Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 DIE WAHRHEIT Sehe 11 gegen verfügen die Deutschen über 27 politische Organe in Gestalt von Tagesblärtern, Wochenblättern usw. Die Zahl der nichtpolnischen politischen Zeitungen (außer den) jüdischen) beträgt 44, zusammen mit den jüdischen 9S. Darnach hat unter der Presse der nationalen Minderheiten in Polen die jüdische Presse ein starkes Uebergewicht. Dostojewski und die Bibel. Der große russische Dichter war bekanntlich nichts weniger denn judenfreundlich, allerdings aus der besonderen Einstellung heraus, daß er die Russen für das „auserwählte" Volk hielt, die Auserwählung Israels also nicht gelten lassen wollte. Um so bemerkenswerter ist seine Stellung zut Bibel. So schreibt er in den „Brüdern Karamasoff": Schlage die heilige Schrift auf und lies sie ihnen vor, den Leuten aus dem Volke ohne hohe Worte und ohne Hochmut und Ueberhebung vor, bescheiden und von Herzen kommend, und freue dich, daß du liest und sie dich hören und verstehen, weil du selbst die Worte lieb hast. Unterbrich dich nur selten, nur um dem einfachen Volk ein Wort, das ihm unverständlich ist. zu erklären; beunruhige dich nicht, sie werden alles verstehen, alles versteht das rechtgläubige Herz! Lies ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und Rebekka davon, wie Jakob zu Leben ging und im Traume Gott sah und mit ihm kämpfte. Das wird auf den einfachen, gottesfürchtigen Mann einen tiefen Eindruck machen, lies ihnen vor, und besonders den Kindern, wie die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Knaben Joseph, in die Sklaverei verkauften, dem Vater aber sagten sie, daß die Tiere seinen Sohn zerrissen hätten und zeigten ihm seine mit Blut befleckte Kleidung. Lies ihnen vor, wie darauf die Brüder nach Aegypten fuhren!, um Brot einzukaufen, und Joseph, der große Schatzmeister, von ihnen nicht erkannt, sie quälte, beschuldigte und den Bruder Benjamin als Pfand zurückbehielt: „Ich liebe euch, und liebend quäle ich euch/' Denn sein ganzes Leben hatte er ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn dort in der heißen Wüste beim Brunnen den Händlern Verkauft hatten, wie er die Hände gerungen, geweint und die Brüder gebeten hatte, ihn doch nicht als Sklave in ein fremdes Land zu verkaufen. Und siehe da, wie er sie nach so vielen Jahren wieder sieht, liebt er sie von neuem grenzenlos, und er quält sie in seiner Liebe. Wie er schließlich die Qualen seines Herzens nicht mehr ertragen kann, hinausgeht, sich auf sein Lager wirft und in Tränen ausbricht, nachdem er aber sein Gesicht gekühlt hat, tritt er strahlend und reich gekleidet wieder zu ihnen und ruft ihnen zu: „Brüder, ich bin Joseph, euer Bruder!" Und lies weiter, wie der greise Jakob sich freute, als er erfuhr, daß sein lieber Knabe noch lebe und in Aegypten sei, wie er sogar sein Vaterland verließ und auf fremder Erde starb.....Ich liebe dieses Buch! R. Franz Rosenzweig: „Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi" (deutsch). Oskar Wöhrle - Verlag. Konstanz. Wir, die wir die Sprache unserer Väter, in der unser großer Dichter Halevi seine Gedichte schrieb, unvollständig verstehen (leider!), ihr, Nichtjuden, die ihr das Hebräische überhaupt nicht kennet — nehmet diese Uebersetzung zur Hand; und ihr werdet fühlen, was jüdischen Geist beseelte! Ja, dieser Jehuda Halevi ist ein ganz Großer, einer, den wir mit Stolz neben die größten Dichter aller Völker stellen dürfen. Einige Gedichte dieses unseres hervorragenden Dichters — und das war er, wie kein anderer nach ihm! — hat Heine nachgedichtet. Rosenzweig aber schuf keine Nachdichtungen, er gab uns — und dafür gebührt ihm Dank — eine wörtliche Uebersetzung der hebräischen Gedichte; und siehe — sie wurde zu Gedichten in deutscher Sprache! Weil Rosenz weis nicht nur ein vorzüglicher Hebräist, sondern auch ein Meister des Deutschen ist: ein Dichter! Ausgezeichnet ist auch das Nachwort (über Nachdichtung und über jüdische Dichtung im Mittelalter); die Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten — 50 Seiten! — sind vortrefflich, geeignet, aus dem Leser einen verstehenden „Freund" des Gedichtes, des Dichters und des Uebefsetzers zu machen! Ich habe selten ein mit so viel Fleiß geschriebenes Buch gefunden. Darum wünsche ich ihm weite Verbreitung. RS. Von Woche zu Woche Zehn verzweifelte junge Palästina-Wanderer aui der Anklagebank. Vor einem Wiener Gericht hatten sich dieser Tage zehn jüdische Leute wegen Widersetzlichkeit und öffentlicher Gewalttätigkeit zu verantworten. Diese jungen Leute improvisierten, ohne im Besitz der nötigen Papiere zu sein, eine Reise nach Palästina über Wien. An der Grenze wurden sie zurückgehalten und mit einem Donauschiff zurückgeschickt. In der Furcht, daß man sie nach Ungarn abschieben wird, widersetzten sie sich den Anordnungen der Gendarmen. Sie wurden verhaftet und wegen öffentlicher Gewalttätigkeit angeklagt. Die Verteidiger der zehn jungen Leute, Dr. Ribaczewski, Dr. Finkelstein und Dr. Goldschmidt plädierten für Freispruch unter Hinweis auf die psychische Zwangslage der Angeklagten infolge ihres lähmenden Entsetzens vor einer Abschiebung nach Ungarn. Der Richter verurteilte die Angeklagten unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechts zu je zwei Wochen Kerker. Die Strafe erscheint durch die Untersuchungshaft verbüßt. Senator W. Ehrlich. In Bloemfontein starb der einstige Senator Südafrikas W. Ehrlich, zugleich einer der Begründer des Verbandes der südafrikanischen Juden. An seinem Grabe sprach der Ministerpräsident General Herzog von der 29jährigen Freundschaft, die ihn mit dem Verstorbenen verbunden hatte. Jüdische Bauern in Argentinien. Auf der 4. landwirtschaftlichen Ausstellung der Provinz Entre Rios, die vom 1. bis 15. Oktober in Basavilbasco stattfindet, werden nicht nur die jüdischen Ackerbaukolonien der J. C. A. (Baron Hirsch- Stiftung) vertreten sein, sondern einer ihrer Repräsentanten übernimmt auf Wunsch der Regierung den Vorsitz des Organisationskomitees. Hotgasteiner Eindrücke. „Wenn Sie einmal in Hof gasteiu sein werden, dann haben Sie eine Erinnerung fürs Leben" — das versicherten mir mehrere Bekannte und ich muß zugeben, daß sie alle Recht hatten. Etwas Schöneres zu sehen war mir bis nun noch nicht beschieden. Dieses paradiesische Tal in der Nähe Badgasteins, mit seinen ringsherum in den Himmel ragender Bergen, Wasserfällen, Schneehäuptern und seinen von S00 bis auf über 1000 Meter ansteigenden Höhen, bietet nicht nur allein Gelegenheit den vom Großstadtstaub und Fabriksrauch abgehärmten Körper einmal ordentlich auszulüften, sondern ist auch für das Auge ein göttliches Panorama, bei dessen Anblick Geist und Seele neu aufgefrischt werden. Auf mich, der ich das Glück hatte, zum erstenmal meine Urlaubszeit in Hofgastein zu verbringen, machte es, als ich am ersten Tage meiner Ankunft rings um mich schaute, den Eindruck, als wenn der größte aller WeltkünsÜer. der Schöpfer des Himmels und der Erde, hier seine schönsten Kunstwerke ausgestellt hätte .... Wenn auch die radiumhältigen Bäder erst von Badgastein mittels Zementrohren hergebracht werden müssen, wodurch sie an der Temperatur etwas verlieren, so ziehen es doch die meisten vor, die Kur in Hofgastein zu absolvieren, nicht allein wegen der bedeutend billigeren Preise, sondern vielmehr wegen der Lieblichkeit des kleinen Kurortes selbst. Was diesen, von der Natur so reich bedachten Badeort besonders auszeichnet, ist seine humane und wahrhaft menschenfreundliche Verwaltung. In erster Reihe der Bürgermeister Herr Prot. Lauer, ein Mann von besonderer Güte und einwandfreiem Charakter, der sich die größte Mühe gibt, dem in Massen zuströmenden Kurpublikum, ohne Rücksicht auf Stamm und Glauben, den Aufenthalt hier so schön und angenehm als möglich zu gestalten. Ihm zur Seite ist ein Mann von bestrickender Liebenswürdigkeit gestellt, Herr Kurdirektor Brauer, der für die Badegäste in jeder Weise sorgt, alle ihre Wünsche in Erfüllung zu bringen sich C*cUes IR.OTGA5SE-1 JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44 r- - •■ ■ - yj*' : v