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Die Wahrheit · 1924-08-08 · Heft 32 (8.8.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 32 (8.8.1924)
Date
1924-08-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Kaum ein Monat ist verflossen, daß er in nahezu jugendlicher Frische die ihm so liebgewordene Rax erklomm, die Brust, wie er mir erzählte, geschwellt vom Hochgefühl, daß das nahende Alter weder seiner Körperkraft, noch auch seiner Begeisterungsfähigkeit für die Schönheit der Berge etwas anhaben konnte; wohl mag er sich oben auf der Höhe der Goethesehen Verse erinnert halben „Ueber allen Gipfeln ist RmY, in allen Wipfeln spürest du kaum einen' Hauch, die Vögel schweigen im Walde"; aber in dem genußfrohen Wanderer, dem Lebensbejahrten, werden ihm die beiden Schlußverse wohl kaum in den Sinn gekommen sein: „Warte nur balde, ruhest auch Du." Und doch schritt schon ein unsichtbarer Begleiter neben ihm, Bruder Tod, der unseren Weggenossen vorzeitig in das dunkle Reich der Schatten entführen sollte. _ NahezuN28 Jahre widmete Siegfried Fleischer seine ganze Tatkraft, seine ungewöhnlichen Fähig- Jveiten und seine unermüdliche Arbeit der „Oesterreichisch-lsraeiiitischen Union" und ihrer Nachfolgerin der „Union deutschösterreiohisicher Juden". Im Dezember 1921 feierte die Union das 25jährige Dienstjuibiläuim ihres Sekretärs Siegfried Fleischer; als Festredner habe ich ein Wort zitiert, das wir oft von seinen Widersachern hören konnten und Fleischer hatte solche in Fülle, denn er war kein Schablonenmensch, er war eine festgefügte, eigenartige Individualität; unsere, naturgemäß auch seine Gegner sagten: „Fleischer ist die Union und die Union ist Fleischer"; diese Worte sollten ihm und uns zum Schimpf dienen, a)ber wie ehemals bei den Geusen hat sich die Schmähung in die schönste Auszeichnung gewandelt; denn an der Bahre des uns so früh Entrissenen wollen iwir die ersten Worte wiederliolenrFleischer ist, er war die Union! Denn er hat sich voll und ganz dem Dienste der Union hingegeben, er ist förmlich in ihr aufgegangen, er hat sich mit ihr identifiziert, denn nie erlosch seine Treue für die hohen Ideale der Union, nie verglomm seine Liebe für unser Judentum und für unser österreichisches Vaterland. Aber dieses Judentum wird seit Jahrzehnten von böswilligten Feinden beschimpft und geschmäht, bedrängt und bedrückt; tagtäglich wird es zum Gegenstande der gemeinsten, niedrigsten und verlogensten Angriffe. So haben unsere Vorfahren vor nun nahezu drei Jahrzehnten die Oesterreichisch-Israelitische Union als festes Bollwerk für unsere Selbstverteidigung, als schneidige Waffe im Abwe'hi-kampfe geschaffen; in Siegfried Fleischer haben unsere Amtsvorgänger den Mann gefunden, der das Schwert der Union zu schwingen verstand; für den uns aufgedrängten Kampf war er der richtige Mann, denn er war zeitlebens .'ein Kämpfer um die edlen Ziele der Union, denen er nachlebte. Und so hat er das Rechtsschutzbureau der Union ausgebaut, diese 'Institution, die sich die Verteidigung unserer staatsbürgerlichen Rechte, den Schutz des Judentums als Ganzes und aller seiner Beikenner, wann und wo immer einem solchen im alten und jetzt im neuen Oesterreich wegen seines Judentums eine Unbill widerfuhr, zur Aufgabe stellte; er war der getreue Tnrniwächter, der jedes kleine Flämmchen wahrnahm, das gegen uns züngelte und emporzulodern drohte; er war überall, wo feindselige Tücke unsere Ehre, oder die moralische, materielle oder physische Existenz einer größeren oder geringeren Zahl von Glaubensgenossen zu vernichten gedachte; sein Erscheinen in dem fernsten galizischen Städtchen, in welchem irregeleitete Bauern zum Kreuzzuge gegen arme, schwer um das tägliche Brot ringende Juden aufgeboten wurden, brachte Beruhigung den um ihr nacktes Leben, Zitternden^ denn allüberall in Oesterreich wußte jeder, daß Fleischer den Kampf für das gekränkte Recht ohne Zagen focht, daß er furchtlos die Mächtigen im Staate an ihre beschworene Pflicht erinnerte, Recht und Gesetz ohne Unterschied der Person und des Bekenntnisses walten zu lassen. Und so ist jede Tat der Union die bedeutendste und auch die kleinste mit seinem Namen verknüpft; in jeder einzelnen war sein Geist und seine tatkräftige Hand erkennbar. Gegen die wahnwitzige Lüge des Rituaimordes führte er und mit ihm die Union einen unnachsichtlichen, erbitterten Kampf; drei Jahre lang arbeiteten wir nach dem Fehlschiagien zahlreicher früherer Versuche an der Wiederaufnahme des Strafprozesses gegen das unschuldige Opfer eines Justizirrtums, Leopold Hilsner; Fleischer, der Nichtjurist, hatte sich in diese spröde, ihm so ferne liegende Materie so eingearbeitet, daß die Juristen ' der Union seine Mitarbeiterschaft ungemein hoch werteten, und wenn allmählich das Riitualmordmärchen sich nicht mehr ans Tageslicht wagte, so ist dies seiner unermüdlichen Wachsamkeit zu danken, denn wo immer in Oesterreich diese wahnwitzige Beschuldigung von Neuem verbreitet wurde, er ruhte nicht eher, bis die Verbreiter vor das Strafgericht gezogen waren. \n zahleichen Fällen ist es der Union gelungen, armen Juden, zumeist der östlichen Provinzen des früheren Oesterreich, die unter schwerer, unwahrer Anklage standen, Ehre und Freiheit wiederzugeben;,

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