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Die Wahrheit · 1924-08-15 · Heft 33 (15.8.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 33 (15.8.1924)
Date
1924-08-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sefte* " "----- ' ''* •' EffC WMfflT ' -------~" "' tit. 53 Juden bald alle guten Stellen besetzen und was sollte dann aus ihren Söhnen und Schwiegersöhnen werden. Also die Sorge vor der Konkurrenz? Sie wollen allein aus der Futterkrippe des Staates fressen. Ich pflege in solchem Falle auseinanderzusetzen, daß der überlegene Reichtum der Juden, den sie so sehr beklagten, doch wesentlich darauf beruhe, daß diese, weil ihnen5 die Beamten- und die Offizierslaufbahn verschlossen wurden, sich gezwungenermaßen den auf Gelderwerb ausgehenden Berufen zuwenden mußten. Daß das von ihnen beklagte Uebel daher durch die Praxis, die Juden von der ersteren fernzuhalten, nur gesteigert würde. Daß ihre Söhne, wenn sie keine vorzugsweise Anwartschaft auf Offiziers- und Beamtenstellen mehr hätten, sich den Erwerbsberufen zuwenden würden, die Reichtum, also auch Macht brächten. Demgegenüber wird der Zweifel laut, ob diese dafür veranlagt wären. Und ehe man nicht etwas Ordentliches vor sich gebracht habe, habe man da keine gesellschaftliche Position. Dazwischen kommt aber wieder der Angstruf: Dann wird unser ganzer'Beamtenstand verjudet, wie es der Anwalt- und der Aerztestand heute schon sind. Ja, sage ich: Wenn ihr den Juden, die das Zeug und den Drang zum akademischen Studiumhaben, die Beamtenlaufbahn versperrt, so drängt ihr sie ja gerade zum ärztlichen und zum Anwaltsberuf. Dann dürft ihr euch auch nicht wundern, wenn in diesen die Zahl der Juden relativ groß ist. Nehmt die Hälfte davon in die Beamten- und Offizierslaufbahn, so wird von einem übermäßigen Andrang der Juden zum Anwalts- und Arztberuf gar nicht mehr die Rede sein. Sind sie nicht übrigens zum erheblichen Teil Zierden ihres Standes? Darauf verlegenes Schweigen. „Ja, aber die Juden haben schlechte Manieren, sind so laut, aufdringlich, protzenhaft, putzsüchtig. Gehen Sie nur mal in die feinen Cafes und Dielen, in die vornehmen Badeorte und sehen Sie, wie ihre Frauen in den auffallendsten Toiletten mit kostbarem Schmuck überladen dasitzen und herumspazieren, wie sie ihre Kinder aufputzen!" Gewiß, das sind sehr unangenehm wirkende Erscheinungen, die dem Antisemitismus ständig neue Nahrung geben, erwidere ich dann: aber, bitte, sehen Sie sich die christlichen Kriegsgewinner, die neureichen, ehemaligen Grünkramhändler oder Fleischersfrauen usw. an! Ist deren protzenhaftes Auftreten etwa ein anderes, weniger abstoßendes? Der Neureiche, der Parvenü, der seinen Reichtum in aufdringlicher Weise zur Schau trägt, glaubt sich damit eine gesellschaftliche Position zu schaffen und merkt nicht, daß er sich damit nur lächerlich und verächtlich macht; daß er nur beweise, wie sehr es ihm an der Kinderstube fehlt. Daß es sich dabei nicht um etwas spezifisch Jüdisches handelt, könnt ihr auch aus dem Vergleich mit dem Auftreten jüdischer Familien mit altem Reichtum, alter gesellschaftlicher Schulung ersehen! Dort findet man nichts von protzemhaftem Auftreten; dort herrscht verfeinertes, vergeistigtes Leben. (Schluß'folgt.) Die Flucht in das Nichts. Zur Austrittsbewegung. Von Benjamin Segel, Berlin. (Schluß.) In den modernen Gesellschaften werden die verschiedensten religiösen Meinungen geduldet, sogar geachtet. In den tolerantesten der englischen und der amerikanischen, obgleich sie sehr religiös sind, bildet sogar der offen bekannte Atheismus ebenfalls keinen Makel und führt keine gesellschaftliche Degradation nach sich, da er sehr vereinzelt auftritt und die geistigen und sittlichen Qualitäten seiner Träger sie gewöhnlich vor Verdächtigungen schützen. Aber es ist bisher noch nicht vorgekommen, daß die Konfessionslosen sich zu einer organisierten Gemeinschaft zusammengeschlossen hätten, die sich ebenbürtig neben die positiven Religionen stellte und vom Staat und von der Gesellschaft Anerkennung heischte. Die kümmerlichen freireligiösen Gemeinden in Deutschland beweisen die Unmöglichkeit eines solchen Vorgangs am schlagendsten. Die Konfessionslosigkeit wird eben nur geduldet. Jeder Versuch einer umfangreichen Gemeinschaftsbildung würde sogar bei den Indifferentesten auf energische Opposition stoßen. Darum werden die aus dem Judentum Ausgetretenen schließlich zwischen zwei Sesseln zu sitzen kommen. Sie werden zwischen zwei Lagern stehen, von einem dem anderen zugeschoben, über keinem zugehörig. Der „Makel" des Judeseins, den sie durch die Flucht in das Nichts abstreifen wollten, wird ihnen weiter anhaften, nur