Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 32 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 32 DIE WAHRHEIT Dartiber hinäiis — und das ist wohl bis jetzt einzig dlasteihenid — bringt sie Werturteile, die, abgesehen davon, daß sie durchaus falsch sind, das deutsche Judentum auf das schwerste beleidigen müssen. Mag auch den Völkischen der Kamm mächtig geschwollen sein — so weit sind wir denn in Deutschland doch noch nicht, daß derartige Urteilsbegründungen sich bei uns etwa einbürgern. Der C. V. hat bereits alle Schritte, die notwendig sind, getan. Bedauerlich ist nur, daß das Ansehen der deutschen Rechtspflege, das auch wir jüdische Deutsche hochhalten, durch solche Urteile schweren Schaden leiden dürfte. Adolf Bartels über Adolf Bartels. Gut stünde es um die Literatur, wenn jeder Schriftsteller sein eigener Rezensent sein könnte. Viel Aerger, Ungemach und Kränkung ließe sich dadurch vermeiden. Man brauchte auch nicht die üblichen Besprechungsexemplare und Waschzettel an die Zeitungen zu versenden. Leider sind wir von diesem Ideale noch weit entfernt. Der Anfang aber ist wenigstens gemacht. Adolf Bartels, der völkische Barde und Erzähler, erscheint als Bahnbrecher. Ein ganz Großer hat ihn vielleicht ermuntert. Goethe schrieb in seiner Zreignung im Faust: „Ich bin ein alter Mann mit grauen Haaren, Und überwinde schon die falsche Scham." Adolf Bartels überwindet nicht nur die falsche, sondern auch jede andere Scham. Noch ein anderes Goethe-Wort hat er sich zu eigen gemacht: „Nur Lumpe sind bescheiden." Legt man den Maßstab der Bescheidenheit an, dann darf dieser Mensch nicht als Lump angesprochen werden. Man urteile gefälligst selbst. In Nr. 7 seines deutschen Schrifttums heißt es: Adolf Bartels: Deutschvölkische Gedichte (Leipzig 1924, Verlag des Bartels-Bundes, vornehme geb. Ausg. 6 Mk., schlichte ungeb. 3 Mk.). „Politische Dichtung ist, wie die Kirchenlieddichtung, angewandte Poesie und auf ihren unmittelbaren Zweck hin zu beurteilen", sage ich in dem Vorwort zu diesem 250 Seiten starken Bande meiner gesammelten vaterländischen und politischen Gedichte. Es mußte das gesagt werden; denn es ist ein beliebtes Verfahren der lieben Deutschen, Gedichte deren Tendenz ihnen nicht paßt, von ästhetischen Gesichtspunkten aus herunter zu reißen. Daß meine Sammlung dichterisch nicht mit der Ernst Moritz Arndts und auch nicht mit Dingelstedts „Nachtwächterliedern" zu vergleichen ist, weiß ich sehr genau, aber es gibt keine zweite, die die Entwicklung von 1923—24 so deutlich spiegelt, es gibt keine, die das eingetretene Unheil so klar vorausgesagt hat, und es gibt keine, die so entschieden aus dem neuvölkischen Geiste herausgeboren ist wie die m e i n i g e. Darum kann sie auch sehr stark wirken in unserer Zeit, und das soll sie. Einzelne Stücke, namentlich der „Neuen geharnischten Sonette", sind natürlich auch rein poetisch vollwertig. A. B. Merk's völkischer Leser! Nach einer Schwächeanwandlung, die ihn zu dem Bekenntnis verleitete, daß er, Adolf Bartels, sich mit Moritz Arndt und Dingelstedt nicht messen könne, stellt er sich über beide, was das Historisch-Poetische und das Prophetische betrifft. Aber auch im unbedingt Poetischen läßt sich Adolf Bartels nicht an die Wimpern klimpern. Für diese Tatsache führt er eben seine neuen geharnischten Sonette an. Die Lüge der Kriegsschuld. In der ganzen Welt tobt ein wilder Kampf der Meinungen über religiöse, soziale und politische Fragen. Leider wird dieser Kampf mit blinder Leidenschaft und kalter Selbstsucht geführt, unbekümmert um das Wohl des Einzelnen und der