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Die Wahrheit · 1924-08-01 · Heft 31 (1.8.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 31 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Vjg2liSBfSltl& State DIE WAf iwi'il'» «5 Nr. 31 Jüdische Wohltätigkeit einst und jetzt. Von Paula Ollendorf, Breslau. Der Titel dieses kurzen Artikels müßte anders lauten, um anzudeuten, was er sagen soll; er müßte heißen: Jüdische Wohltätigkeit und soziale Arbeit. Die durch Jahrtausende geübte, vom Gesetz gebotene Wohltätigkeit wird sich durch die Veränderung in der sozialen Struktur der Judenlieit. unter der durch die verwandelten ökonomischen Verhältnisse herbeigeführten Abwanderung in die Großstadt, unter der leiblichen, geistigen und sittlichen Not der Juden immer mehr in planvolle, nach modernen Theorien und Erfahrungen umgestellte soziale Arbeit gestalten müssen, will sie nicht nur, dem einzelnen, sondern der jüdischen Gesamtheit dienen- Der Prozeß dieser Umwandlung ist begonnen, aber noch lange nicht vollendet In gewissem Sinne sträubt sich die alte Wohltätigkeit des „guten jüdischen Herzens" dagegen. Doch je mehr sich jeder einzelne Jude seiner Verantwortlichkeit gegenüber der Gesamtheit bewußt wird — manche sehen diese erst jetzt durch den Antisemitismus, der in diesem Sinne als Erzieher wirkt —, desto mehr muß Wohltätigkeit zur sozialen Arbeit, zur Erziehungsarbeit im weitesten Sinne werden. Not und Armut durch Almosen oder Hilfe für den Augenblick unterstützen, heißt sie aufrechterhalten; sie verhüten gilt es, die Hilfsbedürftigen in den Stand setzen, sich selbst zu helfen. Manches Almosen, unbedacht, aus gutem Herzen gegeben, bat manchen für sein Leben zum Bettler gemacht, was schon für die engen, kleinen Bezirke galt, in denen früher die Juden beieinander lebten, und wo es fast immer gewisse Familien gab, in denen sich das Betteln von Generation zu Generation vererbte. Wollen wir wahrhaft helfen, so müssen wir die Quellen aufsuchen, die zu Not und Armut führen. Je nachdem sie in Alter, Krankheit oder Tod, in .verschuldetem oder unverschuldetem Unglück, in Laster oder Unfähigkeit, in den durch den Krieg veränderten Verhältnissen ihren Grund haben, — gute, geschulte Sozialarbeiter werden die Wege finden^ die zur Besserung der Lage, zur Verhütung ihrer Wiederkehr zu gehen sind. Dazu gehören Organisation und Disziplin und die Zusammenarbeit, allerdings auch die Kenntnis aller jüdischen sozialen Einrichtungen. Vom lokalen Zusammenschluß innerhalb der Gemeinden, wo die Gemeinden, wo die Gemeindebehörden, Vereine und freie Wohltätigkeit miteinander arbeiten müssen, um nicht wirkungslos, oft sogar gegeneinander zu arbeiten, bis zur Zentral-Wohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der Spitze der jüdischen sozialen Organisationen, alles hat in jeder einzelnen Arbeit der jüdischen Gesamtheit zu dienen, — Erziehungsarbeit zu leisten, wozu mehr als das gute Herz und der gute Wille gehören, die nicht einmal bei den unkomplizierten Verhältnissen der, guten alten Zeit ausreichten zur Bekämpfung von Not und Armut, und die bei den jetzigen schwierigen und unerwartet weitgehenden Notständen vollkommen versagen. System und Verantwortlichkeit, Selbsthilfe und Aufrechterhaltung menschlicher Würde — das sind die Wegweiser moderner sozialer Hilfsarbeit, sei sie Arbeit für die Jugend oder für das Alter, für den Mittelstand oder für die Aermsten, für Gesunde und Kranke, für Normale und Anormale, für Individuen oder Anstalten. Man sollte meinen, alles das sei so selbstveständlich, daß es nicht gesagt zu werden brauchte. Zwei Beispiele aus sehr großen Gemeinden, die in der letzten Zeit sich ereigneten, beweisen, daß die jüdische Allgemeinheit noch immer Opfer jener Tradition wird, die an das gute jüdische Herz appelliert und gegen alle Vernunft und jede Warnung Erfolg hat. Immer noch blüht die „wilde Wohltätigkeit"! An viele vermögende und gütige und sehr beschäftigte Gemeindemitglieder kamen Briefe mit der Bitte um Diskretion, von drei in den weitesten Kreisen unbekannten Namen unterzeichnet, die in beweglichen Worten die tieftragische Lage eines Brautpaares schildern, das trotz jahrelangen Verlöbnisses nicht zueinander kommen kann, weil abgrundtiefe Not sie