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Die Wahrheit · 1924-08-22 · Heft 34 (22.8.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 34 (22.8.1924)
Date
1924-08-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 tm wM^tati m. 54 einige Minuten erhält, durch Aufbrechen und Unruhe unwirksam zu machen. So nennenswert die grundsätzliche Stellungnahme der Sozialdemokraten in der Frage des Antisemitismus ist, so habe ich doch mit einer einzigen Ausnahme immer erleben müssen, daß ihre diesbezüglichen Reden im wesentlichen nur Reden zur Verherrlichung ihres kulturell überlegenen Parteistandpunktes waren, daß sie sich lediglich an ihre Partei genossen wendeten, also Parteiversammlungsreden hielten. Es kommt aber darauf an, Gegner zu überzeugen, ihnen das Irrige, das Unsittliche, das Gefährliche ihres Standpunktes vor Augen zu führen. Nicht aber darauf, sie scharf anzugreifen, sie zu provozieren. Die Arbeiterparteien haben es freilich auch weit leiohter, den Antisemitismus abzulehnen, als die Vertreter von Mittelstands- oder Beamteninteressen. Sft empfinden den Wettbewerb jüdischer Arbeiter nicht. Macht doch die ganze jüdische Bevölkerung Deutschlands noch nicht 0,45 Prozent aus. Uebrigens haben sich im Wahlkampf in Thüringen selbst die Sozialdemokraten und Kommunisten dazu hinreißen lassen, den demokratischen Professor Dr. Ros-nithal ständig als „den Juden Rosenthal" anzugreifen. Regelmäßig kehrt bei den Antisemiten die Behauptung wieder, der Sozialismus und Kommunismus sei eine jüdische Erfindung. Der Jude Karl Marx sei eben der Vater des Marxismus. Demgegenüber ist der Nachweis leicht, daß sozialistische Ideengänge uralt seien. Der neapolitanische Mönch Campanella hat sie Jahrhunderte vor der Reformation in seinem „Sonnenstaat" in ein System gebracht. Vor und nach dieser sind sie in den Bauernkriegen aufgetaucht. Besonders umfangreich haben französische Sozialisten sie vor und nach der großen Revolution propagiert. Karl Marx hat diese Ideen in die Formen Hegelscher Philosophie gegossen und sie dadurch für die breiten Massen, die sein grundlegendes Werk: „Das Kapital" jedenfalls nicht verstehen, sicher nicht gerade zugänglicher gemacht. Zuzugeben ist dagegen, daß in Rußland, Polen, Deutschland der Anteil der Juden an den revolutionären, beziehungsweise am weitesten links stehenden Parteien, ein besonders großer ist. Aber das ist doch wieder nur eine Folge der Entrechtung und gesellschaftlichen Zurücksetzung der Juden in diesen Ländern. In England, wo man eine solche nicht kennt, konnte ein Israelit Führer der Tones und des englischen Neo- Imperialismus werden. In Deutschland wurde die deutschnationale Abgeordnete Frl. Gierte von der eigenen Partei zum Rücktritt genötigt, nur weil ihre Mutter Jüdin gewesen war. Gebt den Juden volle — auch gesellschaftliche — Gleichberechtigung und ihr werdet sie auch in den Reihen der Rechten finden, rufe ich den Antisemiten gegenüber solchem Einwand stets zu. Hat doch den alten preußischen Konservativen der ehemalige Jude Stahl, früher Schlesinger, die wissenschaftliche Begründung ihres Programms gegeben. Gegen Irrtümer und Lügen hilft nur die leidenschaftslose Widerlegung. „Die Wahrheit wird euch freimachen!" sagt die Schrift. Gegen eine unsittliche Bewegung hilft nur gesteigerte Sittlichkeit und Appell an die sittlichen Regungen im Menschen. In dem furchtbaren Elend, das der unglückliche Krieg und der Betrug von Versailles über das deutsche Volk heraufbeschworen haben, findet der Antisemitismus seinen fruchtbarsten Nährboden. Hoffen wir, daß wir das Schwerste dieses Elends hinter uns haben! Daß die Welt mit der wachsenden Erkenntnis des vom deutschen