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Die Wahrheit · 1924-08-15 · Heft 33 (15.8.1924) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 33 (15.8.1924)
Date
1924-08-15
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 55 Von Woche zu Woche Die Affäre Hans Herzl. Gerüchte, die in den letzten Tagen mit tiefer Bewegung von Mund zu Mund gingen und einen Glaubenswechsel des einzigen Sohnes Dr. Theodor Herzls zum Gegenstande hatten, haben sich leider bewahrheitet. Hans Herzl ist in Wien zum Katholizismus übergetreten. Was die Kraßheit dieses Falles erhöht, ist der Umstand, daß die Taufe am 20. Juli vorgenommen wurde, dem Tage, da sich der Tod des hochverehrten Begründers des Zionismus zum zwangzigsten Male jährte und Anlaß einer imposanten Trauerkundgebung war, an der Tausende von Juden aller Parteistellungen teilnahmen. Beim Tode Tfreodor Herzl's war dessen einziger Sohn 13 Jahre alt und wurde letztwillig zu seinem Vormund Dawid Wolffsohn ernannt, dem die Aufgabe erwuchs, neben der zionistischen Führerschaft auch die Erziehung des jungen Herzl im hehren Geiste seines Vaters zu leiten, um die Traditionen des Namens Herzl im Sohne fortleben zu lassen. Daß diese Mission nicht gelungen, ist mehr als beklagenswert, doch widerstrebt es uns, diesen tiefbeschämenden Fall zum Anlasse eines Vorwurfes oder einer Kritik zunehmen, weil dies zu weit führen würde. Einstein und der Völkerbund. Das Berliner Hetzblatt „Fridericus", das sich satirisch gebärden möchte ,regte sich in einer seiner letzten Nummern darüber auf, daß die Meldung über den Wiedereintritt Einsteins in den Völkerbund von uns mit Freuden begrüßt wurde," zumal der berühmte Professor der erste deutsche Gelehrte war, der im ehemals feindlichen Ausland Vorträge hielt und so den wisenschaftlichen Ruf Deutschlands wieder begründen half. Einstein, der Jude, ist für den „Friderieus" natürlich kein Deutscher. Zu seiner "Orientierung seien dem Blatte die Kautelen bekanntgegeben, unter denen Einstein wieder in den Völkerbund eintritt. Der Vertreter einer parlamentarischen Fraktion'hatte mit Einstein in Genf eine interessante Unterredung. Einstein sagte: „Mein seinerzeitiger Austritt aus dem Völkerbunde geschah unter dem Eindrucke der ungünstigen Verhältnisse, weil sich der Völkerbund gegen europäische Probleme passiv verhielt. In der jüngsten Zeit aber habe ich mich vom realen Willen der Mitarbeit am Werke des Völkerbundes überzeugt, dessen Streben tatsächlich dahingeht, die europäischen Verhältnisse einer Gesundung zuzuführen. Da man mich trotz meines seinerzeitigen Austrittes erneut zur Mitarbeit am Völkerbund aufgefordert hat, habe ich mich entschlossen, an den Arbeiten des Völkerbundes wieder teilzunehmen, die der Versöhnung der Völker dienen sollen. Mein persönlicher Eindruck von der Arbeit der Kommission, der ich angehöre, ist sehr günstig. Ihre Mitglieder sind wirklich gute Europäer, die nur der Schaffung einer neuen.Internationale der geistigen Arbeiter dienen wollen. Ich muß hierbei besonders betonen, daß die Vertreter der deutschen Wissenschaft so behandelt werden, als ob Deutschland bereits ein vollgültiges Mitglied des Völkerbundes w ä r e." Ausgrabung Sodoms und Gomorrhas. Eine geistliche Gesellschaft in St. Louis hat den Beschluß gefaßt, die Sündenstädtc Sodom.und Gomorrha, die bekanntlich nach der biblischen Geschichte durch einen feurigen Regen von Pech und Schwefel verschüttet und zerstört wurden, auszugraben. Die Expedition hat sich bereits unter Führung des Direktors von dem theologischen Xenia-Seminar in St. Louis nach .1 er u s a 1 e m begeben, um von dort aus die Ausgrabungsstätte zu erreichen. Die Ausgrabung wird noch in diesem Monat begonnen werden. Krakau. Herr Oberrabbiner Josef Korriitzer aus Sevljus wurde zum Oberrabbiner von Krakau gewählt. Der Öberrabbinatssitz war 41 Jahre verwaist. Der französische Präsident als jüdischer Gemeindesekretär. Von Gaston Doumergue, dem Präsidenen der Republik, berichtet „Cahier de la Semaine", eine Zeitung in Oran (Algier), daß er zu Beginn seiner Laufbahn Friedensrichter in der algerischen Stadt Ain-el-Arba war. Dort freundete er sich mit jüdischen Notabein