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Die Wahrheit · 1924-08-08 · Heft 32 (8.8.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 32 (8.8.1924)
Date
1924-08-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 32 mich zum Menschen macht, ist auch seine Menschenwürde. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Seine Kraft gewann dieser soziale Gedanke dadurch, >daß er nicht bloß ein ethischer, sondern ein religiöser ist. Der Andere, der neben mir in der Nähe oder der Ferne lebt, ist mein Nebenmensch, weil Gott ihn; geschaffen^ wie er mich geschaffen hat, zu ihm spricht und ihn hört, wie er zu mir spricht und mich hört. Ursprung und Ziel des Lebens, die mein Leben umschließen und bestimmen, sind Anfang und Zweck auch seines Lebens. Gott, der mich zum Menschen gemacht hat, hat jeden neben; mir ebenso zum Menschen gemacht, jeden daher als meinen Mitmenschen neben mich gestellt. Durch Gott ist er mein Nächster geworden. Jede Tatsache — das ist das Eigentümliche des Judentums — ist zugleich Aufgabe. So wird es, wie es ein von Gott gegebenes ist, daß alle Menschen neben mir meine Mitmenschen sind, zum Gebote für mich, daß ich sie zu Mitmenschen mache. Ich soll ihr Leben mit dem meinen verbinden* alles an ihnen tun, wodurch ihr Menschentum mit dem meinen geeint wird. Und da im Menschentum der Inhalt des Lebens gegeben ist, so ist auch im dem Gebote des Mitmenschentums der Inbegriff der Pflicht, der gesamte Umkreis dies Gebotes gegeben. Am Mitmenschen gewinnt unsere Aufgabe die Fülle ihrer Wege und Ziele, der Dienst Gottes den Reichtum seines Sollens und Könnens. Religiosität ist hier ein Soziales. Es gibt keine Frömmigkeit ohne die Arbeit für den Mitmenschen. In allen Pflichten gibt es ein Nebeneinander und ein Nacheinander, eine drängende und eine wartende Stunde. Aber grundsätzlich, durch das Gebot Gottes, sind) wir jedem zur Erfüllung des Mitmenschentütmis verpflichtet. Nicht darf durch Wohlwollen und Neigung ein Kreis ausgesondert werden, sondern jeder Mensch, auch der Fremde und Andersdenkende, auch der, der uns ein Feind war oder ein Feind noch ist, hat auf uns Anspruch. Jeder ist unser Bruder und Nächster und hat darum das Anrecht auf uns, dasAnrecht seines Menschentums auf unser Mitmenschentum. Was wir ihm tun, ist darum nicht ein Uebriges, ein' Außerordentliches, sondern dist Zedaka, Gerechtigkeit, das schlichte, selbstverständliche Gebot. Mit seiner Erfüllung haben wir nur getan, was die Pflicht verlangt. Das Soziale stellt die positive Gerechtigkeit dar neben der bloß negativen, gesetzlichen. Durch sie wird die sittliche Gemeinschaft geschaffen, der Staat m seinem positiven, sozialen Sinn, die Gesellschaft sittlich Zusammengehöriger, der Staat der Zedaka. Menschliche Aufgaben und menschliche Werke schließen nun die zusammen, die der gemeinsame natürliche oder ges'chichtliiiche Boden trägt. Nicht bloße Interessen mit ihren Nützlichkeiten, sondern; Gebote mit ihrer Sittlichkeit verbinden und einen jetzt und stellen die Gesamtheit, den Zusammenhang her. Wer allein stehen, nur für sich wirken und arbeiten will, hat gegen diese Gemeinschaft, gegen diesen Staat schön 'sin Unrecht getan, auch wenn! er im negativ bürgerlichen Sinne untadelig dasteht. Erst die soziale Pflichterfüllung macht hier zum Bürger, der, Staat ist ein Staat der Mitmenschen. Was wir dem Mitmenschen so 'erweisen., sollen wir auch einer Seele tun; wir sollen „seine Seele kennen", auch „die Seele des Fremden". Alle Schuldigkeit soll Wärme, ihren Harzensatem haben. Die Gerechtigkeit soll ihr Innerliches, ihr Gemüt durch die Nächstenliebe erhalten, und wo jene vielleicht erspart bleibt, die Stunde ihrer Pflicht nicht erfährt, dort behält diese dioeh immer den Raum ihrer Möglichkeit. Die Nächstenliebe gehört in das Soziale hinein, sowie das Sehnen und Fühlen in das Wesen, in das Mensichentum: des Mitmenschen hineingehört. Wir sollen auch innerlich an ihm Anteil nehmen, das Verlangen seines Gemütes, das Wohl und Wehe seines Herzens begreifen. Nicht die Hand nur, sondern die Seele auch soll im Soizialen lebendig seih. Die Gemeinschaft soll eine Gemeiinsehaft innerlich verbundener, eine Gemeinschaft des Friedens sein. Seinen letzten und höchsten Ausdruck hat der soziale Gedanke dann in dem jüdischen, 'messianischen Gedanken vom Gottesreich gefunden. Alle Menschen sollen in diesem Sozialen sich zusammenfinden, die Menschheit der Zedaka schaffen. Es gibt Grenzen, die die Macht setzt, Schranken, die der Nutzen aufrichtet; für das Gebot, für die sozial? Pflicht gibt es keine staatlichen Grenzen, keine vorteilhaften Schranken. Die Entscheidung zum Mitmenschen sieht überall die Nähe, sieht immer den Nächsten, den Menschenbruder. Alles Menschliche ist hier im Horizont. Die Ländler und die Tage werden im Gebote geeint. Im sozialen Gedanken' werden die Menschen zur Menschheit. Die Flucht in das Nichts. Zur Austrittsbewegung. Von Benjamin Segel, Berlin. (Fortsetzung.) Es liegt auf der Hand, daß die auffallende Zunahme der Austritte auf 'den Wunsch zurückzuführen ist, leichten Kaufs der jüdischen Gemeindesteuer zu entgehen und über die bodenlose Roheit und Niedrigkeit dieses Motivs ist kein Wort zu verlieren. Wer auf iTgenidieSne Weise die staatlichen Steuern hinterzieht, pflegt das vor seinem Gewissen, wenn er ein solches hat, damit zu rechtfertigen, daß dies ja eine Zwamgssteuer »üst, denn man kann ja aus dem Siaat nicht austreten, und überall fordert jeder Staat seine Steuern- Die jüdische Gemeinde Steuer ist stets eine freiwillige, eben weil man sich ihr durch den Austritt entziehen kann. Und gerade dieser Umstand muß jeden, der nicht jegliches Feingefühl eingebüßt hat, hindern, von dieser ultima ratio Gebrauch zu machen. Der Staat verwendete den weitaus größten Teil der Steuern auf den Unterhalt von Riesenheeren zu Land und zu Wasser, die den Pazifisten überflüssig dünkten, und auf die Zivilliste der regierenden Staatsoberhäupter, diie der prinzipielle Republikaner gern entbehrt. (Diese Vorwände fallen jetzt in der Republiken weg.) Das Judentum isti kein Eeclesia uiilitans. unterhält keine Armee und keine Flotte, die Besoldung der Rabbiner, der einzigen Funktionäre, zu deren Unterhalt der „Freigeist" nichts beitragen möchte, nimmt im jüdischen Gemeindebudget den allergeringsten Raum ein. Der ganze Rest wird zum Unterhalt von humanitären' und kulturellen Institutionen verwendet: Krankenhäuser, Asyle, Waisenhäuser, Erziehungsanstalten. Schulen, Museen,Bibliotheken, Einrichtungen sozialer Fürsorge u. dgi. Wer sich der jüdischen GemeSwdesteuer entzieht, beraubt also die Oeffentlichkeit um einen Beitrag zur Förderung der' wichtigsten Zweige des geistigen und materiellen Gemeinschaftlebens. Er wälzt auf dile unehrenhafteste Weise seinen Teil der Last auf andere ab. Ueberdies möchte doch jeder der Austretenden überlegen.

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