Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 54 sofort bewußter Natäonafljude wurde. Hier stimmt schon wieder etwas nicht. Herzl war schon längst Nationaljude. Die Eindrücke, die er bei der Beschimpfung dies unschuldig Verurteilten empfing, konnten die zionistische Gesinnung nur vertiefen und verstärken. Daß 5r im Bericht über den schändlichen Vorgang keine Unschuldsbeteuerung des Verurteilten erwähnt, wird als dessen Schuldbewiußtsein gedeutet. Mit welchem Recht? Wozu hätte sich Dreyfus vor einer entarteten, wütenden Soldateska verteidigen sollen, da ihm ja seine Verteidigung vor dem zuständigen Militärgericht nachts genützt hat. Das Schweigen bei der Exekution muß nicht als Beweis des Schufldtaewußtseins gedeutet werden, es konnte auch Ausfluß verachtungsvollen Stolzes sein. „An der Schuld des Dreyfus hat Herzl damals nicht gezweifelt", meint der Leuchttürmer. Woher kommt diese Vermutung? Denn nur eine solche kann es sein. Sie ist durch nichts erwiesen. Eher ließe sich das Gegenteil mit ziemlicher Berechtigung annehmen. Herzl kannte die jüdische Psyche zu gut, um nur einen Augenblick dem Gedanken Raum zu geben, daß ein Glaubensgenosse der Niederträchtigkeit des Landesverrates fähig sein könnte. Ebenso perfid wie verlogen ist die weitere Unterstellung, daß die Juden, „als sie dahinter kamen, daß die Verurteilung eines der ihrigen ihrem Ansahen und Bestrebungen nachteilig war, unter Aufwendung ungezählter Millionen! aus allen Ländern den große Dreyfus-Rummel in Szene setzten". So war es keineswegs, wie jeder aus der Geschichte dieses beispiellosen Justizskandais sich belehren kanai. Die Bemühungen der gesamten Judenheit und noch so viele angewendeten Millionen hätten an der Dreyfus-Affäre nichts geändert, wenn nicht ein Gewaltiger in diese res iudicata eingegriffen hätte. Niemand Geringerer als Emile Zola war es, der sich unaufgefordert zum Aniwalt des unglücklichen, nach der Teufelskisel verbannten Dreyfus auf warf; lediglich aus der Reinheit seines edlen starken Dichterherzens und einer untrüglichen Intuition schöpfte Zola die Kraft zu der gefährlichen Aufgabe, gegen den Strom der verblendeten öffentlichen Meinung anzukämpfen. Für ihn stand viel auf dem Spiele. Seine Popularität, seine Berühmtheit und persönliche! Sicherheit. Bekanntlich wollte ihn der gereizte wütende Pöbel aller Stände, als er sich auf der Straße zeigte, in die Seine werfen. All dies konnte Zolas seltenen Mut nicht brechen. Er ließ nicht von seinem kühnen Wort „J'acouse". Er hielt seine furchtbare Anklage gegen die mächtigsten Großen die$ damaligen Militarismus aufrecht. In aller Welt bekannt geworden ist 'Seim anderes, in Erfüllung gegangenes Wort „Le verite est en marche." In der Tat, die Wahrheit war auf dem Wege und1 hat sich zuletztl doch siegreich durchgesetzt. Lange nach der Rückberufung Dreyfus wurde dessen Nichtsohiulld durch die Bekenntnisse des zu London elend gestorbenen Schurken E'&terhazy restlos aufgewiesen. AU diese Tatsachen gegenüber hat ein nichtswürdiger Ehrabschneider den Versuch einer neuen Beschimpfung des Rehabilitierten gewagt. Nichts ist bezeichnender für den moralischen Tiefstand! der Antisemitiismustreibenden. G. D. Meine Erfahrungen mit Antisemiten. Von Reichsminister a. D. Dr. Ing. G o t h e i n, Vorsitzender des Vereines zur Abwehr des Antisemitsmus. (Schluß.) In England hat man nach der Judenemanzipation zuerst auch* über das protzenhafte Auftreten reicher Juden geklagt und darüber gespottet. Man