Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 32 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 Dlt WAHRHEIT Nr. 52 Auf den herrlichsten Promenadenwegen in der göttlichsten Sommerfrische begleitet uns jüdische Schrittsteller der dunkle Schatten aus dem Lebensbilde unseres Volkes. Bei den fröhlichsten Musikklängen der verschiedenen Kurkapellen umrauschen uns die Mollakkorde, an welchen die jüdische Tonleiter so reich zu sein scheint .... Als ich am zweiten Tage, kaum ein wenig ausgeruht von den Strapazen der Reise, aus meinem Zimmerchen in das kleine Hof gastein hinunterstieg, da bot sich mir auf meinem ersten Wege ein Bild jüdischer Tragik, wie ich es erschütternder zu sehen nie in der Lage war. Einige Schritte vom Kurhaus, wo sich die Badegäste (es sind ihrer 8 Prozent Juden) dreimal täglich versammeln, um sich von den fröhlichsten Musikklängen der Kurkapelle aus der düsteren „Dreiwochenstimmung" entführen zu lassen, liegt der Ortsfriedhof. Beim Vorbeigehen fiel mir unter den vielen Kreuzen ein Grabstein auf, der mit einem Magen-Dawid geziert ist. Ich begab mich auf den christlichen Gottesacker, um mir die eigentümliche Inschrift dieses Grabsteines näher anzusehen. An der Stelle angelangt, bemerkte ich noch einen kleinen, winzigen Grabstein in unmittelbarer Nähe des ersten, derweder ein christliches, noch ein jüdisches Zeichen aufzuweisen hat Aus der Inschrift war jedoch leicht festzustellen, daß auch unter diesem Erdhügel ein Jude seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Es waren das zwei jüdische Kriegsgefangene aus Rußland. Der eine mit dem kleinen unscheinbaren Grabstein, namens Josef Tkatsch-Lawrentiewitsch aus Borodanika, starb am 15. Februar 1917 im Gefangenenlager in Hofgastein und seine Kameraden errichteten ihm dieses schlichte Grabdenkmal. Der zweite, Moses Mager, Vater von fünf kleinen Kindern, erlebte wohl den Zusammenbruch, machte schon Vorbereitungen zur Heimreise aus langjähriger Gefangenschaft und freute sich wie ein kleines Kind, endlich einmal seine Lieben sehen zu dürfen, da raffte ihn die Grippe in 48 Stunden hin, und mit Zustimmung des vor einigen Monaten verstorbenen, hier sehr beliebt gewesenen humanen Pfarrers Pechriegel, sorgte Herr Siegmund Schönbrunn, der einzige hier lebende Jude, in aufopferungsvoller Weise für die Bestattung und er wurde mangels eines jüdischen Friedhofes am christlichen Ortsfriedhof an der Seite seines unglücklichen Kriegskameraden und Glauberisbruders begraben. Er starb am 4. Oktober 1918. Für die Errichtung eines Grabsteins sorgten in hochherziger Weise der hier zur Kur weilende Prokurist der Wiener Länderbank, Herr Karl Zilzer, Frau Rosa Hauer und mehrere andere Wiener Kurgäste, die durch eifrige Geidsaihmlüngen dieses pietätvolle Werk ermöglichten. Soweit das Trauerblatt aus dem Lebensbuche zweier jüdischer Kriegsgefangenen. Ich will es unterlassen, den Eindruck zu schildern, der auf mich beim Anblick dieser zwei nach dem Tode Vergessenen wirkte. Einerseits, weil ich faktisch die Worte nicht zu finden in der Lage bin, anderseits dürfte sich jeder warmfühlende Mensch vorstellen, wie es einem zumute ist, wenn man am Grabe zweier Glaubensbrüder steht, die weit, weit von ihrer Heimat, auf einem von ihren Angehörigen vielleicht nicht geahnten Orte, in fremder Erde und unter Gräbern Andersgläubiger ihre letzte Ruhestätte fanden. Und doch darf und soll der christliche Friedhof nicht die letzte Station der zwei jüdischen Toten von Gastein sein! Es wirkt beschämend und stimmt einem noch trauriger im Bewußtsein, daß sich in der nächsten Nähe, nur zwei Stunden entfernt vom kleinen Oertchen Hofgastein, eine reiche jüdische Kultusgemeinde befindet, die entweder von diesem Talle keine Kenntnis hat, oder — was noch trauriger wäre — unterrichtet ist, aber es bisnun unterlassen hat, die Ueberreste der beiden Unglücklichen auf einem jüdischen Friedhof zu überführen. Die Salzburger jüdische Kultusgemeinde, unter deren Sprengel Hofgastein zählt, könnte sich schon diese „Mizwah" erlauben. Gar so viel Kostenaufwand gehört sicherlich nicht dazu. Und sollte die reiche jüdische Kultusgemeinde in Salzburg erklären, nicht in der Lage zir sein, zwei unglücklichen jüdischen Toten eine letzte, eine jüdische Ruhestätte zu bereiten, dann ist es Pflicht des ganzen Judentums, für diese Angelegenheit zu sorgen. Tausende Millionen jüdischen Geldes