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Die Wahrheit · 1924-08-01 · Heft 31 (1.8.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 31 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. U ftÜE WAHRHEIT StAU 1 Zur Reisesaison. Von Dr. Felix K a n t e r, Zwittau (Mähren). Die Reisesaison tot bereits 'begonnen. Die „Reise- und Bader-Zeitungen" bringen spaltenlange Artikel ülber Orte und 'Gegenden, deren Besuch Reisenden und Touristen besonders warm empfohlen wird!. Wir haben keine jüdische „Reise- und Bäder-Zeitung", die .den jüdischen Reisenden auf die geschieht H che Bedeutung jener Orte, Städte und Gegenden aufmerksam machen wiürde, die für den jüdischen Reisenden von besonderem Interesse w'äre. Deshalb möchte ich mir erlauben, die Aufmerksamkeit des jüdischen Reisepublikums auif jene Stadt in Böhmen zu lenken, die einst in der ganzen Diaspora als „Ir weem ibejisroel", als Mutter- und Mustergemeinde in Israel galt und die noch heute so viel des Interessanten und Belehrenden bietet, wie selten eine Stadt in Mitteleuropa — auf die Hauptstadt der tschecho-slowakischen Republik Prag. Wer die rühmlichst 'bekannten böhmischen Weltkurorte besuchte oder zu besuchen genötigt ist, unterlasse es nicht, dem „hunderttürmigen Müttercheiii Prag" einen kurzen Besuch abzustatten, namentlich jenem Teil der Stadt, der noch bis vor ungefähr zwei Dezennien als „Judenstadt" galt. Das ehemalige Prager Ghetto ist zwar der Assanierungi zum Opfer gefallen, trotzdem bieten die Ue'berreste desselben so viel des Interessanten und Belehrenden, daß deren Besuch aufs wärmste empfohlen werden kann. Das ehemalige Prager Ghetto — so schreibt Paul K r a s n o p o l s k i, dessen Ausführungen wir im nachstehenden folgen lassen — war durch fast sechs Jahrhunderte ein selbständig organisiertes, ausschließlich von Juden verwaltetes Gemeinwesen, das erst im Jahre 1850 mit Prag vereint wurde, nachdem die Revolution kurz vorher seinen Bewohnern die Gleichstellung mit den übrigen Konfessionen gelbracht hatte. Unauslöschlicher Haß, die Beschuldigiung von Ritualmord und Brunnenvergiftung trennte die „Judenstadt" von den Bezirken der Christen. Dort lebten eng zusammengedrückt und zusammengehalten, von böhmischen Königen und deutschen Kaisern privilegiert und gebrandscha-tzt, als notwendiges Uebe'l geduldet, die Juden und erkauften mit Bestechung und List ihr Dasein in jedem Sinne. Mehrere Male, noch 1744 unter Maria Theresia, aus ihren Häusern vertrieben, kehrten sie immer wieder zurück, erbauten nach einem Brande ihre Wohnstätten auifs neue, trieben Handel und Gewerbe, überstanden Kriege, erholten sich von der Pest, als deren Bringer sie noch 1715 Johann Jakob Sohudt bezeichnet, bis unter Kaiser J osef II. eine bessere Zeit anbrach. Josef II. nahm ihnen auch das gelbe Abzeichen, das sie bis dahin hatten tragen müssen, nach dem gleichfarbigen Jujdenhütchen des dreizehnten Jahrhunderts. Vor ganz kurzer Zeit . wurden in einem bisher unzugänglichen Vorraum zwei Bauten entdeckt, kleinen Scheiterhaufen vergleichbar, der eine barock, der andere viel älter. Es sind die Ofen zum Backen von Mazzos, der unigesäuerten Brote. Die Assanierung hat vor ungefähr 20 Jahren der verwitterten Romantik des Prager Ghetto bis auf wenige, aber bedeutende Reste ein Ende gemacht und an ihre Stelle die saubere Nüchternheit von Beton und Kunststein gesetzt. Vielstöckige Bauten umgeben jetzt den alten jüdische n Friedhof, der eine Sehenswürdigkeit für sich bildet. Auf dem knappen Raum von ursjpünglich 13.000 Quadratmetern mußten die Leichen schichtweise übereinander begraben werden, bis ein Verbot des edlen Kaisers Josef II. im Jahre 1787 weitere Beerdigungen auf dem alten Jud'eniriedhof, der sich mitten in der Judenstadt befand, untersagte. Die Grabsteine sind meist spitz zulaufende Rechtecke; in einigen Sarkophagen .mit hohen- Platten an den Stirnwänden lebt das Gedächtnis an Wohltun, Wissen und Reichtum fort. Die Inschriften sind hebräisch; Symbole künden oft Beruf und Namen des Toten. Daß die Kohanim (die Priester) das Volk segnen, die Leviten ihnen ihnen vorher die Hände waschen, das zeigen dort zwei ausgebreitete Hände, hier eine Kanne, während eine Weintraube die Gelehrsamkeit andeutet. Tiere und Blumen, ein Bär, eine Gans, ein Wolf, eine Rose versinnbildlichen Namen. Das pietätvolle Gedenken, welches kleine Steine auf Grabmale legt, häuft sie noch auf dem Sarkophag des Mannes, der als der Größte unter seinen Zeitgenossen galt: Rabbi Jehuda Lew ben Bezalel, der hohe Rabbi Lew, oder kurzweg „Maharar genannt. Er starb 1609, und die Inschrift auf seinem Grabstein zählt 15 religiöse Werke auf, die in Prag, Krakau und Venedig von ihm erschienen sind. Rabbi Jehuda ben Bezalel. ein bedeutender Kenner der Kabbala, mit T y e h o de Brahe befreundet und von Kaiser R it d o 1 f II. besonders geehrt, gilt als Schöpfer des G o 1 ein s, den er durch Zauberkraft belebte und zu seinem Diener machte. Auf dem unzugänglichen Dachboden der A 11 n e u s y n a g o g e sollen noch heute — der Sage nach — die Trümmer dieser Tonfigiur ruhen. Die A11 n e u.s c hu 1, eine der ältesten Synagogen in Europa, wurde vor kurzem teilweise renoviert, namentlich die Innenpartie um die Bundeslade. Diese Synagoge muß man sehen, beschreiben läßt sie sich schwer. Im Jahre 1389 ließ König Wenzel IV. 154 Juden in dieser Synagoge töten als Rache für einen Unfall, der ihm bei einem Besuche dieses Gotteshauses widerfahren war. Auf diese Judenmetzelei spielt auch die von Rabbi A v i gd o r Karo verfaßte Selicha zum Versöhnungstage an, die mit den Worten „Es kol hatlooh" beginnt. Vor einigen Jahren habe ich in diversen Blättern auf die historische Bedeutung dieses Bußgebetes hingewiesen, sowie auf eine andere Selicho>, deren Verfasser Rabbi Abraham Karo ist. Schon aus Obiger kurzen Skizze ist leicht zu ersehen, wie lohnend und lehrreich ein Abstecher nach Prag wäre. Am unsere leser! Werbet für unsere Zeitung! Eine erfreuliche Erhöhung der Abonnentenzahl ist zu verzeichnen! Jeder Bezieher muß es sich zur Pflicht machen, einen neuen Abonnenten zu gewinnen, damit wir schon in Kürze das Blatt weiter ousbauen hönnen

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