Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 33 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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sich erheben kann. Nicht schlichte Herzensfrömmigkeit, Hingabe und lautere Gesinnung bringen sie mit, sondern zerfressende Zweifelsueht, öden Nihilismus, gähnende Leere in der Seele. Sie bringen auch kein Opfer, indem sie sich der Kirche anschließen wollen. Denn was sie verlassen, ist nicht eine seelische Heimat, von der Hand der Urahnen erbaut, von den Vätern seit Generationen bewohnt, mit der das ganze Wesen des Menschen verwachsen ist und von der die Scheidung den tiefsten Schmerz verursacht, sondern das Nichts, die verlassene, ungastliche Einöde. Mögen sie doch bleiben, wo sie waren. Sie haben sich selber aus ihrer früheren Gemeinschaft ausgestoßen. Die Kirche ist kein Nachtasyl für Ausgestoßene. ' •Wer wird es der christlichen Kirche verübeln, daß sie ihre Tore vor diesen unheiligen Heilsuchenden nicht angelweit öffnen würde? Wir Juden wären auch nicht sonderlich beglückt, wenn plötzlich ein Schwärm zweifelhafter Kantonisten in unserer Synagoge sich drängte, nicht von ernster Gewissensprüfung getrieben, sondern nur, um hinter dem Aushängeschild einer bekannten und bewährten Firma Zuflucht zu finden. So wird die jetzige Abfallbewegung, aus trüben, flüchtigen, krankhaften, mißverstandenen Freiheitsregungen entstanden, ihre unheilvollen Früchte zeitigen, wenn die Stimmungen, aus denen sie geboren, längst verflogen sein und nicht mehr verstanden werden. Es würde sich lohnen, den Ursachen nachzugehen, die einen derartigen moralischen Verfall bei uns ^ermöglicht haben. Vor allen Dingen aber wäre es Pflicht aller maßgebenden Instanzen, sich zu einer gemeinsamen Aktion zusammenzutun und dem weiteren Umsichfressen der unheimlichen Seuche nach Kräften entgegenzuwirken. Müßig die Hand in den Schoß legen, heißt hier, sich zum Mitschuldigen machen. Frieden im Kriege: 1914 und Krieg im Frieden: 1924. Gedenkworte bei der Erinnerungsfeier der 10jährigen Wiederkehr des Kriegsausbruches, gesprochen in der Synagoge zu Trier von Oberrabbiner Dr. A11 m a n n, Trier. In dem . fünften Buche der heiligen Lehre, das wir am nächsten Sabbath*) zu lesen anheben werden, fordert der. unsterbliche Meister und Führer Moses die Seinigen auf, zur besseren Erkenntnis der Gegenwart und Zukunft Reminiszenzen aus der Vergangenheit in ihrem Gedächtnisse wachzurufen: Ki sch'al nu l'jumin rischaunim ascher hoju lefu-necfib „Frage doch an, so läßt er sich vernehmen, bei den vergangenen Tagen, die vor dir gewesen, .... ob etwas wie diese große Sache sich begeben, oder ob' dergleichen gehört worden." Auch wir fühlen uns bei unserer heutigen Zusammenkunft von einer ähnlichen Aufforderung angesprochen. Gilt es doch der Gedächtnisauffrischung gerecht zu werden aus Tagen, die halb vergangen und halb noch in unserem Bewußtsein haften, niemals aber gänzlich geschwunden sind aus unserem Geiste und Herzen. Gilt es doch, eine Reminiszenz, schlicht und recht zu begehen, die zu dem Wehmütigsten und Wunderbarsten, zu dem Bedrückendsten, aber auch zu dem Erhebendsten gehört, was wir je erlebt, und was seit Menschengedenken überhaupt erlebt worden ist. Es ist die zehnjährige Wiederkehr des Tages, an dem der große Krieg, der die ganze Welt in Verwirrung brachte, zum Abschluß kam. In zweifacher Weise hat die Erinnerung an diesen weltgeschichtlichen Wendepunkt für uns Zeitgenossen eine Bedeutung: Als Hinblick auf das Erlebte und Erlittene und als Ausblick auf das Gewünschte und Erhoffte. Das Erlebte und Erlittene betrifft uns selbst und unsere Opfer an Gut und Blut, und das Erwünschte und Erhoffte geht das Glück unserer Kinder an, die Ruhe und den Frieden der nachkommenden Generation. I. Wen/n ein Hinblick auf das Erlebte und Erlittene die erforderliche bewußtseinsstarke Wirkung auslösen soll, so muß er aus dem eigensten, persönlichsten Erlebten heraus erfolgen. Jeder hat den Augenblick des Kriegsausbruches nach seiner Art erlebt. Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich ihn gedanklich für meinen Teil erlebte. In meiner Knabenzeit fesselte mich unter allen profanen Lehrgegentänden in der Schule am *) (Deut. 4, 32). meisten der Geschichtsunterricht. Die rege Phantasie des Knaben fand in den dargestellten Charakterbildern von Königen und Kriegern, von Schlachtengetümmel und Heldentaten, von großen Menschen und bewegten Zeiten reichen Stoff und starke Anregung zum Weiternachdenken. Einmal — so erinnere ich mich — trug der Lehrer die übliche Dreiteilung der Geschichte vor, in Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Er bemerkte dabei ungefähr, daß sich jedes Zeitalter durch gewisse Ereignisse sozusagen im vorhinein ankündige und bei seinem Erscheinen bestimmte Merkmale mitbringe. In diesem Augenblick erschien mir der Geschichtsverlauf etwa wie das Kreisen des Zeigers an der Uhr, und icht stellte mir vor, als müsse er, eben wie der Uhrzeiger, jedesmal, sobald er vor einer neuen Zeit anlange, innehalten und dann einen Ruck nach vorwärts tun. In meiner lebhaften, wenn auch naiven, kindlichen Vorstellungsweise richtete ich daher an den Lehrer die Frage: „Können es die Menschen auch wirklich genau sehen, wenn neue Zeiten kommen?'1 — An dem denkwürdigen Tage des Kriegsbeginnes vor zehn Jahren, als der überraschten Menschheit das ihr zumeist völlig Neuartige eines Krieges zur Gewißheit ward, blitzte in meinem Gedächtnisse plötzlich diese Reminiszenz aus längst verrauschten Jugendtagen auf. Wie es anderen ergangen ist, kann ich ja nicht sagen; allein dieses Gewaltige, das damals auf alle einstürmte, war, im Bilde dieser kindlichen Vorstellung gesprochen, wirklich wie der Ruck des Zeigers an der Uhr des Weltgeschehens, oder war wenigstens das Symbol dafür, in allen, die nicht auf der Oberfläche der Ereignisse haften (blieben, mag es wohl damals wie eine Ahnung aufgestiegen sein, daß ein altes Zeitalter sich verabschiede und ein neues sich ankündige. Man vermochte gewissermaßen mit freiem Auge das Eintreten einer neuen Epoche zu bemerken. Heute ist uns die Ahnung von damals zur Gewißheit geworden. Die grundstürzende und veränderte Konstellation des Weltbildes — wie immer man sich dazu auch stellen) mag — beweist, wie schon von der ersten Stunde des Krieges an eine in der göttlichen Vorsehung bereits vorausbeschlossene Umstellung der Verhältnisse und eine gewisse Umwertung der Werte vor sich ging. So leidensreich also die Zeit auch zu sein bestimmt war, ist sie uns doch auch eine große Zeit geworden» und so sehr sich das Herbste und Bitterste über uns ergoß, darf uns doch auch ein Stolz und Hochgefühl erfüllen, persönliche Zeugen einer so großen Zeitwende gewesen zu sein. Allerdings, das Erlittene mag das Erlebte überragt haben und völlig gar der traurige Ausgang der mächtigen Kraftprobe, der die hochfliegenden Erwartungen unserseits für das gemeinsame Gut von Heimat und Vaterland nicht sichtbar gerechtfertigt hat, läßt mehr Wehmut als Hochgefühl aufkommen. Allein auch der äußere Mißerfolg straft eine große Zeit nicht Lüge, wenn wenigstens ein positiver innerer moralischer Gewinn zu verbuchen übrig bleibt; und ein solcher ist übrig geblieben. Es ist das die ungeteilte Liebe und Hingebung aller von damals, aller,' die deutscher Zunge sind, für das ererbte, gemeinsame Vaterland. Wie es damals in der Stunde der Gefahr rief und nicht vergeblich rief, da hat sich der bewundernswerte Geist der Liebe so manifestiert, daß dies allein schon als ein Erfolg der deutschen Sache verewigt bleiben könnte. Wenn die Vorsehung für uns nichts weiter als das bezweckt haben sollte, müßte man es auch schon dankbar als Segen und Gnade anerkennen. Wie die gewaltigen, übermächtigen Opfer an Gut und Blut, die alle Klassen und Schichten gebracht haben, nur deswegen allein geschehen wären, wären sie auch nicht vergeblich gebracht. Leider haben nicht alle, die sich gute Deutsche nennen, diesen Vorsehungswink aus dem Geschehen der großen Zeit heraus verstanden und beherzigt oder .verstehen und beherzigen wollen. Sonst hätten sich in der düsteren Nachkriegszeit — die uns auf die härteste Probe stellte — nicht so viele dunkle Kräfte finden können, die nichts Fürchterlicheres erstreben, als den Geist des August 1914, den Geist der verbundenen einmütigen Liebe aller für alle zu zerstören. Was Stahl und Eisen in Not und Tod der Kriegsjahre zusammengeschmiedet, was Blut und Tränen verbunden haben* maßt sich haßverblendete Zwietracht an, auseinander zu reißen. Einen Scheidestrich zu ziehen zwischen nicht jüdischen und jüdischen Deutschen im Punkte der Vaterlandsliebe ist nach den Erfahrungen der alle Unterschiede ausgleichenden Kriegsjahre mehr als Willkür und Gefühlsblindheit, ist geradezu Wahnsinn und Todsünde. Als vor zehn Jahren der brausende Waifenruf durch die Lande zog und alle Wehrfähigen unter die Fahnen rief, da folgten alle mit Ernst und Würde ohne Schatten von Widerstreben. (öchlutf folg!.)