Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 33 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Um WAHRHEIT Seite 3 hingezogen, gegenüber der sie eine instinktive Abneigung fühle; sie seien ein Fremdkörper im deutschen Volke. Mit religiöser Abneigung habe ihr Widerwille gegen sie nichts zu tun. Setzt man ihnen dann auseinander, daß es gar keine semitische Rasse gebe, daß die Juden ebenso wie die Deutschen und alle anderen europäischen Völker ein Mischvolk seien, daß es lediglich semitische Sprachen gebe, semitisch also nur ein philosophischer Begriff sei, so schütteln sie ungläubig den Kopf und verweisen auf die angeblichen jüdischen Rässeeigentümlichkeiten: die große Nase, das dunkle Haar, die brünette Gesichtsfarbe, die schlechte Körperhaltung usw. Dem Einwand, daß es massenhaft Juden von anderem Typus gebe, begegnen sie mit dem beliebten Schlagwort: „Die Ausnahmen bestätigen die Regel." Daß die angeblichen Merkmale zum weitausgrößten Teil Folgen einer Jahrhunderte alten Ghettopolitik und einer weitgehenden Inzucht seien, daß die Auffassungen von vielen tausenden von Judenschädeln das Resultat ergeben hätten, daß 80 Prozent davon ausgesprochen arischen Charakter haben, dem widersprechen sie zwar meist nicht, weil ihnen das nicht bekannt ist und sie nicht gern unwissend erscheinen wollen, aber sie weisen dann — einen anderen Fadem aufnehmend — auf die dem Deutschen unsympathischen Charaktereigenschaften der Juden hin. Der Jude sei auf den Gelderwerb erpicht, treibe Wucher, sei hartherzig, wolle von körperlicher Arbeit nichts wissen, sondern nur durch den) Handel und Schacher reich werden. Setzt man ihnen dann auseinander, daß die Juden Palästinas ein vorwiegend Ackerbau treibendes Volk gewesen seien, daß Muhammed die Verfolgung und Austreibung der Juden aus Arabien hauptsächlich vorgenommen habe, um ihre in hoher Kultur befindlichen Landwirtschaftsbetriebe in seine Hand zu bekommen und für sich damit seßhafte Anhänger zu gewinnen, daß es heute noch zahlreiche jüdische Ackerbaukolonien gebe, daß die Juden in Litauen, Polen, der Ukraine, auf dem Balkan usw. in ihrer überwiegenden Mehrzahl von der Handarbeit — vielfach sogar von besonders schwerer — leben und daß ihre überwiegende Beschäftigung mit dem Handel und Geldgeschäften in anderen Ländern doch eben nur darauf beruhe, daß ihnen durch Jahrhunderte hindurch verboten war, Landwirtschaft oder ein Handwerk, ja selbst den Großhandel zu betreiben und daß ihnen die Möglichkeit, sich bei christlichen Unternehmern als Arbeiter zu verdingen, durch die Vorschriften über die Sabbathsruhe, nicht minder freilich durch die Vorurteile der Mitarbeiter, außerordentlich erschwert war, so kommt der Einwand, bei uns seien sie aber doch so und das Schachern und Wuchern liege ihnen im Blute. Daß in den türkischen Ländern diese Tätigkeit ausschließlich von den unzweifelhaft arischen, christlichen Armeniern in einer moralisch keineswegs einwandfreien Weise ausgeübt wird, während sich die dort sehr zahlreichen Juden gar nicht damit abgeben, wird mit Erstaunen angehört, ebenso, daß erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts erstmalig gegen die Juden der Vorwurf des Wucherns erhoben wird und daß man sie — als man ihnen verbot, Grundbesitz zu erwerben, Landwirtschaft oder ein Handwerk oder Großhandel zu betreiben, ja geradezu auf das Geldgeschäft verwiesen habe, um so mehr, als es gleichzeitig den Christen verboten wurde, Zinsen zu nehmen. Achthundertjährige Uebung in einem speziellen Beruf schaffe natürlich auch besondere Eignung dafür in den Familien durch Vererbung. Im übrigen sei absolut nicht nachzuweisen, daß unsere jüdischen Bankiers ihre Geschäfte' weniger reell betrieben, als die christlichen. Dabei stellt sich nicht selten heraus, daß diese „gemäßigten Antisemiten" einen Juden zu ihrem Bankier haben imd mit Vorliebe in jüdischen Geschäften kaufen. Gerade in diesem oder jenem Geschäft, meinen sie, geht es sehr reell zu. Sind diese Leute Beamte oder Offiziere, so sind sie froh, daß es in ihrem Stande keine oder doch Gott sei Dank so wenig Juden gebe. Nach der Verfassung stünden zwar allen deutschen Staatsangehörigen alle Aemter und Stellen gleichmäßig offen, aber glücklicherweise werde in der Verwaltungs- Praxis dafür gesorgt, daß man im wesentlichen doch nur Christen zulasse. Auf die Gegenbemerkung, daß es doch ein schweres Unrecht sei, jemandem sein verfassungsmäßig gewährleistetes Recht zu verkümmern, zucken sie mit den Achseln und meinen: der ganze Stand würde durch die unbeschränkte Zulassung der Juden herabgedrückt werden. Ohne weiteres geben sie zu, daß der oder jener jüdische Richter oder der und der