Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 32 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 DIE WAHlftffilT Seite 7 ja sie vor dem drohenden Todesurteile zu erretten; wackere, berufsmäßige Verteidiger sicherten diesen Erfolg, aber vorbereitet und demnach auch errungen wurde er nur durch das Rechtsbureau der Union und durch dessen Leiter Siegfried Fleischer. Ein Minister des Kaisers, Pientak, erklärte einst einer jüdischen Deputation, daß vor den Toren des Klosters die Staatsgewalt halt mache; allein dieses Wort galt nicht für unser Bureau und nicht für Fleischer; im Gegenteile; seiner furchtlosen, unermüdlichen, von getreuen Helfern im Lande selbst geförderten Arbeit ist es zu danken, daß diese Tore sich weit öffneten und zahlreiche entführte jüdische Mädchen ihren unglücklichen Eltern und ihrem Glauben wiedergegeben wurden. Wo immer feindliche Gewalt und Hinterlist die soziale, politische oder staatsbürgerliche Stellung des Judentums oder seiner Angehörigen bedrohte, immer trat er mit uns in die Bresche, stets war er das ausführende Organ, der mit vollstem Verständnisse, 'mannhaft undmutvoll Unrecht und Unheil von uns abzuwehren und dem gleichen Rechte zum Siege zu helfen versuchte. Aber auch dem Einzelnen, dessen Rechte welcher Art immer gekränkt werden sollten, nur weil 2T. Jude war, war er ein starker Paladin, eiln kräftiger Schützer, so (konnte er am Ende seines Lebens mit uns auf zahllose Erfolge seiner unermüdliehen Tätigkeit zurückblicken. Fleischer kam vom Journalismus her, einer trefflichen Vorschule für seine Wirksamkeit im Schöße der Union, seine journalistische Tätigkeit gab ihm den Blick für das große Ganze, sie erzog ihn zur ra~ sehen Entschlußfähigkeit für die drängenden Forderungen des Augenblickes, ihr verdankt er seine scharfe Feder, einer überaus wirksamen Waffe im Kampfe gegen Bösheit und Gewalt. Fleischer war auch ein hervorragender Redner, seine kraftvolle, gedrungene Gestalt, seine starke und doch so klangvolle, modulationsfähige Stimme, seine schwungvolle, hinreißende, flammende Diktion sicherten den gewaltigen Eindruck seiner Rede; wir werden ihn nimmer hören, die befeuernde, begeisternde Gewalt seiner Worte wird uns nicht mehr in ihren Bann ziehen. Im Monate Juli wollte unser Arbeitsgenosse in den Bergen Tirols die wohlverdiente Erholung suchen; nun hat er nach rastloser, schwerer Arbeit ewigen Urlauib genommen, wir anderen aber kehren zurück, wir werden uns wieder finden im niemals f astenden Kampfe gegen uns und gegen unser Judentum, aber eine Lücke, die sich nimmer schließen wird, klafft auf, da er von uns gegangen ist; wir aber wollen sein Andenken immer ehren und hochhalten, wir wollen furchtlos und unerschrocken wie er uns den Feinden unseres Judentums entgegenstellen, wir wollen ohne Zagen den Kampf aufnehmen für unser gleiches Recht vor dem Gesetze und in seiner Handhabung und in dem Bewußtsein unserer anders- ' gläubigen Mitbürger; wir wollen immerdar eintreten für unsere und unserer Glaubensgemeinschaft gleiche Geltung und Wertung in unserem uns so teuren Vaterlande, stets erfüllt und begeistert durch unsere heiße Liebe zu unserem Judentume; sein Andenken wird uns befeuern, sein Name wird in unserer Union, wird in der österreichischen Judenschaft nie der Vergessenheit anheimfallen. Marienbad, 31. Juli 1924. Dr. O r n s t e i n. Siegfried Fleischer Nun ist auch er von uns gegangen, vor der Zeit, darf man wohl sagen. Wer diesen munteren Graukopf, düeses frische, lebensbejahende Antlitz, die gedrungene Wucht dieser muskulösen Gestalt vor ihrem jähen Zusammenbruch sah, konnte nicht ahnen, daß Siegfried Fleischer so bald von Arbeit und Leben scheiden würde. Vor einigen Wochen traf es ihn, wie der Blitz die ragende knorrige Eiche fällt, dann ein rasches Hinsiechen! und dann das von so vielen beklagte Ende dieses unermüdlichen, rastlos schaffenden Mannes. Er ist 68 Jahre alt geworden, davon gehörten 27 Jahre seinem überaus erspriießltchen Wirken als Sekretär der „Union deutschösterreichischer Juden4*, als deren Schöpfer und Führer er galt. Siegfried Fleischer kam von der Journalistik, der er sich frühzeitig widmete, als Schüler und Bekenner der wahren Demokratie unter Kronawetters Fahne zur Union. Damals war Hochkonjunktur des Lueger - Liechtensteinschen Antisemitismus. Eine Kampfnatur wie Fleischer, unerschrocken und rücksichtslos, war sich über die Notwendigkeit der organisierten Abwehr klar. Er brachte Schwung und Zug und Initiative in die Union, deren Mitgliederzahl und Wirkungsgebiet ständig wuchsen. Meister des geschriebenen wie gesprochenen Wortes, widmete er seine rege Arbeitskraft, seinen nie ermattenden Eiter der Anwaltschaft verfolgter Juden, dile im Rahmen des gleichfalls von ihm kreierten Rechtsschutzbüros ausgeübt wurde. Was er an Zeit erübrigen konnte, widmete der Sekretär der Union unzähligen Informatiions- und Agirations reisen. Siegfried Fleischer war ein Heißsporn, aber sein feuriges Temperament einte sich mit kluger Ueberlegung. So beherrschte er immer die Situation. Sein unfehlbarer Scharfblick ließ ihn stets das Richtige erkennen und vollführen. Sein tief wurzelndes, wahrhaft jüdisches Empfinden konnte durch die mannigfachen Neben- und Unterströmungen, wie sie im Parteigetriebe sich bemerkbar machten, nicht beirrt werden. Ganz hingegeben an seine Pflicht, blieb er ihr auch treu, als ihn vor einem Jahre das schwere Unglück traf, seinen hochbegabten Sohn, den Redakteur des „Tag", Dr. Ernst Fleischer, zu verlieren. Das furchtbare Leid überwindend, raffte er sich zusammen und stand nach wie vor inmitten angestrengter Arbeit. Am 14. Dezember 1922 beging Siegfried Fleischer das Jubiläum seines fünfundzwanzigsten Dienstjahres als Sekretär der Union. Aus diesem Anlasse veranstaltete der Vorstand ein« FestverSammlung, an der viele prominente jüdische Persönlichkeiten teilnahmen. Die erhebende. Feier brachte dem Jubilar wohlverdiente Ehrungen. Alle