch, Leipzig, der sich auf seinen Vorteil versteht. So oft er im eigenen oder in anderen ähnlichen Blättern etwas erscheinen läßt, wird bemerkt: „Siehe meiin Buch so und so..." Und wie steht es mit dem Buch so und so? Es ist ein wüstes Sammelsurium schamloser Fälschungen und pöbelhaften Geschimpfes, seine trüben Quellen sind Eisenmenger, Rohling, Wahrmund, Jakob Ecker (Sittenlehre des Juden), Dintier, Chamberlain, Delitzsch der Jüngere und andere, die auf Judenhaß eingeschworen sind. Die Giftblüten dieser in Wissen und Charakter gleichwertigen! Männer machen die Rund© durch den Wald der Hakenkreuzblätter. Ein weiteres beliebtes Requisit dieser Literatur ist es, Aussprüche antisemitischer Färbung ^hervorragender Männer zu verzapfen, wobei es auf kleine Mogeleien und! Fälschungen nicht ankommen darf. Unter so gearteten Verhältnissen wirkt es gar nicht überraschend, wenn die saubere Zunft völkischer und nationaldeutscher Pressebengel gelegentlich auch etwas anderes fälscht als Bibelstellen oder Klassiker, sich Begriffsverwirrungen des Mein und Dein zu schulden kommen läßt, oder wegen schwerer Sittlichkeitsdelikte dem Strafgericht überantwortet wird. Einen besonders krassen Fall muß Herr Fritsch gewiß zu seiner tiefen Betrübnis nach der „Deutschen Zeitung" in San Paulo mitteilen : „Hugo Emil L ü d e c k e war in der letzten Zeit Hitlers Pressechef. In Südbrasilien kennt man diesen Mann, ebenso in Danzig. Es ist derselbe Lüdecke, der als Privatsekretär des damaligen deutschen Gesandten Graf Luxburg in Buenos Aires den Chiffreschlüssel nach Washington weitergegeben hat und so den bekannten „Fall Luxburg" schuf, der Argentinien beinahe an die Seite der Entente in den Krieg getrieben hätte. Anläßlich dieses Zwischenfalls wurden in Buenos Aires deutsche Häuser niedergebrannt, darunter das Gebäude des Deutschen Klubs. Der Gesamtschaden wurde auf einige Millionen Pesos' geschätzt. Das alles war das Werk Lüdeckes aus Lübeck. Nach dem Kriege wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen aus Argentinien ausgewiesen, ist Lüdecke nach Deutschland' gegangen und hat dort für nationalistische Blätter geschrieben. Nach der Versetzung seines Beschützers, Sir Reginald Tower nach Danzig, wo derselbe der erste Hochkommissar der

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