Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. U DIE WAHRHEIT Seia 1 müßten, wenn die ordnungsmäßig eingesetzten Gewalten versagen, wenn diese nicht die Kraft oder Neigung haben, Angriffe auf Leben und Besitz der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens niederzulhalten. Diese Entschlossenheit jüdischer Frontsoldaten allein dürfte den Pogromlüsternen wohl ernste Mahnung sein. In Polen, in der Ukraine, überall iim Osten, wo unerschrockene Juden geeinigt mit bewaffneter, Hand sich dem Mordgesindel entgegenstellten, hat sich dieses blutige Köpfe geholt. Selbstwehr ist eben d;as äußerste, aber nicht vergebliche Mittel iim Kampfe ums Dasein. Vielleicht daß diese Erkenntnis auch in unserer jüdischen Jungmannscih'aift Wurzel schlägt. In schweren bedrohlichen Zeiten ist es schlecht angebracht, den Ehrgeiz und die überschüssige Kraft an bloß sportmäßige Bewegung zu verwenden. d. Frieden im Kriege: 1914 und Krieg im Frieden: 1924. Gedenkworte von Oberrabbiner Dr. A. A11 m a n n, Trier. (Schluß.) Wir Juden aber folgten dem Rufe auch noch aus einem anderen Grunde heraus. Galt es doch, Jahrhunderte alte, eingefressene Vorurteile gegen uns zu zerstreuen und im entscheidenden Augenblicke unsere auch sonst bewährte Landestreue einwandfrei zu beweisen. Und wir haben sie bewiesen. Schwerwiegend, geradezu erdrückend rangen für die Pflichterfüllung der Juden aller Kategorien die ehernen Zeichen statistischer Nachweise. Sogar von einer prozentualen Ueberleistung jüdischerseits sprechen die statistischen Daten. Wenn z. B. — nur um ein Nächstliegendes zu erwähnen ~ ein kleiner Ort in der Nähe des Regierungsbezirkes Trier von nur 15 jüdischen Haushaltungen 9 jüdische Heldentote aufzuweisen hat, so muß das geradezu überwältigend wirken. Und solche Fälle können aus allen Gauen des Reiches nachgewiesen werden. Gar nicht zu reden von den zahllosen Beweisen kühnsten Heldenmutes jüdischer Kriegsteilnehmer, die Tausende aus eigener Erfahrung kennen. In einer autographischen Gutachtensammlung von österreichischen Heerführern und Kommandanten der verschiedensten Truppen, die ich mir als Feldseelsorger von der Front aus anzulegen Gelegenheit hatte und die noch der Publizierung harrt, schreibt ein kommandierender General — um nur einige der zahlreichen Aeußerungen heute zu erwähnen — folgendermaßen: „Die Erfahrungen meiner Kommandoführung während des ganzen bisherigen Verlaufes des Krieges haben mich wiederholt schöne Fälle von hervorragender Pflichttreue und Tapferkeit jüdischer Offiziere und Soldaten erkennen lassen. Diese erfreuliche Erscheinung sowie die Hingebung, welche die Juden bei allen dem Wohle der Truppen förderlichen militärischen Hilfsdiensten — namentlich im Sanitätswesen an den Tag gelegt haben, legen das beste Zeugnis für eine hohe ethische Auffassung ihrer Pflichten gegenüber unserem teuren Vaterlande ab." (Josef von Roth, G., 17. Mai 1917.) Ein Oberstleutnant (Ludwig Edler von Dierkes) schreibt am 12. Juli 1917: „Unter den ungeheuren Truppenmassen hatte ich Gelegenheit, auch eine große Anzahl israelitischer Offiziere und Mannschaften genau zu beurteilen. Ich muß offen gestehen, daß die Soldaten und Offiziere dieser Religion mit einem Fleiße, einer Ausdauer, Hingebung und Ueberzeugung sondergleichen ihre Pflicht erfüllten, so daß ich stets nur voll des Lobes über sie war. Da ich sowohl in Rußland als auch in Italien als Regiments- resp. Gruppenkommandant Israeliten unter mir hatte, konnte ich auch deren heldenmütige Haltung im Feuer allerorts wahrnehmen. Ehre sei daher all diesen Braven!" Ebenso läßt sich ein Feldmarschall (Viktor von Scheuchenstuel am 16. Juli 1917) vernehmen: „Nach meiner Wahrnehmung haben in diesen nun dreijährigen Kämpfen die jüdischen Offiziere und Mannschaften mit ebensolcher Tapferkeit gekämpft wie alle anderen Konfessionen unserer gesamten Macht. Mit seltener Pflichttreue und Hingebung waren Aerzte und Sanitätspersonal der jüdischen Religion tätig und aufopferungsbereit. Ich kann daher allen nur das beste Zeug* nis ausstellen." Und ein Bataillonsbefehlshaber (Hans