Gesamtheit, unbekümmert um die schmerzenden Wunden, die den vermeintlichen Gegnern geschlagen werden, dem Ziele zustrebend, in dem gerade sie das Glück beschlossen wähnt. Woran liegt es nun, daß die gequälte Menschheit nicht zum Frieden kommen kann? Hat sie in den letzten zehn Jahren gar nichts gelernt? Laufen wir noch immer mit Scheuklappen herum und spielen eine Vogel-Strauß- Politik? Der zehnte Jahrestag des Weltkrieges, eine traurige Feier, hat in der ganzen Welt Anlaß zu Betrachtungen gegeben, und es ist furchtbar interessant, die diversen Anschauungen und Meinungen unserer Wiener Presse einer Kritik zu unterziehen. Möglich, daß wir Juden daraus etwas lernen können. Es ist nur begreiflich, daß die einzelnen Pressestimmen, ganz nach ihrer politischen Einstellung zu dem Punkte Stellung nehmen. Allen voran unsere führende, sogenannte bürgerliche Presse, die es sich aus geschäftlichen Gründen mit niemandem verderben will und die es zuwege bringt, auf einer Seite zwei Artikel zu bringen, von denen der eine den Krieg verdammt, der andere hingegen von einem mehr oder weniger berühmten Heerführer stammt und in langatmigen Phrasen zu der Erkenntnis kommt: „Kriege sind ein notwendiges Uebel." Es wurde auch die Frage der Kriegsschuld eingehend erörtert und da findet sich eine in Wien erscheinende Zeitung, die klipp und klar erklärt: „Wer ist schuld, der JudV Es ist ganz unmöglich, diesen ganzen Artikel hier zu wiederholen undwill ich mich damit begnügen, nur das herauszunehmen, daß für uns Juden das wichtigste ist. Die „Oest. III. Zeitung'' vom 27. Juli 1924 bringt einen Aufsatz, betitelt „Der Beginn des Weltkrieges", worin der Beweis erbracht wird, wer die wahren Kriegsschuldigen sind, worin es heißt: „Der Erzherzog Franz Ferdinand hatte jene zersetzenden Kräfte erkannt, welche seit dem Tode des staatsrechtlichen Schöpfers des österr. Kaiserstaates, zum Teil allerdings weit länger schon am Werke waren, besonders nachhaltig seit dem „Ausgleiche" von 1867, die Viel Völker eimonarchie zu zerstören, die von der franz. Revolution ausgehende, im Donaubecken von Juden und Freimaurern besonders ausgenützte mächtige Fäulniswelle, welcher der Konservative, katholische Kaiserstaat ein besonderes Hindernis war . . . (und fährt dann fort) „und Franz Ferdinand war entschlossen, diese Strömungen energisch zu bekämpfen, trotz seiner tiefen Friedensliebe, eventuell auch mit Gewalt." Nun hören wir es, daß die Juden die Wühlarbeit geleistet haben und an der Zersetzung des Kaiserstaates schuld sind. Wir Juden können daraus nur die Lehre ziehen: Wenn wir diesem Treiben weiter tatenlos zusehen, so wird uns einmal das Dach über unserem Kopfe angezündet werden. Wrollen wir es so weit kommen lassen? Wir müssen uns bemühen, die vorhandenen Gegensätze nicht herausfordernd hervorzukehren, nicht das Trennende zur Geltung zu bringen, sondern das uns allen Menschen Gemeinsame. Sehr tief haben sich unsere Gegner in uns schon verbissen, jedoch noch nicht so tief, als daß es uns nicht gelingen sollte, uns mit eigener Kraft zu befreien, da wir auf fremde Hilfe nicht rechnen können. Es ist nun Pflicht der führenden Männer des Wiener Judentums, hier in die Bresche zu springen, bevor es noch zu spät ist, um dem Juden die Achtung zu verschaffen, die ihm gebührt. Fritz 5 z a m e k. Die „Union DeutSCh-ÖSterreiChiSCher Juden" gibt Nachricht von dem Ableben ihres langjährigen, verdienten Sekretärs, des Herrn Siegfried Fleischer Wir verlieren in dem Dahingeschiedenen einen unserer besten Mitarbeiter, dem wir ein ehrenvolles Andenken in steter Dankbarkeit bewahren werden.