Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 33 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Deufsrtiösterreichisclie Wochenschrift fflr ifidlsdie Interessen Pill dem Beiblatt. Veröffentlichungen der „Union deutschösterrekhischer Jaden" Redaktion und Administration: Wtem Bl.. HtelnrestfraO« - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 15. August 1924 Nummer 33 Die Marannenstadt in Portugal. Von Dr. Ariel Benzion.*) Ueber meine Reise in Portugal brachten auch die portugiesischen Blätter größere Aufsätze. Eines Tages suchte mich ein älterer Herr in meinem Lissaboner Hotel auf, der durch die Mitteilungen der Zeitungen von dem Zweck meiner Reise erfahren hatte und mir den Antrag stellte, mit ihm, wenn ich Interesse dafür hätte, einen Ausflug in ein ini der Umgebung von Lissabon gelegenes Städtchen zu unternehmen. Er wollte mich mit einer Gemeinde bekanntmachen, die wohl nicht faktisch und ausgesprochen jüdisch ist, deren Mitglieder jedoch sich nach jüdischer Art führen und jüdischer Weise leben. Die Mitteilung des alten Herrn erweckte mein Interesse. Ich nahm die Einladung an und machte eine großartige Entdeckung. In dem bezeichneten Städtchen fand ich eine etwa zehntausend Köpfe zählende Gemeinschaft vor, in welcher sich die Lebensweise der Marannen aus der Zeit der Inquisition erhalten hat. Mir war, als ob vor meinen Augen das Ende des XV. Jahrhunderts mit Don Manuele aufgetaucht wäre, wie er die Königin Isabella durch Bitten bewegt, die Vertreibung der Juden aus Portugal anzuordnen. Damals wurden viele Juden unter der Bedingung in Portugal belassen, daß sie das Christentum annehmen und sich Christen nennen. Tausende Juden blieben so in Portugal zurück, wo sie unter dem Namen „Cohversos" (Uebergetretene) oder auch „Christaos novos" (Neuchristen) lebten und es steht außer Zweifel, daß diese] Neuchristen auch heute noch in Portugal vorhanden sind. Das erste, was meine Aufmerksamkeit auf sichi lenkte, war die Beobachtung, daß diese Gemeinschaft.]) die jüdischen Festtage in traditioneller Weise be-" geht und daß sie von einem tiefen religiösen Gefühl erfüllt ist. Aber als wenn sie noch immer die Folterwerkzeuge der Inquisition am Halse zu spüren hätten, umgibt ihr religiöses Leben in starkem Maße der Schleier des Mystizismus. Nichtsdestoweniger weiß jeder im Umkreis der Gemeinde, daß sie von Sie sind sehr stolz auf ihr jüdisches Volkstum und haben ihre jüdischen Ueberlieferungen strenge bis in die Gegenwart herübergerettet. Sie heiligen den Sabbat, entzünden am Freitagabend Oellämpchen und weihen den Samstag der Ruhe und der Andacht. Anderseits ist ihnen die Zirkumzision unbekannt. Sie wissen, daß der Genuß des Schweinefleisches verboten ist und die Aelteren unter ihnen würden es auch um nichts in der Welt genießen. Ebenso enthalten sie sich des Genusses grätenloser Fische und Heringe. An Festtagen essen sie ungesäuertes Brot, welches sie das Brot des Festes nennen und zeremoniell mit einem Segensspruch anschneiden. Ihre religiösen Gebräuche sind von einem Mystizismus umgeben, dessen Einzelheiten vom Vater auf den Sohn überliefert wurden und dessen Wesen den jüdischen Ursprung außer allen Zweifel stellt. .Dabei sind sie sehr verschlossen und jedem Fremden gegenüber zurückhaltend. Es ist deshalb sehr schwer, in ihr Zeremoniell und ihr religiöses Leben Einblick zu gewinnen. Zum- Glück gelang es mir in dieser Richtung ihr Vertrauen zu gewinnen. Am Freitagabend und am Sabbat versammelt sich die Gemeinde abwechselnd in dem Hause eines Glaubensgenossen zum Gottesdienste. Ihre Gebetssprache ist portugiesisch, mit hebräischen Worten und Zitaten vermischt. Das Jomkipurfest wird von ihnen das Fest der Königin Esther genannt und es ist wahrscheinlich, daß sie es mit dem Fasttag Esthers verwechseln, obgleich ich der Meinung bin, daß in ihren Traditionen sowohl Esther als auch Daniel die Rolle von INationalhelden spielen. Sie haben den Tag Esther Jrnit dem Fest der Versöhnung zusammengesponnen. [Die Gebete, welche sie an diesem Tage verrichten, [entsprechen strenge den Traditionen dieses Festtages. Soweit ich es beurteilen konnte, besitzen sie (für diese Gelegenheit kein geschriebenes Rituale. Das Pessachfest nennen sie „Festa Santa" ((heiliges Fest). Ihr Sederzeremoniell ist sehr interessant und abwechslungsreich, wobei jedem Mitglied ier feiernden Familie oder der Festgesellschaft eine ^besondere Rolle zufällt. Ich habe die merkwürdige Juden abstammen und ihre Kinder werden in den Wund beachtenswerte Beobachtung gemacht, daß sie Schulen von ihren Schulkameraden wegen ihres mheilig daran glauben, daß ihre Häuser in dieser Nacht Judentums verhöhnt wie etwa im alten Rußland,#ean der Straßenecke von überirdischen Wächtern Polen oder anderwärts. |&bewacht werden. Interessant ist, daß sie an den Ich konnte an Ort und Stelle feststellen, daß diel-ersten zwei Pessachtagen keine Mazzot essen und Annahme, daß dieses kleine Volk tatsächlich jüdil^st am dritten Tage damit beginnen. Es ist mir sehen Ursprungs ist, durchaus nicht auf einem Irr-jf™cht gelungen, über den Ursprung dieser Sitte Auftum beruht. Sie heiraten im allgemeinen nur unter-f ^arung zu erhalten Im übrigen essen sie an diesem einander und haben ihren alten klassischen sephar-~£este vornehmlich bittere Prianzen. In ihren Gebeten dischen Typus bis auf den heutigen Tag bewahrt.^ beten sie für die Ruckkehr nach Zion welche Sehn- - h. sucht auch m synagogalen Gebrauchen zum Aus- *) Nach dem „Jewish Chronicle". ei druck kommt.