lese nur die Schilderungen damaliger englischer Sitten! Als sie aber in die Gesellschaft aufgenommen waren, haben sie sich rasch deren gute Sitten und Gewohnheiten angeeignet. Heute spottet man dort ebenso wie früher über das Auftreten des Parvenüs, aber man unterscheidet ihn nicht nach seiner Religionszugehörigkeit. Das Ungerechteste im Antisemitismus ist die Verallgemeinerung: Weil man mit einem Juden einmal üble Erfahrungen gemacht hat, sind alle Juden übel. Weil der eine hartherzig und geizig ist, wird diese Eigenschaft auf alle über- Feuilleton Borne über den Antisemisimus. Von Leopold Schwarz. „Wo's immer galt, ein freies Wort zu sprechen, da war es Börne, der es kühn getan!" Da die Judenfrage nicht erst von heute und auch nicht erst von gestern oder vorgestern ist, sondern, wenn auch in wechselnder Form, ein hohes Alter hat, so ist es ganz natürlich, daß der Geistes- und Charakter- Rothschild der Frankfurter Judengasse schon vor etwas mehr als hundert Jahren in höchst geistreicher und sehr zutreffender Weise über den Antisemitismus sich aussprach; daß die Judenfrage damals Judensache hieß, ändert an der Sache gewiß nicht das mindeste. Alle Geistes- und Herzensvorzüge des großen Freiheitsanwaltes finden sich in zwei Börne'schen Schriften zur Judenfrage, wahren Manifesten wider vielhundertjähriges Unrecht, das sich auch noch immer in unseren „aufgeklärten" und höchst „glorreichen" Tagen des „Krieges Aller gegen Alle" gar mächtig und schier übermächtig regt: eine glänzendere Abfuhr des Antisemitismus ist auch heute kaum denkbar, und darum seien diese beiden leider jetzt noch höchst zeitgemäßen Schriften Börners in wohlverdiente und sehr nötige Erinnerung gebracht. „Für Recht und Freiheit sollte ich sagen: aber verstünden das die Menschen, dann wäre keine Not und es bedürfte der Rede nicht", mit diesen echt Börneschen Kernworten beginnt die Schrift „Für die Juden" (1819); die zweite Schrift aber: „Der ewige Jude" (1821) schließt mit folgenden Trostworten: „Die neue Verfolgung, welche die Juden im ungelehrigen Deutschland erdulden, ist keine frisch aufgelebte; sie hat sich aufgerafft im letzten Kampfe des Todes. Die Flamme des Hasses lodert noch einmal hell, um auf ewig zu verloschen. Das tröste die Leidenden! Shakespeare und seine Schwester Erfahrung sprechen: „Vor der Genesung einer heft'gen Krankheit .... im Augenblick der Kraft und Besserung ist am heftigsten der Anfall; jedes Uebel, das Abschied nimmt, erscheint am übelsten". Auf den ersten Blick mögen oder müssen sogar diese Worte als ein sehr schlechter Trost und als eine ganz verfehlte Weissagung erscheinen! Auf ewig sollte der Judenhaß verlöschen, nachdem die Flamme dieses alten Hasses im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts noch einmal zum letztenmal mächtigst aufgelodert? Wie sieht es denn in unseren Tagen aus, im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts? Bei näherer geschichtlicher Betrachtung und bei tiefschürfender Ueberlegung gewinnt die Börnesche Prophezeiung gar sehr: Börnes Zeitalter (des beginnenden Nationalismus und Kapitalismus) ist nämlich noch nicht abgeschlossen, sondern geht erst langsam seinem Abschluß entgegen; darum lodert der Judenhaß noch immer, und darum mußte der „liebliche Antisemitismus („Du sollst deine Feinde lieben!") gerade in unserem Zeitabschnitt wieder besonders hitzig ausbrechen. Die. wütenden General- und Pauschalanklagen wider die Juden sind nicht neu, sie finden sich schon u. a. voll-