Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 32 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 52 Theater, Kunst u. Literatur Uli Grand Rabbin francais Beniamin Lipman. Lebensbeschreibung, Predigten, Ansprache^, Briete, Hlirteiibriele (Lcttres Pastorales), Notizen, veröffentlicht von seinem Sohn Comraandanf Armand Lipman. Ein stattlicher Band, in dem kindliche Pietät alles zusammengetragen, was Zug für Zug, Strich für Strich das getreue Bild des Hingeschiedenen zeichnen könnte. Als Motto trägt dieses in der Buchhandlung Dwrlacher, Paris, erschienene Buch dien Ausspruch Simon des Gerechten: „Die Welt ruht auf drei Dingen, dem Gesetz, diem Gottesdienst und der Wohltätigkeit." Nach dieser Weisung hat Benjamin Lipman sein Leben, Lehren und Wirken gehalten. In einem Vor- und Befürwort des Pariser Großraibbiners J. S. Dreifuß, heißt es von diesem Buche: ».Wenn das Lesen dieser frommen Schriften dies Großraibbiners Lipmam, von seinem Sohne so viel Umsicht gesammelt, beitragen würde, eine Rückkehr zu Gott zu schaffen wiie ich denke und wünsche, so würde ich mich zweifach beglückwünschen, daß ich dieser Arbeit eine warme Aufnahme bei unseren Glaubensgenossen empfohlen habe. Tatsächlich, hier ist mehr aJs ein literarisches Denkmal, das kindliche Verehrung hingestellt hat. Es ist ein Stück jüdischer Kulturgeschichte und gewährt Einblicke in den Verkehr dler französichen Rabbiner miit ihren Gemeinden und vorgesetzten Behörden. Benjamin Lipman, am 9. Oktober 1819 zu Metz geboren, besuchte die dortige Rabbinatschule. die er 1845 mit gutem Erfolge absolviert hatte. Drei .Lahre darauf wurde er von der Gemeinde PhaOsburg als Rabbiner berufen. In der Zeft 1863—72 bekleidete er das Großrabbiaiat der Gemeinide Metz, das ihm* die politische Umwälzung verleidete. Als die wiedereroberten Provinzen Elsaß-Lothringen unter deutsche Herrschaft kamen, mochte Lipmann die neuen Machthaber nicht anerkennen, verließ zum größten Leidwesen der dortigen Juden Amt und Stadt, um sich in Lille niederzulassen. Für diese patriotische Entschließung wurde er späten von der französischen Regierung zum Kommandeur der Ehrenlegion enöannl Uebrigens wurde ihm der uraternoiuimene Schritt durch das Verhalten der Deutschen in Metz leicht gemacht. Ihre erste Verfügung in dieser Stadt galt der Ausweisung der jüdisch-polnischen Bewohnern mit der albernen Begründung, daß sie deutschfeindlich sind. Lipman setzte alle Hebel in Bewegung, um dieses schwere Unrecht zu mildern. Als der Präfect (Kommandierender General) unerbittlich blieb, wurden die deutsche und französische Regierung, Freunde in Berlin und Brüssel, angegangen, bis der erwünschte Erfolg kam. In Beantwortung eines Dankschreibens der polniisclien Juden erklärte itaen der Großrabbiner von Liföe, daß die' Lostrenniung. des Gebietes die. Grenzen der Juden und Franzosen nicht ändern könne. In der Ruhe und Beschaulichkeit seines nl&uen Wirkungskreises, widmete Sich Gnoßr.a3>iwiner; IÜpman den mannigfachen Anforderungen seines Berufes in und außer dem Tempel. Unzählig sind die von ihm während1 der vielen Amtsjahre hinausgegangenen Briefe, Belehrungen, Unterweisungen, die alle den gesetzeskundigen Seelsorger und ieädlen Menschen bekunden. Von seinen vielen Predigten sind nur vifer im Buche enthalten. Vier Marksteine asuf dem Lebenswege dieses hervorragenden Mannes. Die Antrittspredigt über „Arme und Reiche", eine über diie Heiligung des Namens Gottes mit Zugrundelegung des Textes: „Heiliget meine Gesetze, übet sie, ich bin der Ewige. Entweiht nicht meinen heftigen Namen: Ich wlil geheiligt sein in Israel, ich bm der Ewage, dler Euch geheiligt hat" (Levüt. 28.) Abschied von Metz am Schabbos Nachmo und Antrittpredigt in Lille Osaap 1886. Alle diese Kundgebungen atmen seltenes Wissen, hohes ethisches Empfinden, so wie Liebe zu Gott •imd Menschen. Auch vom eigentlich rhetorischen Standpunkt geben sie sich als Meisterleistungen, denen der helle Schimmer der französischen Sprache zustatten kommt. Wenn Großrabbiner Dreifuß in seiner Vorrede däe Meinung vertritt der moderne Rabbiner habe sein Amt auch als „GtisUicher Friedensrichter" aufzufasssen, dann hatte Benjamin Lipman schon vor mehr als fünfzig Jahren in diesem Sinne gewirkt. Der Moralist ging immer mit dem Theologen. In ihm paarte sich das Strenge mit dem Milden. Sein Andenken bleibt nicht nur dem Sohne geheiligt, sondern allen, die Benjamin Lipmans Erdenwallen aus dem ihm gewidmeten Werke kennengelernt haben. Mögen ihr viele werden. d. S. Dubnow. Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes, 3. Band. Berlin. Jüdischer Verlag, 1923. Ein mächtiger Band, der fast 600 Seiten umfaßt. Die Zeitperiode von 1789 bis 1914 wird lebendig vor uns, die wir ja den letzten Teil dieser Periode miterlebt und durchgemacht haben. Aber in keines Zeitgenossen Sinne können alle diese Tatsachen und Begebenheiten in solch pragmatischen Verbindungen und geschichtlicher Beleuchtung vorüberziehen, wie es hier in meisterhafter Schilderung geschieht. Die Zusammenhänge des Judenschicksals mit der Lage der Stammbevölkerung des betreffenden Landes werden richtig erfaßt und geschildert. Nicht eine Tatsachenreihe, sondern ein wirkliches Geschichtsbild von einer tiefbewegten Zeit liegt vor uns. Mit tiefer Ergriffenheit lesen wir die Geschichte des verwerflichen deutschen und österreichischen Antisemitismus, der grausamen Pogrome in Rußland, die schmachvollen Beschränkungen daselbst, die Dreyfusaffaire. das Erscheinen Theodors Herzls und die Erstarkung des verheißungsvollen, doch auch praktisch wenig erfolgreichen Zionismus. Dubnow ist natürlich auf die jüdischnationale Einstellung eingeschworen und verdammt die Assimilation in die tiefste Hölle: dennoch müßten Männer, die es ehrlich mit dem Judentum meinten, wie etwa die „Protestrabbiner" der Neunziger jähre, nicht so von obenauf behandelt werden. Die Wissenschaft des Judentums aber, sofern sie mit dein brennenden Fragen der Tagesgeschichte nicht zusammenhängt, ist hier kaum berührt worden. Große führende Männer, wie etwa H. Steinthal und H. Kohn, hätten doch einige Aufmerksamkeit verdient. Aber das Gebotene ist so viel und vorzüglich, daß wir die kleinen Mängel des Werkes gerne übersehen. In Dubnow ist uns ein Geschichtsschreiber erster Güte erstanden. S. Kr. H. L. Strack. Jüdisches Geheimgesetz? Berlin 1924. C. A. Schwetschke & Sohn, 8. Auflage. Diese treffliche Streitschrift des nunmehr heimgegangenen christlichen Forschers, Theologen und Hauptes der protestantischen Mission in Berlin, der jedesmal warm für das Judentum eintrat, wen« dieses in schamlos ungerechter Weise von seinen Feinden angegriffen und geschmäht wurde, beschäftigt sich in der dem Verfasser eigenen präzisen und kurzen Art mit den jüngsten Giftpflanzen des Antisemitismus, mit der Behauptung, daß es jüdische Geheimgesetze gebe, mit Rohling, Ecker und was an ihnen hängt, mit Artur Dinter und seinem Roman „Die Sünde wider das Blut" und schließlich mit den „Weisen von Zion". Wir hören die Stimme der Wahrheit gegen die freche Lüge. Als besondere Leistung muß das letztere Stück hingestellt werden; wie da Strack versteht, die Quellen der unsauberen Mache der „Protokolle der Weisen von Zion" aufzudecken, wie er die wahren Verfasser vor das Licht der- Kritik zieht, wie er auf die Triebfeder der ursprünglich russisch angefaßten und das zaristische Regime bekämpfenden Schrift, die manche politische Partien hat, die das Judentum gar nichts angehen, hinweist, das sind Dinge, die den Leser geradezu belustigen und für den Verfasser einnehmen. Da der Verfasser, wie gesagt, tot ist, so fehlte es dem Büchlein leider an der notwendigen Korrektur und so sind in hebräischen Büchertiteln einige Fehler geblieben. S. Kr. Andor Nagy, Wirbelsturm. Roman aus der ungarischen Revolution. See v erlag, Konstanz broschiert M. 2.—, gebunden M. 3.50. Im Mittelpunkt der erzählenden Handlung steht eine Hocharistokratin Budapests und ein Jude mit sehr viel Geld,' das ihn in den Besitz dieser Frau setzt. Der Wirbelsturm der Ereignisse treibt beide über den roten Terror in die blutige Herrschaft der Horthykanaillen hinein, wobei der Mann unmenschlich gequält und zuletzt gehängt wird, die Frau aber vor Verzweiflung Selbstmord begeht. Der Roman ist künstlerisch von einer ungeheuren Stärke und durch den bekannten Uebersetzer Stephan Klein in leichtverständlicher, schöner Sprache übermittelt. &cltes l-R.OTGASSE-1 JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien II., Glockengrasse 24 Wien IL, Taborstraße 44