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Die Wahrheit · 1924-08-08 · Heft 32 (8.8.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 32 (8.8.1924)
Date
1924-08-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Kr. 32 DIE WAHRHEIT Seite 5 ob nicht er selbst oder einer seiner nächsten Angehöriiigen einmal Beistand und Nutzen ausi einer der genannten jüdischen Institutionen gezogen hat! Begründet das nicht eine soziale Verpflichtung, zum Unterhalt dieser Institutionen nach Kräften beizutragen? Wenigstens si<e in den Tagen der Not nicht ihrem Schicksal zu überlassen? Und daß Zeiten schwerer Not über alle jüdischen! Institutionen hereingebrochen sind, unterliegt gar keinem Zweifel. Alle, in denen sioh ein Fünkchen sozialen Gewissens regt, müssen sich jetzt immer enger zusammenschließen und alle Mittel aufbieten, um die jüdischen Gemeindekisfci'tutio>nen zu erhalten, von denen eine solche Fülle des Segens über Generationen ausgeströmt ist \wd bei denen vielleicht schon nächstens wir selber oder unsere unmittelbaren Angehörigen Zuflucht, Schwitz und Hilfe zu suchen genötigt sein werden! Wie muß eis nun in der Gesinnung von Leuten aussehen, die gerade jetzt das Hasenpanier ergreifen und sich aus dem Staube machen, um sich einige Kronen jährlich zu ersparen? Stellt sich nicht jeder, der in dieser Zeit seinen Austritt aus dem Judentum anmeldet, selber das Zeugnis aus, daß er jedes sozialen Pflichtgefühls, jeder Verantwortlichkeit bar ist? Wer aber der engen Gemeinschaft in der Stunde der Gefahr so schnöde den Rücken kehrt, — wird er der weiteren Gemeinschaft, dem Staat, die Treue bewahren? Wird er ein zuverlässiger Bürger, ein treuer Soldat, ein ehrlicher Beamter sein? Um sich einige Kronen jährlich zu retten, hat er uralte, geweihte Baude zerrissen, die ihn mit einer ewigen, geistigen und nur moralischen Zwecken dienenden Gemeinschaft verknüpften. Wie sollen ihm die Bandle heilig sein, die ihn an eine Gemeinschaft wie den Staat fesseln, der vor unseren Augen entsteht und vergeht, der von sterblichen Menschen geschaffen 'und zerstört wind, der in erster Reihe den realen, materiellen, sehr irdischen, allzu menschlichen Zwecken dient, und bei »dem das Geistige und Moralische nur im Hintergründe steht?... * =fc Haben wir den Ausgangspunkt der Austrittsbewegung betrachtet, so müssen wir nun das Ziel, zu dem sie hinführt, ins Auge fassen. Sie mündet jetzt nicht wie ihre Vorgängerin im Schöße der herrschenden Religion, denn dem Scheine nach gibt es jetzt keine herrschende Religion. Die Flut der Austretenden staut sich im Zwischenraum der Koniessionslosigkeit. Das erleichtert den Austretenden auch ein bißchen das Gewissen. Es ist immerhin eine äußerst fragwürdige, eine sehr heikle Sache, ein positives Bekenntnis abzulegen, wenn alle Welt weiß, daß es die reinste Heuchelei ist. Um aus der alten Religion zu scheiden, braucht man ja nur einen Zettel Papier, auf den man ein paar Zeilen hinkritzelt. Unter den früheren Zuständen ging man aller durch den Austritt aus dem Judentum erworbenen positiven Vorteile verloren, wenn man auf halbem Wege stehen blieb und nicht schleunigst ins Christentum eintrat. Dem Staate gegenüber, von dem man Aemter und Würden und Gehälter erwartete, der „höheren Gesellschaft" gegenüber, zu deren erlesenen Zirkeln man Zutritt wünschte, befand sich dazumal ein „konfessionsloser Jude" in einer noch ungünstigeren Lage als ein Jude. Heutzutage, glaubt man, hätten sich die Dinge geändert. Republik und Revolution, Trennung von Staat und Kirche und alles andere hätten der herrschenden Religion (und damit dem religiösen Prinzip überhaupt) die überwiegende Bedeutung im öffentlichen-Leben genommen und damit sei der der Kontessionslosigkeit anhaftende Makel verschwunden. Das ist eine schwere Täuschung, entsprungen aus einer mangelhaften, oberflächlichen Kenntnis der Geschichte. In keinem Staate mit christlicher Tradition ist durch politische Umwälzungen oder Umgestaltungen der Einfluß der Kirche oder gar der Religion in der Oeffentlichkeit auf die Dauer verdrängt, höchstens sind die Uebergriffe politischer Parteien, die die Religion für ihre Zwecke mißbrauchten, eingedämmt worden, — weder in den Vereinigten Staaten, die 1787 die Trennung von Kirche und Staat vornahmen, aber den Kongreß noch heutzutage mit dem Gebet eines Priesters eröffnen; noch in England, wo Lloyd George, der radikale Sozialreformer, der Feind der Landlords und des Oberhauses, nach der Verkündung des Sieges das gesamte Unterhaus mit den Worten: „Jetzt gehen wir beten!" zum Gottesdienst in die Westminsterabtei einlud; noch in Frankreich, wo nach der Revolution die katholische Restauration einsetzte, und nach der Durchführung des unsinnigen Trennungsgesetzes die katholische „Erstarkungsbewegung" 'auflebte, und sich sogar bei der Philosophie des genialen Juden Bergson die