höhere Verwaltungsbeamte oder Offizier jüdischer Abstammung auch gesellschaftlich ganz einwandfreie Leute seien, mit denen man ganz gern verkehre. Ein oder die andere Ausnahme könne man sich wohl gefallen lassen, aber wenn man die Tore zu weit aufmache, so würden die Zur Winterszeit würde man sich vergebens anstrengen, die Umrisse dieses Miniaturbildes zu enträtseln. Da muß schon das Ohr herhalten und nicht nur ein feines, unbedingt fachmännisches Ohr, sondern ein menschlich fühlendes Herz ist notwendig, um sich das von G- und D-Seite vorgespielte Bild in seiner Originalität vorzustellen. Jahrzehnte schon dient mir dieses Bild als Lebensorakel. Nicht immer ist es mir gut gegangen. Oft war ich schon dem Lebensüberdrusse nahe und als es mir am schlechtesten zu gehen schien, da wanderte ich zur Marienbrücke, und kaum dort angelangt, war ich einer der Glücklichsten . . . Als ich im letzten Winter in einem starken Schneegestöber am späten Abend der Marienbrücke mich näherte, bemerkte ich hart an der Marienstatue ein kleines Bündel schneebedeckter alter Fetzen liegen. In Gedanken vertieft und vom Sturm gpeitscht, vergaß ich ganz die ewige Platzmusik dieser heiligen Brücke und glaubte, da sicherlich eine von einem, gewiß mit einem ganzen Gewände beschenkten Bettler abgelegte Garderobe vor mir zu sehen. Das Ohr jedoch, das schon so viele eigene und fremde Leiden zu hören bekam, erhörte sich auch diesmal ein Bild, das in seinem Elend und Kummer selbst vom größten Kunstmaler realistischer nicht gezeichnet werden könnte. In Lumpen gehüllt kauerte das alte Männchen an der Seite der heiligen Maria und hatte es vornehmlich auf die G- Seite, die bekanntlich strapazfähiger als ihre Berufsgenossinnen ist, abgesehen. Sie ächzte und stöhnte, die silberne G-Seite, und zog einem die menschliche Seele aus dem Leibe. Zumeist alte jüdische, noch von Goldfaden stammende, durchwegs im traurigsten Moll gehaltene Weisen, die, wenn man ihnen mit Gefühl und Verständnis lauscht, eine lange, düstere Elendsgeschichte zu erzählen scheinen: Ein armer, sehr armer Jude bin ich. Habe für Weib und Kinder, die in einem kalten, finsteren Raum verkommen, zu sorgen. Vor vielen Jahren kam ich, gezwungen vom Elend, aus dem weitesten Osten in diese mildtätige und glückstrahlende Wienerstadt. Jahrzehnte schon sitze ich hier und erbettle mir mit meiner Fiedel die nötigen paar Groschen auf Brot für meine hungernde Familie. Früher einmal, als die Menschen die gute Zeit für schlecht hielten und sich durch Feuer und Tod eine bessere zu erkämpfen gedachten, da ging es mir noch gut. Ich hatte täglich meine zwei, drei Sechserl zusammengebracht, das genügte auf Brot und Salz und einen Viertelliter Petroleum. Auch für Beheizung finden sich oft hochherzige Wohltäter, die mir ab und zu einige Kilo Kohle und Holz schenkten. Bekleidung war auch nicht sehr schwer zu bekommen. Was zählte bei den reichen Leuten eine alte Hose, ein Rock oder ein paar ausgetretene Schuhe? Es ging—ja es war schwer, aber es ging. Jetzt aber — jammerte die eingefrorene Kupfeiseite — jetzt ist's schlecht, gar nicht gut. Man gibt nicht, man schenkt nicht und dafür habe ich auch nichts; und ich armer Mann lebe leider noch, und das Weib zu Hause ist krank, und die Kinder frieren und selbst bin ich auch schon ganz eingefroren, kann aber nicht nach Hause, bis ich nicht meinen Angehörigen ein Brot mitbringe. Spät ist es schon. Die Meinigen erwarten mich, harren meiner mit Sehnsucht und Hunger. Schenkt, gute Menschen, einem armen Familienvater auf ein Brot, — bittet die aus den Lumpen hervorstreckende Kinderhand eines Familienernährers, mit dem Fiedelbogen die G-Seite streichelnd — und . . . Ein heftiger Sturm riß mir den Hut vom Kopf und vertrug ihn in der Richtung zur Ferdinandsbrücke, wo er in den kalten Wellen des Donaukanals unrettbar unterging. Nachdem ich mich von der Unmöglichkeit, meinen Hut zu retten überzeugend, umwendete, dachte ich, daß auch der Klumpen, der das lebende Elendsbild vorstellte, gewiß vom Sturm weggefegt wurde, was jedoch nicht der Fall war. Sicherlich war der Alte zufolge des langer. Sitzens in dieser Eiseskälte derart am Boden angefroren, daß selbst ein Orkan ihn nicht mehr wegzubringen imstande wäre. Ich ging, nicht ohne dem Armen zuvor eine Spende gegeben zu haben, die sicherlich noch lange für einen Laib Brot nicht ausreicht, und dachte mir: wieviele Menschen hätten es notwendig, des öfteren die Platzmusik auf der Marienbrücke sich anzuhören. Das Bild, das sie sich dadurch erhören würden, könnte nicht nur für sie Erleichterung bringen, sondern auch das traurige Los des armen Platzmusikers von der Marienbrücke vielleicht verbessern.