Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 31 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 31 DIE WAHRHEIT Seite 3 (bürgerliche Jugend zuim großen Teil in den Reihen des ihakenkreuzlerischen „Stahlhelm" steht, so bat sich doch aus den Kreisen der proletarischen Jugend im „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" eine machtvolle Gegenbewegung gebildet, die gewillt ist, auch nach außen zu zeigen, daß die deutsche Jugend sich nicht in einen aussichtslosen Revanchekrieg nineinjagen läßt. Wenn wir im Vorstehenden zu begründen versuchten, daß der Antisemitismus äußerlich ein wenig abgeflaut ist, so besteht doch keine Veranlassung zu irigfendwelcbem Triumphigeschrei. Der Antisemitismus, der dem deutschen Wesen imanent ist, wird voraussichtlich auf noch sehr lange hin das Leben der deutschen Juden entscheidend beeinflussen. Der gesellschaftliche Boykott ist ja fast völlig durchgeführt und wird, nachdem die Gruppen sich einmal getrennt, als etwas Besonderes nicht mehr empfunden. Auch die Versuche, die Juden aus den von ihnen innegehabten Berufen mehr oder weniger •hinauszudrängen, werden nicht schwacher, sondern stärker werden. So wird sich die wirtschaftliche Lage arg verschlimmern und es dem jüdischen Nachwuchs innerhalb Deutschlands immer schwerer werden, geeignete Posten zu finden, in denen er seine Existenz fristen kann. Noch ein paar Worte über die in Deutschland arge Verhieterirngen anrichtende Wirtschaftskrise. Sie trifft natürlich Idie 'jüdischkaufmännischen Kreise besonders scharf. Zweifellos steht fest, daß hier manche Existenz in der Inflationszeit sich eingenisteit hat, die nun in der Zeit, der Reinigungskrise wieder verschwinden muß, aber leicht kann es auch sein, daß manche alte, solide Vorkriegsexistenz nun in einer Zeit unerhörtester Geldknappheit zugrunde gehen muß. Diese Einzelschicksale wirken naturgemäß auch auf das jüdische Leben in Deutschland, zurück. Letzten Endes ist es doch der blühende jüdische Kaufmannsstand gewesen, der alle die Institutionen betraute und mit den flüssigen Mitteln versorgte, die sich der jüdischen Witwen und Waisen aber auch der jüdischen Wissenschaft und der Theologiestudenten annahm. Wo sonst Staatsmittel zur Verfügung standen, mußten hier private Sammlungen einsetzen, die nun naturgemäß nur schwer noch aufzubringen sind. Aber wir haben die Ueberzeugung, daß das bewährte jüdische Herz auch hier das Aeußerste an Opfersinn leisten wird, auch da, wo es vielleicht oftmals sehr schwer fällt zu helfen. Und wir, die wir gewohnt sind, mit absoluter Offenheit auch Schäden des jüdischen Lebens aufzudecken, wo wir sie bemerken, müssen sagen, daß es der Stellung des deutschen Judentums durchaus nichts schaden kann, wenn weite; Kreise unter dem Zwange der Verhältnisse zu einer einfacheren Lebenshaltung und zu größerer Bescheidenheit zurückkehren. Jeder Jude, der in Einfachen und Zurückgezogenheit seine Tage dahinlebt, ist eine bessere Abwehr des Antisemitismus, als irgend eine große Schrift, die der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Tausenden von Exemplaren in die Masse streut. Wir müssen in Deutschland ankämpfen gegen die zunehmende Materialisierunig, wir müssen immer wieder darauf hinweisen, daß die Werte unserer Gemeinschaft im Weg ins Kloster, das einige Meilen von der Stadt entfernt lag. Sie baten den Wächter, er möge sie zu dem wegen seiner Menschenfreunidliehkeit bekannten Pater Alexi führen, was auch geschah. Als sie auf ihre Frage, ob sich im1 Kloster ein jüdisches Mädchen befinde, vom Pater eine negative Antwort erhielen,- zog neuerlich Kummer in ihre Seelen und zu Tode betrübt begaben sie sich nach Hause. Eine Zeit sprach man noch von der schönen Gitale, endlich beruhigten sich die Gemüter . . . Es kam! -der Herbst, mit seimem trostlosen Nebel. Das Städtchen lag im Kot, der bis an die Fenster reichte, wie eingegraben. Eine finstere, undurchdringliche Nacht, der Sturm heulte, der sausende Wind riß an den Fensterflügeln der ärmlichen Stube, in der Rabbiner Ojser beim schwachen Scheine einer Kerze LChzot" verrichtete. Ueber seine blassen Wangen rieselten Tränen, seit dem Uniglücksfalle in seiner Gemeinde trockneten sieine Augen nicht. Plötzlich klopfti es an seiner Türe, ein müder Wanderer denkt er und öffnet hilfsbereit. Herein kommt ein Unbekannter, der nach der üblichen Begrüßungsformel dem Rabbiner einen versiegelten Brief übergibt und sich geräuschlos1 entfernt. Der Rabbiner war ob dieses sonderbaren Besuches sehr verwundert, öffnet den Brief und siehe da; ein Ungenanntseinwollender teilt mit, daß übermorgen in aller Früh eine verhüllte Frauengestalt das Kloster verlassen wird, das wird niemand anderer als die vermißte Gitale sein, ihre Angehörigen sollen sich einfinden und sie nach Hause bringen. Der anonyme Schreiber macht fernter aufmerksam, man soll dem Mädchen keine Vorwürfe machen, es sei noch nicht getauft. Ein Fingerzeig Gottes, sagte sich der Rabbiner strahlend, unbeschreiblich war die Freude, als sich bewahrheitete, was im Briefe vorausgesagt wurde. Pünktlich zur angegebenen Stunde waren die Eltern und Freunde Gitales beim Kloster, stürzten sich auf sie weinend und sie ließ sich ohne Widerspruch nach Hause geleiten. Wie einst der Jammer, war Jetzt der Jubel grenzenlos, am Samstag belagerte man das Haus von Gitales Eltern, überhäufte sie mit Geschenken, abends kamen Musikanten, der Rabbiner selbst tanzte mit Gitale und rief immer wieder in Verzückung; Gelobt sei der Ewige, der es verhinderte, daß die Zahl seines Volkes geringer wird. Zwei Jahre sind vergangen, da bekam der Rabbiner wieder einen Brief in hebräischer Sprache, folgenden Inhalts: „Einer, dessen Stunden hier auf Erden gezählt sind, bekennt hiermit, daß er einst die schöne Gitale vor der Taufe bewahrte, ja daß er selbst der Absender und zugleich der Ueberbringer war jenes geheimnisvollen Briefes vor zwei Jahren, weil er Mitleid hatte mit den Verwandten ds Mädchens, das ihn an die Leiden erinnerte, die er einst den Seinigen durch eine Taufe zufügte. Er bitte daher den Rabbiner, den er als gottesfurchtigen Mann verehre, er soll für sein Seelenheil! beten. Im Laufe derselben Woche starb Pater Alexi und wurde unter großem Pomp und Feierlichkeiten zu Grabe getragen. Bei seinem Leichenbegängnis waren auch die Juden von B... k unter Führung ihres Rabbiners erschienen.