Volk begangenen Verbrechens und mit der Einsicht, daß ihr eigenstes Interesse seine Erhaltung als Kulturvolk erfordert, dieser Nährboden allmählich verschwindet. Dann wird der aufklärende und die Sittlichkeit erstrebende Kampf gegen den Antisemitismus bessere Erfolge zeitigen. Auch für uns gilt das Wort des großen Dichters und Menschen Emile Zola: „La vente' est en marche et rien ne l'arretera." Die jüdischen Deutschen als Vorbild. Gefühlsmäßig bestetiert zwischen dem deutschen Süden und Norden wenig Berührungspunkte. Dies erklärt sieh aus beider verschiedenen Wesensart. Auf der einen Seite weiche, genießerische Gemütlichkeit, auf «dier anderen jene ablehnende Kantigkeit, die oft nur trotzigem Dünkel entspringt und so abstoßend wirkt, daß bei Ausbruch des Weltkrieges Deutschland, das leider als Kollektivbegriff für Preußen genommen wird, gegen sich Feinde in drei Erdteilen gerüstet fand. Nein, der Preu-ß* war uns Menschen der (gottverlassenen) Gemütlichkeit Herzenssache. Wenn anders auf Sänger- und Turnerfesten geäußert wurde ,so war dies bloß Mache, Getue, für den Augenblick wirkend, später trat die alte Gegensätzlichkeit in ihre Rechte. Aber gerade liier ist es fraglich, ob man von Rechten sprechen darf, denn hält man den Fehlern unvoreingenommen die Vorzüge eine Individualität entgegen, wird sich manchmal eine Gleichgewichtsbewegung einstellen. Und nur Verblendung könnte sich der Tatsache verschließen, daß manche guten Eigenschaften des Nordens seine Fehler verzeihlich machen.. Da ist es neben der klaren Zielbewußtheit der Ernst des Wollens, die Unbeugsanikeit und ein außerordent-. liches Organisationstalent. Da nun die Juden sich auch in der Weise assimilieren, daß sie die guten wie schlimmen Eigenschaften ihrer Gastvölker annehmen („Jedes Land hat die Juden, die es verdient"), so ist es naturgemäß, daß die jüdischen Norddeutschen d'as Gute von .ihren andersblütigen Laudsleuten angenommen haben. Und1 hierin mögen sie uns immer als vorbildlich erscheinen. Betrachten wir nur den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben s". Der verbreitet seine Zweige nicht nur über das ganze weite Reich, er arbeitet auch belebend und aufklärend in zahlreichen Versamimlungen. Seine Führer haben den persönlichen und moralischen Mut, nicht bloß den eigenen Stammesbrüdern, sondern auch den meisten Gegnern zu predigen und den Erfolg, manche zu überzeugen und zu bekehren. Wo haben wir in Oesterreich eine Organisation der jüdischen Frontkämpfer, die sich zum praktischen Schutze der Stammesgenossen den hakenkreuizlerischeii Frontkämpfervereiniigunigen herzhaft entgegenstellen würde? Auch die Juden dürfen auf das „Teir'-Zitat der nationalen Deutschen verweisen, daß ein Volk, das nirgends vor seinen 3edrängern Schutz findet, zu den ewigen Sternen hinaufgreift, von dort sein Recht herunterzuholen. Aus dieser Idee ist der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten entstanden, und da er mit dem Umstand rechnet, daß seine kräftigen Männer der Zeit ihren ' Tribut entrichten müssen, ist er auf Nachwuchs bedacht, geht an die Herstellung einer jungen Front, deren Aufgabe in einem seiner Schaffung gewidmeten Aufsatz unter anderem verkündet wird: „Diese junge Front wird1 auch im Augenblick der Notwehr bereit sein, mit uns i n die B r e s c h e zu springen, wenn ein aufgehetzter Mob e*s versuchen so 111e, Leb en, Eigentum und'Elire unserer Glaubensgenossen z u bedrohe n." Die jüdischen Frontkämpfer Deutschlands sind sich eben darüber klar, daß auch für, sie der Augenblick komimen könnte, wo sie von den ewigen Sternen das Recht des Selbstschutzes heräbhblen

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