Waffen für den Kampf borgte; noch in Italien, wo, nach fünfzigjährigem Hadern mit dem Heiligen Stuhl jetzt eine mächtige katholische Partei in der Kammer sitzt Die Kirche war die Erzieherin der Völker des europäisch-amerikanischen Kulturkreises; mit katholischen, überhaupt mit christlichen, mit religiösen Vorstellungen sind alle Ausgestaltungen ihres Volkslebens aufs engste verknüpft, ihre Kunst, ihre Poesie, ihre Philosophie, ihre Staatseinrichtungen, ihre sozialen und bürgerlichen Institutionen. Nur bornierter Doktrinarismus kann wähnen, daß ein revolutionärer Sturm, der über die Erdbodenfläche hinfegt, diese tausendjährigen Wurzeln aus dem tiefen Erdreich ziehen kann. Und nur vollkommene Verkemrung der innersten Menschennatur und der Gesetze der geschichtlichen Entwicklung kann solches, wenn es möglich wäre, für einen Segen halten. Wir wissen heute, das religiöse Gefühl ist ein Grundgefühl der Menschenriatur, inhärent und unausrottbar. Die Machthaber, einzelne wie Gruppen, mißbrauchten es zu egoistischen, seinem Wesen fernliegenden Zwecken, und riefen dadurch den Kampf hervor. In der Hitze des Kampfes verwechseln die Kämpier die äußere Verfassung der Religion und die Mißbräuche dieser Verfassung mit dem Kern der Religion und richten die Angriffe gegen diese letztere. Nun liegt es in der Natur aller menschlichen Grundgefühle, daß sie sich um so stärker aufbäumen, befestigen und konzentrieren, je mehr sie gereizt werden. Sie werden dem Menschen um so teurer, je mehr sie bedroht erscheinen. Die Verteidiger der Religion gegenüber ihren Angreifern übertragen nun diese Verteidigung auf ihre äußeren Institutionen, in denen sich das religiöse Gefühl verkörpert und sogar auf die Mißbräuche, denen sie unterworfen waren. Daher tritt nach jeder Epoche heftiger Religionsbestreitung unfehlbar eine Reaktion ein, die zunächst als äußere Frömmelei und unduldsamer Fanatismus in die Erscheinung tritt. Diese Zustände ruien ihrerseits wieder das entgegengesetzte Extrem hervor. So verläuft die Geschichte zwischen schroffen Gegensätzen und nur selten sind die Epochen der Ausgeglichenheit und des ruhigen Gleichgewichtes. Das sollten sich die Streiter auf beiden Seiten merken und sich vor jedem übertriebenen Radikalismus in der einen wie in der anderen Richtung hüten, da jedes Extrem unweigerlich seinen schroffsten Gegensatz auf den Plan ruft. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch diesmal die Reaktion unausbleiblich ist. Die retrograde Welle wird kommen, so sicher, wie sie vor hundert Jahren gekommen ist. Sie wird vielleicht andere Formen tragen, andere Begleiterscheinungen mit sich führen, aber erfreulich werden sie nicht sein. Eins aber wird dieser Reaktion eignen: sie wird die jetzige negative Phase, den „Kampf gegen die Religion", den Streit für die Trennung von Staat und Kirche auf Rechnung der Juden stellen und den „zersetzenden Einfluß des Judentums" für die Verheerungen verantwortlich machen, die der jetzige Kulturkampf mit seinen Schlagworten im Gemütsleben des Volkes angerichtet haben wird. Vergebens wird man darauf hinweisen, daß diese Kämpfe dem Judentum und seinen Institutionen noch ärgeren Schaden zugefügt haben, wofür die in so enormer Zahl Ausgetretenen die beredtesten Zeugen sind. Eben diese Ausgetretenen, die im freien Felde der Konfessionslosigkeit kampieren, werden den Beweis liefern, daß im Judentum zersetzende Kräfte wirksam sind, die den religiösen Nihilismus, die sterile Negation fördern, jegliche Autorität untergraben, die Glaubenskrait, den Idealismus der Völker vernichten, den groben Materialismus, das kalte, schneidende Vernünfteln, das an der gemeinen, platten Alltäglichkeit haftende, keines höheren Schwunges, keiner Hingabe fähige, jeder schöpferischen Macht beraubte Kritteln repräsentieren, und somit eine Gefahr für die europäische Kultur bilden. Die' Ausgetretenen werden nicht aufhören, in den Augen der nichtjüdischen Welt Juden zu sein, nur werden sie dann konfessionslose Juden sein. Eine viel schlimmere, eine viel gefährlichere Sorte von Juden. Mit den wirklichen Juden weiß man wenigstens, woran man ist. Man mag der jüdischen Religion andichten, was man will, im allgemeinen weiß man doch, was sie lehrt, was sie fordert und gebietet. Man weiß, welche Gesinnungen und Stimmungen sie einflößt, durch welche Handlungen man ihre Gebote verletzt, durch welche Anschauungen man sich in einen Gegensatz zu ihr stellt. Man kann in ihrem Namen positive und negative Forderungen an die Juden richten. Aber die „konfessionslosen Juden"? Woran sind sie gebunden? Wo liegen die psychischen Hemmungen und Triebfedern ihres Gewissens? Ist nicht das Strafgesetzbuch das einzige Heiligtum, das ihnen Ehrfurcht einflößt, und die Polizei die einzige Autorität, vor der sie Angst haben? (Schluß folgt)

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