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Die Wahrheit · 1924-08-15 · Heft 33 (15.8.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 33 (15.8.1924)
Date
1924-08-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 35 Benzion schließt seinen Aufsatz: Wie erwähnt, wird dieser Judenstamm mit dem Namen „Neuchristen" benannt und sie selbst halten sich auch dafür, während die wirklichen Katholiken . „Altkatholiken" genannt werden. Der Zweck dieser Ausführungen ist nebenbei auch der, daß jeder mögliche Versuch gemacht werden sollte, diese vom Judentum losgerissenen Brüder mit Sympathie und Wohlwollen aus ihrer sonderbaren Lage zu befreien und in die große Gemeinschaft des Judentums zurückzuführen. Ich würde es als eine Schmach empfinden, wenn.nicht wenigstens ein Versuch in dieser Richtung unternommen würde. * * * Wie bereits gemeldet, haben die Marannen in Portugal an das palästinensische Oberrabbinat in einer Eingabe die Bitte gerichtet, wieder in die jüdische Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Das Oberrabbinat hat nun nach eingehenden Beratungen über dieses Gesuch beschlossen, mit den in Betracht kommenden jüdischen Institutionen in Erez Israel 4n Verbindung zu treten, um einverständlich mit ihnen diese Frage zu regeln. Das Gesuch der Marannen war vom 25. Juni datiert und wurde dem Hauptrabbinat durch die jüdische Gemeinde von Lissabon zugestellt. Die Mehrzahl der Marannen, heißt es in dem Gesuch, sind Landwirte; die übrigen sind Aerzte, Rechtsanwälte, Gelehrte, Kaufleute und Industrielle. Die Taufe unserer Ahnen, heißt es weiter, war eine Scheintaufe als eine Folge der Inquisitionsschrecken und der Autodafes. Wir sind in unserem Herzen Juden geblieben und haben unsere Liebe und Treue zum jüdischen Volke durch all die Zeiten mit uns getragen. Wir heiraten nur unter Glaubensgenossen. Wenn wir auch als Kinder in der katholischen Kirche getauft, nach katholischen Gesetzen getraut und als Katholiken ins Grab gelegt werden, so hören wir nie auf, uns als Juden zu fühlen. Im Verlauf der Jahrhunderte, da wir unter dem Druck des Klerikalismus gelebt haben, waren wir von jeglicher Verbindung mit den Juden abgeschnitten. Die jüdischen Gesetze sind uns fremd geworden. Durch Beobachtung der Mondphasen stellen wir fest, wann Jörn Kippur ist, den wir nach den uns überlieferten Traditionen beobachten. Unser Schmerz ist es, daß wir die hebräische Sprache nicht mehr verstehen. Wir verfolgen den Wiederaufbau des Landes unserer Väter mit Teilnahme und hoffen, daß es einst unseren Kindern vergönnt sein wird, nach Palästina zurückzukehren. Der Geist der Freiheit für alle Völker und Nationen, der jetzt in der Welt umgeht, hat auch bei den Marannen seine Wirkung nicht verfehlt. Die Toleranz und die moderne Kultur sind heutzutage auch in Portugal eingekehrt, und dies hat die Marannen dazu veranlaßt, Schritte zur Wiedervereinigung mit ihrem Stammvolke zu unternehmen. Meine Erfahrungen mit Antisemiten. Von Reiehsminister a. D. Dr. Ing. Gotheiti. Vorsitzender des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Wenn ich mit Antisemiten der sogenannten gebildeten Stände über ihren Antisemitismus spreche, so begegne ich gewöhnlich der Ansicht: die Juden seiew eine andere — die semitische — Rasse, zu der die germanische Rasse sich nicht Feuilleton Plätzmusik auf der Marienbrücke. Ein altes Wiener Stadtbild. Von Josef Grob. In der Vorkriegszeit gehörte die Platzmusik zu dem unentbehrlichen Kunstgenuß der breiten Volksmasse. Nicht nur in der Metropole, sondern auch in jeder größeren Provinzstadt, in