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Die Wahrheit · 1924-08-08 · Heft 32 (8.8.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 32 (8.8.1924)
Date
1924-08-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 32 Redner würdigten' und rühmten die außerordentiichen Verdienste Siegfried Fleischers um die Union und die Judenheit. In einer von Ergriffenheit durchlebten Dankrede wies der Jubilar darauf hin, daß die Gefahren der Zukunft die Anspannung aller Kräfte, das einige Zusammenhalten aller Gruppen der österreichischen Judenschaft erfordere. Tragisch empfinden wir heute seine damals stürmisch akklamierten Schlußworte: „Ich will versuchen, raichfür raein Amt, das ichmir stet szur Ehre gerechnet habe, auch fernerhin jung zu erhalten." Und nun deckt diesen immer geistig jung Gebliebenen die kühle Erde. Der Rastlose, Unermüdliche ruht aus von harter, segensreicher Arbeit. Seine Schöpfung aber wird weitergeführt, in seinem Sinne, nach seinen hohen Zielen. * * * Das am Freitag, den 1. August, stattgefundene Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer würdigen ehrenvollen Kundgebung für den dahingeschiedenen Sekretär der Union. Trotz der Sommerzeit, die so manchen von Wien ferne hielt, der dem wackeren Streiter für Recht und Ehre des Judentums gerne das letzte Geleite gegeben hätte, bemerkte man viele prominente Persönlichkeiten der jüdischen Üeffentlichkeit, die es für ihre wohlverstandene Pflicht hielten, bei diesem traurigen Anlasse nicht zu fehlen. Von der israelitischen Kultusgemeinde erschien der Präs. Prof. Dr. A. Pick mit den Vorstehern Berger, Dolian, Glück, Dr. Ticho. Außerdem erster Sekretär Dr. Adler und Amtsleiter Fr ei Stadt. Die Union war vertreten durch den Vorstand, eine große Anzahl Mitglieder unter Führung des Vizepräsidenten Fröhlich. Der Bethausvorstand der israelitischen Kultusgemeinde war durch Herrn Planer vertreten. Außerdem bemerkte man Vertreter der Bezirksorganisationen (auch solche von der Provinz) und zahlreiche persönliche Freunde des Hingeschiedenen, die der schmerzgebeugten Familie ihre herzliche Teilnahme an dem schweren Verlust, der sie getroffen, ausdrückten. In einer großangelegten geistvoll ausgeführten, vom Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Trauerrede würdigte abb. Dr. Feuchtwang die außerordentlichen Verdienste und Tugenden Siegfrieds Fleischers als Mensch und unerschrockenen Kämpfer für die Rechte und Ehre der jüdischen Glaubensgenossen. Er betonte, daß Fleischer an der journalistischen Betätigung allein nicht sein Genügen fand, sondern dem Rufe zur Fahne des Judentums in einer schwerbewegten ernsten Zeit mit Begeisterung Folge gab. Und deshalb wird auch sein Wirken auf diesem Gebiete unvergessen bleiben, bei Mit- und Nachwelt stets ein ehrendes Gedenken behalten. Bemerkenswert war auch eine Wendung in der Rede Dr. Feucht wangs, daß Siegfried Fleischer viele Gegner, aber keine Feinde hatte, daß ihn niemand haßte, so wie er selbst in seiner ritterlichen Weise niemand gehässig ent' gegentrat. Wahrhaft ergreifend wirkte der Redner, wo er das glückliche Familienleben Fleischers schilderte. Mit wenigen schlichten, aber herzlichen Worten nahm sodann der Präsident der Kultusgemeinde Prof. Dr. Pick namens der Kultusgemeinde von dem Verblichenen Abschied. In einem ausgezeichneten Nachrufe schilderte der Vizepräsident der „Union" Herr Fröhlich das Leben und Wirken Fleischers als Sekretär der Union, der in seinem »Berufe unermüdlich war und vollkommen aufging. Nach ihm sprach der langjährige .Freund des Verstorbenen Dr. Oskar Heim für die Bezirksorganisationen. