Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 54 Uiid aus tausend] befreiten Herzen ringt Dann ein Seufzen sich los; In tausend Herzen er wiederklingt Mächtig und groß: „Ja, Frieden!" Von Herrn Rabbiner Dr. Felix Kanter in Zwittau in Mäbjen erhalten wir folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung > Löbliche Redaktion! Der Appell des Schriftstellers Herrn Josef Grob in Nr. 32 dieser geschätzten Wochenschrift betreffs der zwei jüdischen Kriegsgefangenen aus Rußland, die auf dem christlichen Friedhof in Hofgastein ihre letzte Ruhestätte fanden, wird sicherlich nicht verfehlen, in den Kreisen, die noch jüdißch denken und fühlen, den von Herrn Autor gewünschten Eindruck zu machen und hoffentlich den Erfolg erzielen, den letzten und gewiß sehnlichsten Wunsch zweier Juden zu erfüllen : sie zu „Kewer Jjsroel" zu bringen. Herrn Josef Grob gebührt jedenfalls das Verdienst, die jüdische Öffentlichkeit auf den von ihm geschilderten traurigen Fall aufmerksam gemacht zu haben, und es ist zu hoffen, daß sein mit so viel Wärme vorgebrachter Appell nicht ohne Wirkung verhallen werde. Ein ähnlicher Fall, wie ihn Herr Josef Grob schildert, ereignete sich während der Kriegszeit und kurz vor dem Zusammenbruche in der Gemeinde P. in Böhmen, die nur eine Bahnstunde von meiner Gemeinde entfernt ist. Nur ist der Fall in P. viel trauriger uiid — beschämender als der Fall in Hofgastein. Denn P. ist eine, wenn auch ganz kleine, jüdische Kultusgemeinde, die auch einen eigenen jüdischen Friedhof besitzt und bis vor sechs Jahren noch einen Rabbiner hatte. Zwei jüdische Kriegsflüchtlinge, die in P. starben, durften trotzdem auf dem jüdischen Friedhof nicht beerdigt werden, weil — nun ganz einfach, weil der allmächtige und allgewaltige Chewra-Gabbe (Vorsteher der Beerdigungsbruderschaft) es nicht wünschte und duldete. Dieser Obmann der Chewra-Kaddischa erklärte mir über meine Intervention, der Friedhof in P. muß für die Gemeindemitglieder reserviert bleiben und auswärtige, d. h. polnische Juden .haben auf dem jüdischen Friedhof nichts zu suchen. Es. hieße die Gastfreundschaft dieser geschätzten Wochenschrift und die Geduld der geschätzten Leser mißbrauchen, wollte ich nur teilweise schildern, welche Schritte ich s. Z. unternommen habe, um diesen — sagen wir — Willkürsakt zu verhindern. Tatsache aber ist es, daß ich selber Zeuge war, wie ein frommer polnischer Jude, dessen sehnlichster Wunsch es war, selbstredend auf einem jüdischen Friedhof beerdigt zu werden, auf dem Zentralfriedhof in P. im Beisein seiner Hinterbliebenen beerdigt wurde. Die Verzweiflung der Familienangehörigen des verstorbenen Kriegsflüchtlings, ihre herzzerreißenden Bitten und Flehen, dem geliebten Toten einen Platz auf dem jüdischen Friedhofe zu überlassen, lassen sich mit Worten nicht schildern. Ich habe in meiner ganzen Praxis einem solch furchtbar traurigen Leichenbegängnis nicht beigewohnt; es war dies der Tod in seiner schrecklichsten Gestalt. Am traurigsten war es für mich, dieser erschütternden und — beschämenden Szene tatenlos beiwohnen zu müssen. An eine Ueberführung nach meiner Gemeinde war wegen der herrschenden Grippegefahr nicht zu denken und eine Intervention bei der politischen Behörde war des Sonntags wegen — es war dies der Sonntag vor dem Zusammenbruch der alten Monarchie — ganz und gar unmöglich und vollständig aussichtslos. Ueberdies spielte sich die.