werden in den unzähligen Kurorten und Sommerfrischen verspritzt und verpraßt, und da liegen zwei Juden auf einem nichtjüdischen Friedhofe, die zwei jüdischen Grabsteine aus der Mitte der unzähligen Kreuze ragen hervor und rufen und mahnen: Juden! Brüder! Gebt uns unsere letzte, unsere jüdische Ruhestätte! Sollte es wirklich nicht möglich sein, den winzigen Betrag aufzubringen, um diesen I»l Feuilleton Will Jüdische Offiziere in Altosterreich. Bei dem Umstände, daß in der Gegenwart der Jude auch in Oesterreich schweren Angriffen ausgesetzt ist und sich eine Strömung bemerkbar macht, die ihn zur Bekleidung hoher militärischer Stellungen als unqualifiziert erscheinen läßt, wird der folgende, dem „Berliner 8 Uhr-Abendblatt" entnommene Artikel von Oberst a. D. Seelinger verdientes Interesse finden. Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergänzte sich auch das österreichische Offizierskorps vorwiegend aus dem Adel, zum kleineren Teil aus Patrizierhäusern, nur bei den bürgerlichen Regimentern meist aus Söhnen von Staatsbeamten und Angestellten. Nie aber war der Weg zum Offiziersabzeichen des „goldenen Portepees" einem Juden erreichbar. Da spielte sich ein Jahr nach Königgrätz, als nach dem verlorenen Feldzug energisch an der Reorganisation der alten Armee gearbeitet wurde, in Wien ein Ereignis ab. das eine Bresche auch in diese Altmauer starrer Tradition schlug. Kaiser Franz Josef inspizierte anfangs Juni im Prater das 7. Husarenregiment. Das scharfe Auge des obersten Kriegsherrn bemerkte in der Front sofort einen Mann, der als einziger unter der ausgerückten Mannschaft auf der Brust die goldene Tapferkeitsmedaille trug. Der Kaiser winkte den Oberst des Regiments zu sich und fragte, warum der Husar, der doch die höchste Auszeichnung im Kriege erkämpft hatte, nicht Offizier geworden sei. ..Majestät, weil er Jude ist" meldete gehorsamst der Oberst. — „Lassen Sie den Mann zu mir kommen." — Der Husar sprengt vor. — „Wie heißen Sie?" — „Husar Bardach. Eure Majestät." — „Wie haben Sie die „Goldene" erworben?" — „Im Gefecht bei Chlum habe ich die Regimentsstandarte zurückerobert." — Das Auge des Kaisers ruht auf dem Gesicht des einfachen Husaren: „Das war sehr brav." Dann legte der oberste Kriegsherr die weißbehandschuhte Rechte an den Kappenschirm und sagt: „Ich danke, Ihnen, Herr Leutnant." Der neugebackene Leutnant wurde, eben weil er auf so spontane Art befördert worden war, von den meist feudalen Offizieren des Regiments als gleichwert aufgenommen. Er avancierte später zum Rittmeister, mit der Zeit auch zum Vizemajor Und wurde nach dreißig Dienstjahren in den Adelsstand mit dem Prädikat „Edler Von Chlumberg" erhoben. In der Armee war dieser erste jüdische Stabsoffizier so angesehen, daß er Anfang der Neunzigerjahre beim Distanzritt der Offiziere zwischen Berlin und Wien mit dem Ehrenamt des Schiedsrichters betraut wurde. Ein Jahrzehnt nach ihm hatte der jüdische Infanterist Eduard Schweitzer seine militärische Laufbahn als gewöhnlicher Soldat begonnen. Im bosnischen Feldzuge des Jahres 1878 erstürmte er an der Spitze seines Schwarmes eine feindliche Stellung, wodurch das Gefecht entschieden wurde. Er erhielt für solche Tollkühnheit die goldene Tapferkeitsmedaille, wurde zum Leutnant befördert und erwies sich als Offizier so tüchtig, daß er nach ungewöhnlichem Aufstieg in den Ritterstand erhoben ward und als Feldmarschalleutnant und Divisionär von Temesvär in den Ruhestand trat. Ritter v. Schweitzer hat als Offizier und General sein: Judentum nie verleugnet, eher demonstrativ zur Schau getragen. An hohen Feiertagen sah man ihn als Kommandant des ungarischen Infanterieregiments Nr. 26, dann als Chef der 53. Infanteriebrigade in Pardeuniform mit Gebetmantel im Tempel. Als er das erstemal der Hoftafel zugezogen wurde, bat er Seine Majestät, gewisse Speisen unberührt lassen zu dürfen, da er nur rituelle Küche esse. Der Kaiser gewährte sogleich das Ersuchen und gab nicht nur dem verdienstvollen General, sondern auch der Umgebung gegenüber seiner Befriedigung Ausdruck, daß ein Mann seine Ueberzeugung in religiösen Dingen unter allen Umständen hochhalte. Bezeichnend für Schweitzer ist wohl auch, daß er in Budapest an der Ecke des . Karlsringes einen jüdischen Dienstmann, der dort viele Jähre hindurch seinen Standplatz hatte, beim jedesmaligen Vorübergehen die Hand schüttelte. Dieser Dienstmann