noch in einer gehässigeren, verächtlicheren Bedeutung. Kurz nach Erlaß der österreichischen Verfassung von 1867, die Gewissensfreiheit gewährte und das Bekenntnis zur Konfessionslosigkeit erlaubte, wurde es in Wien Mode, von dieser Erlaubnis häufig Gebrauch zu machen. Gewiß, jüdische Kreise machten diese neue Mode reichlich mit, wohl um den christlichen Mitbürgern zu beweisen, daß die alten Vorurteile gründlich abgestreift sind und man der neuerrungenen Gleichberechtigung würdig ist. Es passierte nun oftmals, daß einer, der zum Beispiel vor Gericht sich als konfessionslos bezeichnete, vom Richter apostrophiert wurde: „Warum sagen Sie nicht lieber offen heraus: Jude?" Konfessionslos wurde zum Synonym für Jude. Man versichert, daß diese häufigen Verwechslungen viel dazu beitrugen, daß die Konf essionslos-Erklärungen in der christlichen Bevölkerung bald gänzlich aufhörten. Es müßte mit unnatürlichen Dingen zugehen, wenn die Sache nicht auch jetzt denselben Verlauf nehme. Die Ausgetretenen werden auf einen verlorenen Posten stehen . . . Es wird ihnen anfangen, unheimlich zu werden in ihrer isolierten Lage und sie werden beginnen, sich massenhaft ans Taufbecken zu drängen. Aber die Kirche wird sich für diesen Zuwachs schönstens bedanken. Auch in früheren Zeiten, sobald einmal die Judentaufen zunahmen, ließen sich aus kirchlichen und positiv christlichen Kreisen Stimmen der Abwehr' vernehmen. Auch dem naivsten Gläubigen fällt es heutzutage schwer, zu glauben, daß ein Jude aus reinen Motiven, nämlich aus religiösem Drang, aus Sorge um seine künftige Seligkeit, um sein ewiges Heil, zum Christentum übertritt. Wenn der Talmud vor achtzehnhundert Jahren wußte, daß die Gerechten unter den Heiden des ewigen Heils sicher sind, so weiß heute jeder nicht ganz verbohrte Christ, daß ein guter und gerechter Mensch, auch wenn er Jude ist, nicht der ewigen Verdammnis anheimfallen kann. Dazu kam, daß die mit der Taufe verbundenen irdischen Vorteile zu sehr auf der Hand lagen. Die christliche Welt sagte sich also, daß es nicht gerade die besten Elemente unter den Juden sein können, die es nach den Gnadenmitteln der Kirche dürstet. Man gewahrte, daß das Reich Gottes eine ganze Menge unerwünschter Mitbürger bekam. Diese brachten überdies einen Geist herein, der in jeder Beziehung nicht einwandfrei war. Die natürliche ruhige, friedliche Anhänglichkeit an die angestammte Religion, die dem geborenen Christen eignet, suchten diese „Wiedergeborenen" durch auffälliges Wesen, lärmende Uebertreibung, zu ersetzen; es wurde daraus ein unsicheres Schwanken zwischen heuchlerischer Bigotterie und verdächtiger Gleichgültigkeit. Das beunruhigte die „Kinder des Hauses", es trübte die einheitliche Gesinnung der Herde. „Wir haben zu viel Juden in der christlichen Gemeinde", erscholl; der Ruf, gleichwie draußen die Antisemiten schrien: „Wir haben zu viel Juden 3m Lande". Vor etwa zwanzig Jahren brachte der Simplizissimns folgenden gelungenen Witz: Ein Jude läßt sich katholisch taufen. Ein ehemaliger Glaubensgenosse, der längst Protestant ist, fragt ihn: „Warum hast Du das getan? Wir Juden lassen uns ja gewöhnlich protestantisch taufen." „Weißt Du, lieber Freund", antwortete der Andere, „im Protestantismus sind mir schon zu viel Juden . . ." Es entstand eine förmliche Abwehrbewegung gegen das Einströmen von Juden in das Christentum. Die brandenburgische Generalsynode beschäftigte sich einmal mit dem Problem und beschloß feierlich, den Geistlichen dringend zu empfehlen, mit dem Spenden des heiligen Sakramentes der Taufe an Juden recht sparsam zu sein. Das stand allerdings in starkem Widerspruch zu der vom christlichen Staat durch Bevorzugung von Getauften bei Aemterbesetzung betriebenen Proselytenmacherei und zu dem Seelenfang, welchen die von oben stark begünstigte Gesellschaft für Judenmission ausübte. Umso mehr aber kam darin die Unbehaglichkeit zum Ausdruck, die die Alteingesessenen beschlich. sobald der Zudrang der Juden zu den „Quellen des Heils" größer wurde. Man kann sich nun leicht ausmalen, wie wenig die positiv christlichen Kreise erbaut sein werden, wenn erst die „konfessionslosen Juden" anfangen werden, an die Pforten der Kirche zu klopfen und um Einlaß zu bitten. Sie kommen aus dem Reiche des Nichts, vom Unglauben, von der Gottlosigkeit her; die Anschauungen, Gewohnheiten . und Stimmungen, welche sie mitbringen, sind nicht gerade geeignet, sie zu Säulen der Kirche zu machen, sie werden eine Atmosphäre um sich verbreiten, die einer gedeihlichen Entwicklung wenig förderlich ist. Das ist kein Boden, auf dem ein dauerhafter Bau

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