« alles in 'einer fremden Gemeinde ab, die ihren eigenen amtierenden Rabbiner hatte. Und so ruhen denn zwei religiöse Juden noch heute auf einem christlichen Friedhof zur Strafe dafür, daß sie aus Polen stammten und alle Schrecken und Greuel des Krieges mitgemacht haben. Ueberdies droht noch die Gefahr der Exhumierung, da auf dem Zentralf riedhof in P. alle zehn Jahre die Leichen ausgegraben und die restlichen Leichenteile in einem Massengrabe bestattet werden. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, weitere jüdische Kreise für diesen höchst, traurigen Fall zu interessieren. Es handelt sich, was nicht besonders hervorgehoben zu werden braucht, buchstäblich um ein „Mess-mifzwah" — wie es unsere Weisen nennen — und die Größe dieser Mizwah dürfte als bekannt vorausgesetzt werden. Selbstredend bin ich gerne bereit, allen Interessenten den Namen der betreffenden Gemeinde in Böhmen und ihres gegenwärtigen Kultusvorstehers, der, was ausdrücklich betont werden muß, an dem geschilderten traurigen Fall vollständig unschuldig ist, bekanntzugeben, um sich mit ihm behufs Einleitung weiterer Schritte direkt ins Einvernehmen zu setzen. Mit bestem Danke im Namen der guten Sache verbleibe ich Ihr hochachtungsvoll ergebener Rabb. Dr. Felix Kanter. Zwittau (Mähren). Eine Mutter zu Müttern. Wir erhielten folgende Zuschrift: „Als Mutter spreche ich heute zu Müttern, u. zw. in einer Angelegenheit, die uns -alle betrifft; es handelt sich um zwei Kinder, die das Wort Mutter nie gekannt und sich nur dunkel an das kurze Glück erinnern. Beide sind durch den unglücklichen Krieg Krüppeln, der eine lahm, der. andere auf beiden Füßen gelähmt, so daß er sich nur mit Fußschienen fortbewegen kann. Diese beiden 13jährigen Buben haben nun das Glück, in einem Heim untergebracht zu sein, wo es für sie trotz ihres Leidens keinen Schmerz und Kummer gibt. In diesen Heim waltet eine wahre jüdische Frau als Oberin; Frau Hecht, so der Name dieser Braven, sorgt in wahrhaft mütterlicher Weise für das Wohl ihrer Schützlinge. Laa bei Neulengbach beherbergt im ganzen 40 Kinder, Buben und Mädchen, die alle gut aussehen und sich infolge der aufopfernden Tätigkeit der Frau Hecht prächtig erholen. Die Hauptsorge dieser braven jüdischen Frau sind aber die beiden) Krüppel, mit Wehmut und tiefen Falten in der Stirne denkt Frau Hecht schon an die Zukunft ihrer beiden Schützlinge, die beide ganz prächtige Menschen werden könnten, wenn sich ihrer jüdische Mütter annehmen würden und für den einen einen Rollwagen, den andern Fußschienen sammeln würden. Die Namen der Kinder sind: Josef Sega 1 und Jakob Kleemann. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung bitte ich einlaufende Spenden unter Laa, Kinderheim, in Empfang nehmen zu wollen und zeichne ergebenst Mitzi Singer, Wien, II. Bez., Ferdinandstraße 17/11. KONKURS In den Gemeindetempeln der israel. Kultusgemeinde Wien gelangen mehrere Chorsängerstellen I sofort, spätestens jedoch mit dem Dienstantritte am 15. September 1. J., zur Besetzung. Benötigt werden Tenöre und Bässe. Für eine dieser Stellen wird ein als Chordirigent befähigter Chorsänger aufgenommen. Es werden ferner für die gottesdienstlichen Veranstaltungen an den diesjährigen hohen Feiertagen Kantoren, Vorbeter und Chorsänger vorübergehend bei der israel. Kultusgemeinde beschäftigt. — Näheres im Sekretariate, I., Seifenstettengasse 4, 3. St., woselbst Bewerbungsgesuche bis spätestens 1. September einzubringen sind, zu erfragen