Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Deutschösterrelclilscfte Wociiensöiriti for tfldlsdie Interessen PIK dem Beiblatt; VeröHenUitiiunaen der „Union deufschösterreidiisdier Juden** Redaktion und Administration: Wien Helne§fro6e 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 22. August 1924 Nummer 34 Dreyfus-Märchen. Nach der Gepflogenheit antisemitischer Lohnschreiber, aus alten Schmökern Material gegen die Juden hervorzuholen, ohne Bedachtnahnie darauf, ob dieses glaubwürdig erscheint oder nicht, ■tischt ein Mitarbeiter des Orgaines der nationalsozialistischen Freiheitspartei, des „Südthüringer Leuchtturm", angeblich unter Benützung des deutschem Quellenwerkes „Die große Politik der europäischen' Kabinette 1811—1914", den bedenklichen alten Kohl der Dreyfus-Affäre auf. Es mag dahingestellt bleiben, ob der Inhalt jener „großen Politik" schon im Original gefälscht wurde — bei Diplomaten soll derlei nicht selten vorkommen — oder ob dieses Geschäft aus zweiter Han'd besorgt wurde, jedenfalls klingt die Sache sehr unwahrscheinlich, wie man nach Kenntnisnahme der folgenden Zeilen finden wird: „Ein Geheimbericht des damaligen deutschen Militärattaches in Paris bestreitet, daß irgendwelche Beziehungen zwischen Dreyfus und der deutschen Botschaft stattgefunden haben. Diese amtliche Auslassung ist von der Judenpresse, voran dem „Vorwärts" schleunigst so ausgelegt worden, als ob nuni die Unschuld des Dreyfus endgültig bewiesen sei. Nun weiß aber jeder Unterrichtete, daß eins solche amtliche Feststellung gar nichts beweist; denn die — im Prozeß bekanntlich niemals gegenannte — Macht, an die er nach der Anklage Heeresgeheimnisse gegen Bezahlung verraten haben sollte, war ja nicht Deutschland, sondern R u ßland! Den Urhebern der jetzt durch die Blätter gehenden! Nachricht ist das selbstverständlich auch ganz genau bekannt. Darauf, daß diese Macht von französischer Seite nicht genannt werden durfte, beruhte ja während und nach dem Prozeß die ganze Taktik der Dreyfus-Freun'de. Wir sind nun in der Lage, als Zeugnis für die Schuld des Dreyfus einen Mann anführen zu können, dem selbst die jüdische Presse Maßgeblichkeit und genaueste Kenntnis in dieser Sache nicht wird) abstreiten können. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Weltkrieges hat der bekannte österreichische Publizist Hermann Bahr in der zionistischen „Welt" Erinnerungen an seine Beziehungen mit Theodor H e r z 1 während seines Pariser Aufenthaltes veröffentlicht. Darin berichtet er u. a., wie Herzl Zeuge der Degradier u n g des Dreyfus gewesen sei und wie dieser gerade durch das Benehmen, das die französischen Offiziere und Soldaten bei diesem Auftritt dem Dreyfus gegenüber an den Tag legten, zum bewußten Nationaljuden und damit zum Gründer des Zionismus geworden sei. Merkwürdigerweise berichtet dabei Herzl in der sehr genauen Schilderung des Vorganges nichts von Unschuldsbeteuerungen des Dreyfus, die dieser ganz sicher angesichts seines Rassengenossen und der übrigen Zuschauer erhoben haben würde, wenn die Verratsbeschuldigung zu Unrecht erfolgt wäre; er weiß im Gegenteile nur davon zu berichten, daß Dreyfus — wie ein Schuldbewußter — den Eindruck eines völlig G ebroche nen gemacht habe. Ausdrücklich fügt Herman« Bahr hinzu: „An der Schuld des Dreyfus hat Herzl damals nicht g e z w e i f e 11.** Weiterer Beweise für den ohnedies völlig klaren Sachverhalt bedarf es wohl nicht. Wenn Dreyfus es bei seiner Degradierung nicht wagte seine Unschuld zu beteuern, wenn 'selbst ein Theodor Herzl „damals" von seiner Schuld überzeugt (?) war — so ist eben die Schuld des Dreyfus klar erwiesen. Sie galt auch in der ersten Zeit nach der Anklageerhebung und Verurteilung nirgends als strittig. Erst als die Juden dahinter kamen, daß die Verurteilung eines der ihrigen ihrem Ansehen und ihren Bestrebungen nachteilig war, wurde unter Aufwendung ungezählter Millionen aus allen Ländern der große Dreyfus-Rummel in Szene gesetzt, der die Welt jahrelang in Atem hielt und in dem zwar nicht stärker, aber doch sichtbarer als je in einem ähnlichen Falle zuvor^ die politische und finanzielle Macht des Judentums in Wirksamkeit trat. £ Die jämmerliche Niedertracht dieses ungeschickten Machwerkes muß auch dein minder Scharfsinnigen auf dem ersten Blick klar werden. Daß der damalige deutsche Militärattache Beziehungen zwischen Dreyfus und der deutschen Botschaft bestritt, war eine Selbstverständlichkeit und konnte auch der Wahrheit gemäß sein. Vielleicht war es eben ein anderer französischer Staatsoffizier, der sein Vaterland am eine fremde Macht verriet. Diese soll Rußland gewesen sein. Was aber auch nicht stimmen dürfte, denn Rußland war der geschworene Freund und Verbündete Frankreichs, dessen Aufmarschpläne kennen zu lernen für Petersburg von keinem brennenden Interesse sein konnte. Aber weiter als Kronzeugen für die Schuld Dreyfus werden Hermann Bahr und Theodor Herzl genannt. Bahr, der großartige Gesir.nimgsmensch, will beobachtet haben, daß Herzl, d-tma'is Korrespondent der „N. Fr. Pr.", der der Degradierung Dreyfus beiwohnte, von den Roheitsausbrüchen gegen den Unglücklichen derart empört war, daß er