der ein Militärkommando stationiert war, durfte sich die Ortsbevölkerung von Zeit zu Zeit des Kunstgenusses von Musikklängen erfreuen. Es waren dies die Militärkapellen, die ein- oder zweimal wöchentlich Platzmusik abzuhalten und zu welcher sich eine große Zahl glücklicher Zuhörer einzufinden pflegten. In Wien, wo die Musik mit der Seele eines jeden Ortsbewohners schon an der Wiege ein Bündnis fürs Leben geschlossen hat, genügten auch die vielen Militärkapellen nicht und es fanden sich immer Musikkapellen ziviler Verbände, die den nimmersatten Wienern auf dem Gebiete des Musikgenusses Platzmusik machten. Dieser billige und für die Einwohner an der blauen Donau unentbehrliche Kunstgenuß hat mit Ausbruch des Krieges fast ganz zu existieren aufgehört. Die Militärmusik ist dazu herangezogen worden, die Landeskinder mittels fröhlich-lustiger Radetzkymärsche in die Schützengräben zu locken, wo sich die meisten von ihr mit den Blechinstrumenten an den Lippen den Heldentod erspielten, die Mitglieder der Vereinsorehester dagegen ließen ihre Instrumente in den Verbandslokalitäten für die bessere Zeit zurück, welche der Siegfrieden bringen sollte und zogen mit Blei und Schwert ins Feld, dieselbe zu erkämpfen. Manche sind nach vierjährigem Ringen zurückgekehrt, viele auh nicht. Die einstigen Veteranenverbände jedoch, bei welchen die Musikkapelle zur Unerläßlichkeit gehörte, sind eingegangen und mit ihnen die in der Vorkriegszeit einzige Volksattraktion — die Platzmusik. Eine eiizige, fast schon ein Menschenalter bestehende Platzmusik ist verblieben: die auf der Marienbrücke. Ihr Kapellmeister, Orchester und auch die Zuhörer bestehen aus einem lebenden Wesen, kaum einen Meter hoch und einen Viertelmeter breit, die Instrumentalien dagegen aus einer nach Ruhe sich sehnenden alten Geige, die oft nur mit zwei Spielsaiten ausgestattet ist. Die Abhaltung dieser genug eigenartigen Platzmusik ist von keiner Jahres- und Tageszeit abhängig, weil weder Kälte noch Hitze, Licht oder Finsternis dieselbe beeinträchtigt. Tage- und nächtelang, Sommer in größter Hitze und Winter in den strengsten Frösten wird auf der Marienbrücke Musik gemacht: Bekanntlich gehören zu Musikproduktionen unter freiem Himmel, nicht nur eine größere Anzahl von Musikern, sondern auch nebst Streich- und Schlagwerken in die Luft schmetternde Blasinstrumente. Daher ist es angezeigt, wenn man sich den Kunstgenuß der auf der Marienbrücke abgehaltenen Platzmusik gönnen will, sich der Stätte ganz zu nähern, wie es die Umstände erfordern und dann erst würde es nicht schaden, mit Fernrohr und Hörrohr sich auszurüsten. Auf einem Raum von kaum einem Quadratmeter Breite kauert ein Wesen, das man nur im Hochsommer genau sich ansehen kann: ein Manderl, groß wie ein Volksschulknabe, dürr wie eine im Schaufenster jubilierende Banane, ein Auge ganz ausgeronnen, das zweite das Gegenstück einer gebrannten Mandel, ein Bart, zwei schmalen Zwirnsträhnen ähnlich, der sich den Luxus eines Kammes schwer zu leisten in der Lage zu sein scheint, die Wangen, wenn solche an diesem Zwerge überhaupt zu entdecken sind, nach innen ganz eingezogen, ein Steifhüterl von 34 Kopfweite mit vom Alter der Zeit unzähligen beigebrachten Ventilationen am Haupte, in Beinkleidern, die längst keine sechs Zentimeter des Herstellungsstoffes ihr Eigen nennen dürfen, steckend, und mit Schuhen an den Füßen, die für jeden zu Hühneraugen Inklinierenden das beste Heilmittel sein könnten, das ist der ewige Platzmusikant' von der Marienbrücke.

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