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Die Wahrheit · 1924-08-01 · Heft 31 (1.8.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 31 (1.8.1924)
Date
1924-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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*!..-r^*ii!äs~ ' Seite 4 DIE WiAHRflEIT Nr. 51 Geistigen liegen' und nicht in dem Schmück, den die Damen der Schwerverdiener in den Luxusbädern der Welt zur Schau tragen. Hier wäre die Gründung einer Organisation am Plat/e, die es stich zur Pflicht machte, in jedem einzelnep Falle auf das Unangemessene derartigen Auftretens hinzuweisen und ihm überall entgegenzutreten. Die Assimilation hat — wie auch sonst — hier üble Früchte getragen. Zahlenmäßig ist der Anteil diesier Menschen sicher nicht sehr groß, aber ihr lautfes und geräuschvolles Wesen, das natürlich sich auch in den anderen Rassen ebenso findet, und das nicht etwas ausgesprochen Jüdisches ist, schadet uns doch so sehr, daß dagegen Front gemacht werden muß. Sollte nun wirklich eine Zeit über Deutschland kommen, in der der äußere Antisemitismus sich nicht mehr so stark betätigen] wird1, dann sollen die Juden aus dieser Zeit der Verfolgung den Ansporn mitnehmen, stets und überall ein Vorbild für die Menschen zu sein. Die Flucht in das Nichts. Mit dem Austritt aus der christlichen Kirche darf der Austritt aus dem Judentum überhaupt in keine Analogie gestellt werden. Wer aus der christlichen Kirche austrat, erreichte damit niemals einen materiellen Gewinn, 'eine Verbesserung seiner sozialen oder 'gesellschaftlichen Stellung, entging nie einem Druck odier einer Verfolgung. Umgekehrt, in neun von zehn Fällen brachte er ein großes Opfer, erschwerte oder versperrte sich den Zutritt zu höheren Aemtem. zum Offiziersrauig oder auch, er verdarb seinen Krädern die Karriere. Die Kirche war wohl berechtigt, in jedem Austritt eine Verirrunig zu erblicken, und nüemand konnte es dlhr verübeln, daß sie diesen Schritt verdammte. Aber sie konnte der Irrung, die sie verdammte, nie unedle Motive unterschieben. Der Austritt aus der Kirche war der Ausdruck eines Protestes gegen .den Dogmenzwang, gegen die kirchliehe Organisation, Segen das Verhalten der kirchlichen Funktionäre zu bestimmten politischen Richtungen. Massenaustritte wurden dadurch herbeigeführt daß Sn den Reihen des Proletariats die Ueberzeugung aufkam, die Kiirche sei kapüiaJäßtisch orientiert, ihre Repräsentanten hielten es mit 'den Ausbeuterin. gegen die Ausgebeuteten, die Religion vertröste die letzteren auf ein himmlisches Paradies, um sie vom Kampf gegen das irdische Elend abzulenken, verhinderte die sozialen Reformen. Mit dem Austritt aus dem Judentum verhält es sich, .gerade umgekehrt. Von einem Dogmenzwamg ist bei ums nicht die Rede, von der orthodoxesten bis zur radikalsten Glaubensmeinung finden alle im Rahmen des iüdischen Bekenntnisses Platz. Wer mit der „kirchlichen" Organisation seiner Gemeinde unzufrieden ist, kann sich getrost einer anderen Gemeinde anschließen, eine eigene Gemeinde gründen; er kann: gegen die bestehende Gemeindeorganisation ankämpfen, es ist kein Hochverrat und nicht staatsgefährlich, gegen unsere Gemeindeorganäsationen sich aufzulehnen. Das kostet niemanden den Kopf. Es ist auch schwer zu behaupten, diaß die jüdische ..Kiirche" und iihre Diener im Dienste der reaktionären Politik odier kapitalistischen Gesellschaftsordnung stehe. Sie .hat im Staate so weniig zu sagen, daß die politischen und sozialen Mächte ihrer Stütze ganz gut entraten können. Der Gedanke jedoch, daß etwa ein fortschrittlich Gesinnter es im Judentum nicht aushalten könne, weil die Lehren' der jüdischen Religion in sozialer und noliftischer Hinsicht reaktionär und arbeiterfeindlich seien, dagegen die Besitzenden und die Machthaber bevorzugen, das Kapital auf Kosten der Arbeit begünstigen — dieser Gedanke ist so .skurril, daß bisher noch keim Abtrünniger gewagt hat. seine Atotrünragkeit mit diesem Vorwand zu bemämtdn. Daß aber jemand den Abfall vollzieht, weil seine philosophische Ueberzeugaing dias^ Judentum innerlich überwunden habe, wird niemiandem einleuchten Gerade die Männer unter uns, die am Philosophie und Wissenschaft einen sehr .hohen Ran« eingenommen haben, sind dem Judentum mit allen Fasern ihres Herzens treu geblieben, viele unter ihnen haben mit der ganzen Kraft ihres Geistes für dfie Befestigung. Erhöhung und Verte-Mteung der jüdischen Lehre gekämpft. Die Abtrünnigen rekrutieren sich zu 99 Prozent aus den Kreisen derer, die von Philosophie und Wissenschaft himmelweit entfernt sind. Die Motive des Abfalls vom Judentum liegen überhaupt jenseits von