Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 DIB WAMRHEflf Ädt*S tragen. Und doch könnten wir Christen uns gerade an der jüdischen Wohltätigkeit ein leuchtendes Beispiel nehmen, zumal sich diese keineswegs auf ihre Religionsgenossen beschränkt, sondern alle Not umfaßt, ja nicht einmal Halt macht, vor der von Antisemiten. „Arbeitet mit den jüdischen Volksgenossen zusammen an der Linderung der Not, die unser unglückliches Schicksal heraufbeschworen hat, und wenn ihr noch sittlich empfinden könnt, so werdet ihr den Antisemitismus ablehnen! Ihr Studenten, die ihr in Judenhetze macht, müßt ihr nicht schamrot werden, wenn ihr euch sagen müßt, daß ihr den billigen Mittagstisch, an dem ihr. euern Hunger stillt, großenteils dem Wohltätigkeitssinn von Juden verdankt!" Bei den verhetzten und hartgesottensten Antisemiten ertönt dann als Antwort wohl: „Erst haben sie uns ausgesogen; jetzt geben sie uns ein kümmerliches Almosen." Den Beweis für das .erstere bleiben sie schuldig. Solchen Leuten gegenüber ist jede Argumentation vergeblich. Aber bei gar manchem Antisemiten, dessen Sittlichkeitsbewußtsein eben nur irre geleitet war, habe ich doch mit meiner Argumentation tiefen Eindruck gemacht. In Forst i. L. habe ich einmal in einer großen öffentlichen Versammlung gegen den Antisemitismus gesprochen. Im Anfang noch erregte. Zwischenrufe, die ich mit der wiederholten Zusage freier Diskussion beschwichtigte. Dann setzte ich eingehend all den Schwindel auseinander, daß die Juden schuld am Krieg, an seinem unglücklichen Ausgang seien; wies nach> wie gerade hervorragende Juden Englands und Deutschlands: Lord Rothschild, Sir Ernest Cashel, Ballin u. a. m. sich vergeblich bemüht hätten, den Krieg zu verhüten. Wie die Juden auch im Krieg voll ihre Schuldigkeit getan und wie es eine unsittliche Roheit sei, die, welche ihre Qatten, Söhne, Väter für das Väterland geopfert, die, welche Leben und Gesundheit dafür eingesetzt hätten, nunmehr zu beschimpfen, sie ihrer staatsbürgerlichen Rechte berauben zu wollen. Ein Volk sei keine Stammessondern eine Kulturgemeinschaft. Die Kultur unserer jüdischen Mitbürger sei keine jüdische, sondern sei deutsch. Ihre Muttersprache sei deutsch; an allen Fortschritten der deutschen Kultur hätten deutsche Juden aufs Hervorragendste mitgearbeitet, sei es auf den Gebieten der Kunst, der Technik, der Wissenschaften. Keines dieser Gebiete könne die Mitarbeit der deutschen Juden entbehren. Aber auch die Kultur der Welt könne die deutsche Mitarbeit nicht missen; sie würde arm an Kulturwerten sein, ohne das, was das deutsche Volk dazu beigetragen hätte. Sie würde in Zukunft verarmen, wollte sie zulassen, daß Deutschland durch Verelendung und Versklavung nicht mehr daran mitarbeiten könne. Wir seien machtlos, aber wie wir den Krieg verloren hätten, weil infolge der blöden Kriegshetze der Alldeutschen, welche der Lüge von der deutschen Alleinschuld Nahrung gegeben hätte, die öffentliche Meinung der Welt gegen uns gestanden habe, so müßten wir sie wieder gewinnen, indem.wir ständig in Dr. Rudolf Holsts „Judentum, in allen dessen Teilen aus einem staatswissenschaftlichen Standpunkte betrachtet". Das metaphysische „Hepp! Hepp!" dieses Herrn Dr. Holst brandmarkt Börne in seiner Schrift „Der ewige Jude", einer Kritik des Holstschen „Werkes", mit echt Börnescher Schlagfertigkeit so treffend, daß eine heute geschriebene Abwehr, selbst aus der Feder einer Bertha Suttner, nicht „aktueller" erscheinen kann. Börne sagt von diesem Vorläufer Dührings, daß der gute Mann das Judentum für ein vollständiges Konversationslexikon aller gangbaren Spitzbübereien ansieht: „Er teilt die Welt (heißt es im „Ewigen Juden") in zwei Teile und nennt den einen Judentum, den anderen Nicht-Judentum. Dieses ist - ihm das feste Land, woraus Blumen und Kräuter sprießen, Vögel singen, Quellen murmeln und harmlose Schäfer schuldlose Tage verbringen; das Judentum aber erscheint seinem schwindelnden Blicke als „ein wildes Meer, wo Haifische rauben und heuchlerische Krokodile betrügen". Ganz auf der Höhe der modernen Rassen-Antisemiten (Motto: „Was der Jude glaubt,, ist einerlei, in der Rasse Wiegt die Schweinerei") scheint der alte christlich-germanische Herr Dr. Holst aber noch nicht gestanden zu sein, sonst könnte es in der genannten Börneschen Schrift nicht heißen: „Da hört Ihr mit Eueren eigenen Ohren, was ich früher erzählt habe: So oft der Verfasser einen Juden trifft, von dem er gestehen muß, daß er ein ziemlich ordentlicher Mensch