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor S. P o s t o 1 o w unter Assistenz. Die zahlreiche Trauergemeinde folgte nun der Bahre Siegfried Fleischers .zu seiner letzten Ruhestätte, und allseitig konnte man das Urteil vernehmen, daß mit dem Hinscheiden Siegfried Fleischers eine schwer auszufüllende Lücke in der Leitung der Union entstanden sei. . L. H. Wahrheiten vom Tage Bebt uns Adressen von Bekannten! Die Administration, Wien IL, Heinestraße 13 versendet kostenlos Probenummern Die „objektivste Behörde der Welt". (Ein unglaubliches Urteil in Wernigerode.) Vor dem Amtsgericht in Wernigerode iand eine Verhandlung gegen den Schlosser Bernhard Reiter statt, der dort für die Mitteldeutsche Arbeiterpartei agitiert hatte. Sie war nach den Unruhen am 8. und 9. September, dem Deutschen Tag, in Wernigerode jäh zusammengebrochen. Reiter war einige Zeit verschwunden, sprach aber dann am 16. Jänner in einer nicht angemeldeten Versammlung in Wernigerode. Die Polizei hob die Versammlung auf und erließ gegen Reiter und einen mitangeklagten Dachdecker Fleiner einen Strafbefehl in der Höhe-- von je 100 Mark. Auf ihren Einspruch fand vor dem Amtsgericht Wernigerode unter dem Vorsitz des Amtsgerichtsrates B e i n e r, des Vorsitzenden der Ortsgruppe der deutschnatfa)- nalen Partei, die Verhandlung statt. Die Versammlung hatte, wie die Beweisaufnahme ergab, den Zweck, einen Verein „Deutscher Staatsbürger arischer Abstammung'' zu gründen. Dieser Verein sollte angeblich unpolitisch sein, die Rassenf rage sollte nur wissenschaftlich behandelt werden. Die Aussage des Polizeikomniissärs, der die Versammlung aufgehoben hatte, bewies allerdings, daß die Versammlung doch nicht unpolitisch war, so daß das Gericht eine Verurteilung nicht umgehen konnte. Das Urteil stellt zunächst fest, daß tatsächlich eine politische Versammlung vorgelegen habe, so daß eine Verurteilung wegen Vergehens gegen die Verordnung des Wehrkreiskommandeurs, in welcher Gefängnis oder Geldstrafe bis zu 1500 Goldmark angedroht werde, erfolgen müsse. Die Angeklagten wurden mit je 30 Goldmark bestraft. In der Urteilsbegründung heißt es: „Die Angeklagten haben sich trafbar gemacht, es war aber nichts geplant, was die staatliche Ordnung gefährden könnte. Das deutsche Volk erkennt miehr und mehr, daß das Judentum schwerste Schuld an unserem Unglück trägt, und das erfaassen immer weitere Kreise. An einen Aufstieg unseres Volkes ist nicht zu denken, wenn wir nicht die Macht des Judentums brechen1. Nicht nur die Deutschvölkischen meinen das, auch die Deutschnationalen, wie man in den Zeitungen der letzten Tage lesen konnte. Die Gedanken, welche die Angeklagten vortrugen, stellen keine Gefährdung unserer öffentlichen Ruhe dar, nein, sogar die Besten unseres Volkes teilen diese Anschauung." Dieses ist die Urteilsbegründung eines deutschen Gerichtes. Es ist die logische Folge der ganzen Verhandtagsführung. Bereits bei der Eröffnung der Verhandlung wies der Vorsitzende, Amtsgerichtsrat Beier, auf den Hitler-Prozeß hin, und während der Verhandlung erinnerte er den Angeklagten daran, daß während der Räterepublik der „JudeEisner" am der Spitze Bayerns gestanden habe. Die Verhandlung hätte jedem objektiven Richter zeigen müssen, daß der Angeklagte ein systematischer Radaumacher ist, der stets dahin geht, wo er für seine Hetzereien und Ungesetzlichkeiten guten Boden vermutet. Die Urteilsbegründung stellt aber geradezu eine Belobung dieses Angeklagten dar.

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