allem Geistigen. Sie sind in der Sphäre des persönlichen Egoismus, der Nützlichkeitsrechnung zu suchen. In den weitaus meisten Fällen brachte der Austritt aus dem Judentum große persönliche Vorteile mit sieh: Zutritt zu gutbezahlten Aemtem, Eintritt in> sogenannte höhere Gesellschaftskreise, wo man Einfluß omid äußere Ehren1 ernten kann. Aber auch in Fällen, wo solche positive Vorteile ntichit in Betracht kamen, war schon allein die Tatsache, daß man den Ballast des Judentums abschüttelte, für niledriige, nur auf ihren persönlichen Nutzen und ihre Bequemlichkeit bedachte Naturen verlockend genug, um sie zum Abfall zu bewegen. Bringt es auch nicht immer Nutzen, Niich.tju.de zu sein, so ist es doch immer nützlich und angenehm^ kein. Jude zu sein. Dann ist man die ewige Hetze los, dffie stets und überall hinter dem Juden 'her ist. Man braucht nicht das Damoklesschwert zu fürchten, welches dauernd über den Köpfen der Juden bald höher, bald tiefer hängt und nied'erzuisausen droht. Man braucht sich zum Beispiel die Pogrome, die bald hier, bald dort ausbrechen und blutige Opfer fordern, nacht sonderlich zu Herzen zu nehmen, man kann ihnen als unbeteiligter Zuschauer kühl gegenüberstehen, mit jener kopfschüttelndcn, verschwommenen Teilnahme, mit der man etwa von den Verfolgungen der Neger in den Vereinigten Staaten oder der hindöstanischen Völkerschaften vernimmst. Ueber die Beschimpfungen und Verleumdungen des Judentums braucht man sftoh nicht aufzuregen; ebensowenig über die Bedrohung der Gleichberechtigung der Juden, denin dias alles betrifft ja eine Menschensorte, die einen nichts angeht, miit der man in keiner Weise zusammenhängit. Wenn. Paris eine Messe wert war, so ist das alles sogar zwei Messen' wert. .. Alle diese ganz unten in den niederen Regionen des moralischen Bewußtseins sich abwickelnden Prozesse waren vor dem Krieg und während des Krieges die treibenden Kräfte der Flucht aus dem Judentum. Der Weg führte ün 99 von hundert FäJJen direkt Sn den Schoß der herrschenden Religion, die die besten Chancen bot Nur wenige machten aus feiner gaw&sen Scham 'oder UnentsofilossenheS't dasi neutrale Zwischenstadiuim .dies DSssSidientenltums odier ider KonfessSonslostekeiit durch, und überließen den letzten Schritt und den vollen' Nutzen der zweülten Generation. In der allerjüngsten Zeit sind zu dien obgedachten Motiven zwei neue, von gleichem sittlichen Wert hinzugekommen: die unglaubliche Erleichterung des Austritttes, die einer förmlichen Aufforderung gleichkommt, und die Aussicht, daß fortab im bürgerlichen Leben dte Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft nicht mir nicht mehr förderlich, sondern vielleicht hinderlich sein: werde. Es gehört zu den zahlreichen, einem .unsachlichen und unpsychologischen Doktrinarismus entspringenden Mißgriffen das neuen Regimes, daß es auf die Lockerung der bestehenden sozialen und natürlichen Verbände hinarbeitet, anstatt sich mit deren lebendiger Kraft zu verbinden und dadurch das Heraufführen einer neuen Epoche zu erleichtern, Die Auflösung der Kirchen- und Religionsgemeinschaften muß also gefördert werden. Die Formalitäten werden enorm erleichtert und die geldüichen Verpflichtungen! auf ein Minimum herabgesetzt. Seither steigt .die Flut der Ausbreitenden immer höher, und wer in den Blättern deren Namen lest, die ganze Kolonnen füllen, den beschleicht Bangigkeiit. Nun darf man, düe Sache allerdings nicht übertreiben. Verglichen mit der Zahl der Austritte aus den christlichen Kirchen ist die Zahl der abtrünnigen Juden noch immer ein verschwindendes Minimum, besonders wenn man) die oben dargelegten Anreize zum Abfall berücksrehtägt, denen, iin den christlichen Kirchen 'ebensovi'eJe HWer.niäse gegenüberstehen. Da muß man sich sagen, daß die Gewalt, die das Judentum über die Seelen seiner Bekenner hat, noch immer ungewöhnlich groß und eine Untergrabung odier auch nur eine ansehnliche BeeMrächtäg'ttng der jüdischen' Gemeinschaft von düeser Seilte nicht zu befürchten ist. Eime Lücke, die anderwärts ganz unbeachtet bliebe, macht bei uns schon einen so starken Eindruck, daß wir ihre Dimensionen leicht zu übertreiben geneälgt sind. Aber eben 'das düteser Anschauungsweise zugrunde liegende Gefühl ist sehr berechtigt, denn .eine große und1 herrschende' Gemefechaft empfindet d*n Abfall viel! schwächer als eine kleine, die niilcht gerade auf .Rosen gebettet ist. Und gerade darum -wirfst beil uns der \Abfall auf tiefergehende monaBsche Defekte hin, als anderswo. Deswegen fordert diese Erscheinung unsere volle Aufmerksamkeit heraus. (Schluß folgt.)

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