Sterbing v. Kremstien"7. Juli 1918) aus der Feuerlinie der Gebirgswelt äußert sich in sehr charakteristischer Weise: „Der Jude ist pflichttreu, verläßlich, tapfer und ein unbedingt guter Staatsbürger. Sein Glaube und sein Familiensinn bürgen dafür, daß er sich seiner Pflichten gegen Staat, Volk und Zukunft stets bewußt ist, war und sein wird. Dies sind meine Erfah- .rungen im vierten Kriegsjahre." Gewiß, dieses alles ist uns Juden pflichtgemäße Selbstverständlichkeit, über die man am besten und am liebsten nicht erst spricht. Aber unser bescheidenes Nichtsprechen ist lange mißdeutet worden. Nicht um belohnt und gelobt zu werden, ist es an der Zeit zu reden, denn uns lehrt schon ein Jahrtausend alter Spruch: „Seid nicht wie Diener, die dem Herrn dienen, um Lohn zu 'empfangen". Aber wenn die Juden keinen Dank verlangen, braucht man ihnen deshalb noch nicht Undank zu entgelten. „Undank ist ein Halsband, das nicht rostet", hat ein mittelalterlicher Großer gewarnt. Nicht um unserer Ehre willen allein müssen wir uns gegen Verkennimg und Verunglimpfung wehren, sondern um Deutschland von der Unehre des „Undank-Halsbandes" zu befreien. Der jüdische Frontsoldatenbund des Reiches — dessen Trierer Ortsgruppe im Einvernehmen mit unserer Gemeinde die heutige Feier veranstaltet — hat sich dieses Ringen für Ehre und Wahrheit zur Aufgabe gemacht. Freilich es sollte überhaupt nicht erst einen jüdischen Frontsoldatenbund geben müssen, denn es gibt einen Frontsoldatenbund im stillen Reiche der Ewigkeit, der alle umfaßt, so, wie sie alle ungetrennt dort auch eingegangen sind. Der Tod hat nicht nach Jud und Nichtjud gefragt, sondern nur nach pflichtbereiten Deutschen. Und diesen Stillen, die für uns jetzt schweigen, gilt unser Reden. Ihnen ist Wort Gefühl der Feierstunde heute und immer geweiht, solange bis der Wunsch ihrer Geister sich erfüllt, daß Deutschlands Lebende sich einig sind im Hinblick auf Deutschlands Tote und das Erlebte im Erlittenen aufgeht zur Sicherung des Erwünschten und Erhofften. II. Unser Erwünschtes und Erhofftes liegt in Gottes Hand, aber es ist mitbedingt von unserem Verhalten. Wenn Deutschlands innerer Friede gefestigt sein wird, wird auch der Stern seines Wiederaufstieges neu erstrahlen, Ansehen und Wohlstand werden, das Glü-k und Wohlergehen unserer Kinder wird gesichert und die ruhige Entwicklung der heimatlichen Werte verbürgt sein. Aber wie es nach außen hin noch gar sehr am wahren Frieden fehlt, so noch mehr am inneren. Wir sind sittlich entrüstet, wenn nach außen hin immer wieder die Unwahrheit von Deutschlands Schuld am Kriegsausbruch verbreitet wird. Gewiß mit Recht. Aber gibt es nicht andere Sündenböcke der Schuld, die unwahrheitsgemäß von vielen Deutschen selbst im «Inneren mit aller Beharrlichkeit aufgestellt werden? Wir Juden sind ebenso wenig am Krieg und Kriegsausbruch schuldig wie Deutschland. Das muß in das feste Bewußtsein aller dringen. Das zu erwirken, ist die schwere aber ehrenvolle Aufgabe aller edlen und guten Deutschen, wes Glaubens sie auch seien, und besonders die Aufgabe des jüdischen Reichsfrontsoldatenbundes, auf daß Friede nach außen, aber vor allem Friede im Inneren werde. Im vierten Jahre des Krieges, inmitten der beinahe verzagten Stimmung der Friedenssehnsucht aller Welt entrang sich meinem mitsehnsüchtigen Herzen im Kreise der betreuten Soldaten ein Seelenwunsch in gebundenen Worten, der auch heute noch, wo uns ein wahrer Friede mehr denn je nottut, seine Zeitgemäßheit beibehalten hat. Nicht besser — so . scheint mir — können wir unseren Rückblick und Ausblick und unsere Huldigung für die teuren Ehrenhelden heute beschließen als mit diesem Sehnsuchtsruf, der uns wie ein Gebet erfüllen mag und also lautet: Aus tausend schweren Herzen ringt Ein Seufzer sich los; In tausend Herzen er wiederklingt Mächtig ünd groß: „O, Frieden!". Frieden, lang entbehrtes, teures Wort, Kehre wieder Und sei der Menschheit trauter Hort; Schweb' hernieder, Engel alles Erdenglücks, Und erheb' die Staubgebeugten, Daß frohen, weiten, heiteren Blicks Aufschauen die Trübgeneigten,