an und übernahm schließlich die Korrespondenzen der jüdischen Gemeinde. Da er als Richter nur 120 Frcs. in bar bezog, kam er manchmal nicht aus und nahm dann bei seinen jüdischen Freunden Vorschüsse. Zu den jüdischen Feiertagen war er Gast der jüdischen Familien. St. Pölten. Seit 1. Mai d. J. war die Stelle eines Oberkantors in St. Pölten unbesetzt. Anläßlich des Probebetens wurde Herr Oberkantor Bernhard Zimmerspitz aus Bisenz akzeptiert und wurde seine Funktionsübernahme am Freitag, den 8. d. M., in feierlicher Weise begangen. Im festlich beleuchteten Tempel fanden sich die Mitglieder der St. Pöltener Kultusgemeinde ein. Vor Beginn 4es Gottesdienstes begrüßte ihn Herr Kultusvorsteher Albert Leicht. Herr Rabbiner Dr. Schächter hielt die Festpredigt, in welcher er in beredten Worten die Auf gaben, und Pflichten eines Chasen auseinandersetzte und auf das segensreiche Schaffen der Kantoren Sulzer und Lewandowsky hinwies. Er erklärte, daß das Vorbeten nicht ein leerer Schall sein soll, sondern der Chasen muß durch die Schönheit seines Vortrages das jüdische Empfinden seiner Zuhörer erwecken. Mit einem „scholem" begrüßte Herr Rabbiner Dr. Schächter den neuen Kantor und dieses „scholem" kam aus den Herzen der ganzen Gemeinde. Seit dem Abgange des unvergeßlichen R a b inowitz nach Amerika hatte im St. Pöltner Tempel bis zum Antritte des Oberkantors. Zimmerspitz keine so herrliche Stimme die Herzen der Andächtigen erwärmt. Was geht mit Hitler vor? Der .Nationalsozialist", ein völkisches Blatt, das bei der eigenen Partei wenig Kredit genießt, will durch einen Ausfrager von Hitler herausgebracht haben, daß er sich dem Kampfe gegen das Judentum mit verstärkter Kraft widmen werde. Sehr im Gegensatz zu dieser Meldung steht eine frühere Aeußerung Hitlers, daß. er sich von der Führung der Partei gänzlich zurückziehen werde. Ob zu diesem Entschluß innere oder äußere Umstände beigetragen haben, bleibt dahingestellt. Es ist ^ehr möglich, daß jemand in freiwilliger oder unfreiwilliger Muße sich auf sich selbst besinnt und von Menschen und Dingen anders denken lernt. Die Erfahrungen mit Ludendorff und ähnlichen Großen können dazu wesentlich beigetragen haben. Man höre, wie sich ein persönlicher Freund Hitlers und Mitbegründer der völkischen Bewegung im „Bayr. Kurier", da ihm kein Parteiblatt die Spalten öffnen wollte, vernehmen läßt. „Hitler sei gar nicht der Judenhasser, für den er zu gelten schien; sondern war starken Einflüssen unterstanden, die von Dietrich Eckart und kleineren Geistern hinter den Kulissen kamen. In der Einsamkeit der Haft erkenne er jetzt frühere Irrtümer, die Unmöglichkeit, die Judenfrage so zu behandeln und zu lösen, wie er es früher beabsichtigt, die Unzulänglichkeit vieler seiner Unterführer. Daß er jetzt die Führung der Bewegung niederlege, habe, seinen Grund, in der „Umwandlung seiner Ansichten über die bisherige falsche Behandlung der Judenfrage innerhalb der Völkischen." Die Hakenkreuzler werden sich wohl oder übel nach einem anderen Oberbonzen umsehen müssen. Juden in Südafrika. Im Parlament sitzen sieben Juden. Des weiteren wurde ein Jude in den Senat gewählt. Bis vor kurzem war auch ein Jude Bürgermeister von Johannesburg. Nathan Strauß in München. Der bekannte amerikanische Philanthrop wurde von Dr. Held, dem bayrischen Ministerpräsidenten, eingeladen, um sich mit ihm über wichtige ökonomische Maßnahmen zu beraten. Im Banne des Antisemitismus. Die reichsdeutsche Regierung will aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Trotz mehrfacher Aeiißerungen über die formale Gleichberechtigung aller Staatsbürger hat sie einen Akt gesetzt,- der, ihr die volle Zuneigung aller Völkischen erwerben könnte. Der Fall ist ebenso einfach wie bezeichnend. Am 3. August fand in Berlin, auf dem Königsplatz vor dem Reichstagsgebäude eine große allgemeine Feier für die deutschen Kriegsopfer statt. Die Feier, die einen hoch offiziellen Charakter trug, ist vom Reichskabinett beschlossen worden und wurde von demselben durch- JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: WienIi., Glockengasse 24 Wien II., Taborstraße 44

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