Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 32 (8.8.1924)
- Date
- 1924-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064102--12999-3080481- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DeatschösterrelcMscbe Wocöensdirttt fflr tQdlsdie Interessen Pili dem DelDIa«; Yeröifcnäldionöen der „Union dtutscilöslerreidilsdier Jodes" Redaktion und Administration: Wten HetaiestfraOe - Fentrttf 42-2-16 trim^^T^Si^^S!T-^SS!!J^ü^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^f^'^^^^^^^^^^^^^- 1,1 .......1......~' '* iihmiii, i i n . XL. Jahrgang Wien, 8. August 1924 Nummer 32 Oswald Spengler und seine Quellen. I. Die jüdische Geheimlehre. Ein jüdischer Denker hat einmal ebenso tiefsinnig wie richtig bemerkt, daß in der Art, wie ein Forscher fremde Autoren zitiert, sich der Charakter des Schriftstellers zeigt. An diesen Spruch wurde ich erinnert, als ich in dem groß angelegt en Werke Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes" einige Zitate aus meinen Schriften las, in welchen mir fremde Gedanken entgegentraten1, die kein unbefangener Leser aus den zitiertem Sätzen — wie sie in meinem Buche stehen und nicht, wie sie Spengler zitiert —herauslesen könnte. Mitunter ist es ein einziges Wort, dasSpengler aus eigenem hinzufügt, welches dem von ihm angeführten Satze einen iganz anderen Sinn verleiht. So schreibt er — um ein Beispiel hervorzuheben — B. II, 301: Nach jüdischer Auffassung hat Moses am Sinai außer der schriftlichen noch eine geheime mündliche T h o r aempfangen (bei Sp. fettgedruckt) und bezeichnet als Quelle Funk, Entstehung des Tafonud, S. 17. Man lese nun in meinem Werke das Kapitel über „mündlich überlieferte Vollzugsvorschriften" nach, welches von Vollzugsvorschriften zu den Ge- und! Verboten der Bibel handelt, von Terminationen der Gesetze, die an Maße gebunden waren, wie Speisegesetze usw. Die von Spengler zitierte Stelle lautet wörtlich: „Auf den von der Schrift teils vorausgesetzten ungeschriebenen Gesetzen, teils als zum Vollzug unerläßlichen Vorschriften beruht der Glaube des gesetzestreuen Juden, daß von vornheretai, d. h. seit der Gesetzgebung am Sinaj, eine mündliche Lehre vorhanden gewesen sei." Es ist also nur von einer mündlichen Lehre die Rede, von Lehren, die als Vollzugsvorsdiriften der biblischen Gesetze nie geheimgehalten werden konnten und durften, sondern dem ganzen Volk überliefert und bekanntgemaeht werden mußten. Spengler fügt aber (zu den Worten „mündliche Thora") das Wort „gebenan" hinzu, und dieses Einschiebsel ist nicht so harmlos, wie es aussieht, denn für Spengler ist der Talmud nicht mehr identisch mit der „mündlichen Lehre", die Jahrhunderte hindurch mündlich überliefert, d&nn alber am Ende des fünften Jahrhunderts n. u. Zeitr. — was auch Sp. bekannt dlst (vgl. II, 322) -=-r von Rabiwa und R. Aschi redigiert und schriftlich fixiert wurde. Für Spengler „enthält der Talmud in seiner allgemeinen zugänglichen Gestalt nur einen Teil des religiösen Stoffes" und hat sich derselbe dadurch den Haß der Außenwelt zugezogen. „Das gotische Christentum", schreibt Spengler, „hatte keine Geheimlehre und deshalb ein doppeltes Mißtrauen gegen den Talmud, in dem es mit Recht nur den Vordergrund der jüdischen Lehre sah" (II, 302). Die „Geheimlehre" wird hier schon zur eigentlichenv zur Hauptlehre, welcher der Talmud nur als Vordergrund dient. Man sieht, wohin Spengler, durch das eingeschobene Wort „geheime" auf schiefe Ebene gelangt und wie er sich immer mehr von der Wahrheit entfernt. Eine „Geheimlehre'*, „eine geheime mündliche Thora" im Sinne Spenglers hat es nie gegeben und das gotische Christentum hätte sich von Hieronymus und anderen gelehrten Christen über jüdische Ueberliefenungen belehren lassen können. Unsere gesamte Literatur ist jedem zugänglich. „Ueberhaupt", schreibt Strack, gibt es innerhalb des gesamten Judentums weder eine Schrift noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Die Juden sind nicht bemüht, vor den Christen etwas zu verbergen und sie können auch nicht etwas vor ihnen verbergen" (Strack, Vorwort zurEinleitung in den Talmud, 4. Aufl.). Dieses Beispiel genügt, um Spenglers Wahrheitsliebe zu charakterisieren. Wenn Spenglers Aufstellungen auch in anderen Dingen nicht auf festeren und solideren Grundlagen ruhen, als die über die „jüdische Geheimlehre", kann das Abendland, dessen Untergang er kündet, ruhig sein. Es wird noch lange bestehen. Dr. S. Funk. ' Die Toten von Gasten*. Brief aus der Sommerfrische. Von Josef Grob, derzeit Hofgastein. In allen Blättern und Zeitschriften werden, sobald der Sommer ins Land zieht und die Großstadtluftmüden aufs Land hinauswandern, die Reize der unzähligen Sommerfrischen in verschiedenen Variationen geschildert und beschrieben. Da wird von Naturschönheiten, Luxusaurwänden, Unterhaltungs¬ und Zerstreuungsgelegenheiten aller Art versichert, so daß man glauben möchte: einmal in einem Kurort oder Sommerfrische gelandet, dann ist das Leben von lauter Glanz und Sonnenstrahlen umrahmt. Uns jüdischen Schriftstellern jedoch geht es wie unserem Volke. Nicht nur auf dem Heimwege vom Leichenbegängnis e"iner seiner Lieben verschmäht es der Jude, in der Heurigenschenke einzukehren, um sich vom schweren Weg ein wenig aufzuheitern. Er kehrt gebrochenen Herzens in die düstere Stube zurück, setzt sich auf den Trauerschemmel und vergießt heiße Tränen. Doch auch am lustigsten und fröhlichsten Festtage „Simchas Thora", wird im jüdischen Gotteshause die fröhliche Tonart für gewisse Momente in eine tieftraurige umgestellt und die düstern „Jome-nauroim-Töne" erinnern die Anwesenden, daß der Jude selbst in der höchsten Festesstimmung nicht vergessen darf, daß das jüdische Volk sich niemals und zu gar keiner Gelegenheit der reinsten ungetrübten Freude hingeben darf.