sei, wirft er ihn in den Schmelztiegel des Christentums, scheidet das Gold aus und wirft dem Judentume die Schlacken hin". ihr zeigten, daß die/Welt das deutsche Kulturvolk, das Volk der Denker und Dichter, nicht entbehren könne;. Das sei aber aussichtslos, wenn sie uns infolge des Umsichgreifens des Antisemitismus, dieses Rückfalles in die finstersten Zeiten des Mittelalters, auf eine Kulturstufe mit Polen und Rumänien stelle. Wer sein Deutschtum hochhalte, wer Deutschlands geistige und damit auch seine wirtschaftliche und politische Größe wieder herstellen wolle, müsse daher den Kampf gegen den Antisemitismus aufnehmen. Nach meiner mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede forderte der Vorsitzende zehn Minuten lang vergeblich immer wieder zu Wortmeldungen auf. Kein Gegner wagte sich heraus. Rund 60 Anwesende traten sofort dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus bei, darunter einige junge Ceute, die sich bisher mit dem Hakenkreuz „geschmückt" hatten. Auch bei rein politischen Versammlungen sind mir Antisemiten kaum je entgegengetreten; selbst im letztem Wahlkampf nicht. Anders dagegen einmal vor etwa vier Jahren in Nürnberg, wo sie planmäßig den nicht genügend großen Saal vorher besetzt hatten, so daß unsere Anhänger nicht mehr hereinkonnten und wo sie nur durch wüsteste Szenen das Reden — ich sollte über die „Möglichkeit eines Preisabbaues" reden — einfach unmöglich machten. Selbst das Verlassen des Saales war nicht ungefährlich. - Auch am nächsten Tag in München versuchte eine starke antisemitische Sprengkolonne meinen Vortrag durch fortgesetzte Störimgsversuche unmöglich zu machen. Solange die herbeigerufene Polizeiwache anwesend war, verhielten sie sich ruhig; kaum war sie weg, begannen die Störungen wieder. Es waren reine Radaubrüder; außer dem Lärm hatten sie keine Argumente. Im letzten Herbst hielt ich eine vom Abwehrverein einberufene öffentliche Versammlung in Kottbus ab. Wenige Tage vorher hatte der Abg. Bruhn, früher Antisemit, jetzt antisemitisches Mitglied der Deutschnationalen, eine Versammlung abgehalten, in der dem christlichen) Führer unserer dortigen Ortsgruppe die Gegenrede verwehrt wurde. Die Stimmung war daher besonders erregt. Die verschiedenen antisemitischen Organisationen hatten ihre starken Stoßtrupps — meist aus Halbstarken bestehend — entsandt, um Skandal zu machen, der dann auch bereits bei den EinleitungsWorten des Vorsitzenden ausbrach und zu einer Keilerei mit blutigen Köpfen führte. Als sie aber wahrgenommen hatten, daß sie die Schwächeren waren, hörten sie schließlich meine Ausführungen ruhig an. Dafür schickten sie in der Diskussion einen nach dem anderen vor und verlangten, insbesondere nachdem der sozialdemokratische Redner in dieser auch über 20 Minuten gesprochen hatte, unbeschränkte Redezeit. Die Taktik geht dahin, durch unendliche Ausdehnung der Diskussion bis zur Polizeistunde den Referenten die Widerlegung im Schlußwort unmöglich, und wenn er es doch noch für Ein Jude und ein „ziemlich ordentlicher Mensch", davon kann bei unseren Antisemiten natürlich gar keine Rede sein! „Pardon wird nicht gegeben", das heißt: Kein Jude kann ein ordentlicher Mensch sein; kein Jude darf unter den Deutschen geduldet werden, (nur! so lange er das Geld für diese Herrchen hergibt und sich ausnützen läßt. Anmerkung des Serzerlehrl.) auch nicht ein Walther Rathenau. „Schlagt ihn tot; den Rathenau, die verfluchte Judensau!" Dem Herrn Dr. Holst und der ganzen Garde der Judenhasser, Judenhetzer und Judenfresser („politische" Mordanschläge gegen hervorragende jüdische Geister gab es damals noch nicht) leuchtet Börne mit folgender Abfertigung heim: „Der Verfasser (Dr. Holst) selbst bemerkt: „Es steht von unserem sogenannten (ja wohl!) „aufgeklärten" Zeitalter zu befürchten, daß, wenn nach einigen tausend Jahren auf dasselbe zurückgesehen wird, es ebenfalls heißen mag: Wie weit war man damals in vielen und manchen Dingen zurück, wie äußerst finster sah es noch in den mehrsten Köpfen damals aus". Diese Befürchtung beantwortet Börne also: „Nach einigen tausend Jahren? Herr Dr. Holst hat große Geduld! Was mich betrifft, so hoffe ich, es noch zu erleben, daß man selbst in keiner deutschenglischen Kolonialstadt (Hamburg) ein aufrührerisches oder albernes Buch gegen die Juden wird schreiben dürfen, ohne ins Gerichtshaus oder ins Tollhaus zu kommen." So Börne. — Sind also die beiden Börneschen Schriften über den Antisemitismus auch heute noch ganz zeitgemäß oder nicht?