trennt. Wenn aber gütige Spender nach alter guter jüdischer Sitte die Verbindung ermöglichen würden, dann würde die Hochzeit an einem bestimmten Tage stattfinden und die edlen Wohltäter wären ergebenst eingeladen, Zeugen des durch sie ermöglichten Glückes zu sein. Es ging offenbar viel Geld für den edlen Zweck ein — nur wenige „Wohltäter" waren neugierig und gingen am bezeichneten Tage zum bezeichneten Ort und wurden' Zeugen eines großen und üppigen Hochzeitsmahles mit nachfolgendem Ball! . Hätte ein einziger Spender vor Absendung der Gabe nachgeforscht oder durch eine Organisation den Briefen nachgehen lassen, keiner hätte düpiert zu werden brauchen, und die Mittel hätten bessere Verwendung gefunden. Nr. 2. Vor wenigen Tagen erschien in einer jüdischen Zeitung ein Inserat mit dem vollen Namen einer privaten Persönlichkeit unterzeichnet, die angesichts der furchtbaren Not, besonders des jüdischen Mittelstandes, die viele unserer Glaubensgenossen zum Selbstmord treiben, könnte, zu Spenden auffordert. Hat irgend ein einzelner Mensch — sei er, wie im vorliegenden Falle, auch vollkommen einwandfrei — das Recht, reiche Menschen durch krasse und einseitige Schilderungen zu Beiträgen zu veranlassen innerhalb einer Gemeinschaft, in der es berufene Organisationen gibt, die bereit und geeignet sind, Notständen auf jede mögliche Weise — jedenfalls wirksamer als ein einzelner Mensch und eine gelegentliche Spende — abzuhelfen? Ist die Willkür eines „Wohltäters", jene systemlose Wohltätigkeit des Augenblicks, nicht eher ein Schaden als ein Nutzen für die Allgemeinheit? In einer Darstellung der Persönlichkeit des großen Menschenfreundes Charles Hallgarten aus Frankfurt war zu lesen, daß der überaus gütige Mann nie etwas gab ohne Prüfung der Personen und der Verhältnisse. Wenn er aber gab, dann half er auch. Er arbeitete! Ohne Arbeit ist soziale Hilfe nicht möglich, und darin liegt die größte Schwierigkeit für jene, die im alten Sinne nur wohltätig sind. Woher kommt es, daß die Juden nur langsam dazu gebracht werden, ihre staatlichen und städtischen Rechte in Anspruch zu nehmen? Weil es große Mühe und oft viele Wege macht, die Berechtigten darauf aufmerksam zu machen oder für sie zu handeln. Ja mehr, so hart es klingt und so schwer es in der Tat ist, wirksame, dauernde Hilfsarbeit muß davon abhängig gemacht werden, daß alle jene Rechte in Anspruch genommen werden. Das ist soziale Arbeit, wohltätiger als Almosen, wenn es auch manchen Weg und manches Wort kostet. Aber ist es nicht würdiger für jeden Verarmten, die verdiente staatliche Rente in Empfang zu nehmen als eine Unterstützung? Unter den mancherlei Erleichterungen, die die moderne Gesetzgebung für die Jugend und deren Ausbildung gewährt, um nur ein Beispiel herauszunehmen, gibt es auch eine Lehrlingsbeihilfe. Sie wird fast nie von Juden in Anspruch genommen!, obwohl sie ein Recht ist, das der Allgemeinheit zusteht. Ebenso klagten die Quäkerspeisungen, daß trotz ritueller Herstellung wenige jüdische Kinder daran teilnahmen oder, wenn sie es taten, bald unregelmäßig oder gar nicht kamen. Disziplin in die große jüdische Masse zu bringen, Disziplin auch in der Geltendmachung und in der Ausübung ihrer Rechte — wie wichtig und wie erziehlich ist das für die meisten^ wenn nicht für alle, die abhängig geworden sind von anderen Faktoren als von ihrer eigenen Kraft und Arbeit! Diese Erziehungsarbeit, sie ist von größerer Wirksamkeit und von sichererem Erfolge als die Gabe des Augenblicks, wie die soziale Arbeit des einzelnen wirksamer und erfolgreicher ist im Zusammenhang mit all den Organisationen, die dem gleichen Zwecke dienen. Und ist nicht die soziale Arbeit der beste, wenn nicht der einzige Boden, auf dem sich alle jüdischen Kräfte treffen, alle jüdischen Richtungen vereinigen können, um innerhalb des Judentums Eintracht und Frieden herbeizuführen? („Jüdisch-Liberale Zeitung", Berlin.) Der Judenhaß wächst! Nut fester Zusammenschluß und Opferwilligkeit m gemeinsamer Abwehr können dagegen helfen! Tretet der „Union deutsch-österreichischer Juden", Eurer bewährten Schutzorganisation, bei! Stärket unseren Preßfonds! Abonniert unser Öngali „Die Wahrheit**! Tue Jeder seine Pflicht!

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