Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 31 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 51 Volksstamm unerbittliche, unauslöschliche Fehde gekündet haben. Es war dies der grausamste, ruchloseste und lunbarmheraiigste Feind und wenn sie ihn bekämpften, so war dies Pflicht und Gebot, denn an die Juden ginig die Mahnung: „Gedenke, was dir Araalek getan hat." Noch lebt Amalek, noch schleudert er aus dem Hinterhalte seine vergifteten Pfeile, noch sucht er die schwachen, darniederliegenden Kraft- und Hilflosen ganz in den Staub zu treten und zu vernichten. Aber auch über Amalek werden die Juden siegen, wenn auch nicht mit Speer und Spieß, nicht mit den Waffen blutiger Gewalt, wohl aber (durch Wissen und Aufklärung. Das ist der jüdische Sinn des KriegsgedenktagesJ den wir, immerdar im Auge behalten wollen. G. D. Brief aus Deutschland. Von Dr. Willy Cohn. Sommerliche Hitze brüht über der Menschheit, und es will so scheinen, als ob diese mitunter tropi- * sehe Temperatur auf die Betätigung hakenkreuz- ' lieber Gesinnung etwas lähmend wirkt. Bis zu dem Wahltage war die Agitation auf ein fast unerträgliches Maß in die Höhe geschraubt worden, aber nun, wo die Herren der verschiedenen antisemitischen Fraktionen in den Reichstag eingezogen sind und praktische Arbeit zu leisten haben, da zeiigit es sich, daß man wohl mit antisemitischen Phrasen unreifen Menschen in WaMversammlungen einiges vorgaukeln kann, aber min, wo es heißt teilhaben an der Verantwortung, da erweist sich diese Phrase als doch zu wenig. Die Wähler,-die im Vertrauen auf erlösende Taten den5 antisemitischen Abgeordneten ihre Stimmen gegeben halben, müssen nun erkennen, daß sie nicht in der Lage, sind, den Karren — wie sie sich so schön ausgedrückt halben .— iaus dem Dreck zu ziehen. Im Gegenteil, man wiürde noch viel tiefer im diese besagte Schicht des Erdbodens hineinrutschan, wennnicht die Mktelparteieui wie aus der Tagespresse bekannt, im letzten Augenblick zugegriffen) hätten. Mit nur negativen Gedanken läßt sich auf die Dauer auch in Deutschland wichts aus- '. richten. Die große Masse des arbeitenden Volkes will Ruhe und Frieden. Sie will mit der Annahme des Dawes-Gutachten die Versöhnung und die Verständigung mit dem früher feindlichen Ausland. Man hat erkennen müssen, daß es keinen anderen Weg' gibt, wieder im 'die Höhe zu kommen, als diesen, und man weiß älteugut, daß jeder Versuch, es auf einem anderen Weg zu machen, unter allen Umständen zu einer völligen Zerstückelung Deutschlands kommen lassen muß. So sind jene sogenannten nationalen Tage mit ihrem stark -antisemitischen. Einschlag nicht allzu heiß zu nehmen. Auch hier ist schon ein Abflauen zu bemerken. Es wirkt nicht mehr, wenn der große Kriegsverlierer Ludendorff im Auto von Ort zu Ort reist und im Grunde immer wieder dieselben Reden in die Welt hinaussendet. Auch die ordenbehangenen Generäle — Klempnerläden — nennt sie der Volfksmund — wirken als Boten aus einer untergegangenen Zeit, und "wenn auch die Feuilleton fim Die schone Gritale. Von M. $ p e k t o r. Ins Deutsche übertragen von Klara Lippa: In den Fünfzigierjahren des vorigen Jahrhunderts, war das Städtchen B...k weit und breit berühmt weigen der Frömmigkeit seiner Einwohner. Der Rabbiner von B... k genoß einen Ruf als Gelehrter und war sehr eifrig im Beten und Fasten. Auch die Frauen von B . . . k führten einen frommen Lebenswandel, übten Wohltaten und besorgten zumeist die Geschäfte^ihrer Männer, damit jene sich dem Thorastudiurn widmen. " Und plötzlich brach über das Städtchen eine Katastrophe herein, die es m seinen Grundfesten erzittern machte. Die Tochter eines der angesehensten Bürgler, ein erwachsenes, rechtschaffenes Mädchen, ist eines Tages spurlos verschwunden. Sie pflegte ihren Eltern im Geschäfte behilflich zu sein, erfreute sich bei den Kunden einer großen Popularität, besonders weil sie der polnischen und russischen Sprache mächtig war. Nun ist sie verschollen, wie von der - Erde verschlungen. . Die Elter« waren sehr bestürzt, suchten sie nah und fern, vergebens ... Es verstrichen bange Tage und Wochen, die Juden des ganzen Städtchens machten sich auf die Suche nach dierschönen Gitale, man durchstrelifte die ganze Gegend, befragte alle Reisenden ob sie nicht irgendwo einem Mädchen begegnet sind, niemand5 wußte Auskunft. Eine unaussprechliche Trauer bemächtigte sich der ganzen Gemeinde, die Hoffnungslosigkeit des Falles .war besiegelt, als auf einem Jahrmarkt sich ein Bauer meldete, der behauptete, vor einigen Wochen auf der Landstraße einem Fuhrwerk begegnet zu sein, in dessen Insassinnen er die vermißte Gitale mit einer Klosterschwester erkannte. Darob entstand im Städttchen ein noch größerer Jammer. Es stand nun fest, Gitale wurde in ein Kloster entführt und der Taufe zugeführt. Seit B . . . k besteht, erinnerte man sich nicht einer solchen Schmach. Man verging vor Zorn und Scham. An diesem Tage war in B ... k förmlich Jom-Kipur. In allen Bethäusern verrichteten die Frommen Gebete, und flehten zu Gott, er möge das mysteriöse Rätsel aufklären und die Verschwundene in den Schoß ihrer Familie und ihres Volkes zurückführen. Und als der Tag; zur Neige ging und die Abendröte den Himmel, färbte, meinten die Einwohner -ein -Symbol der Hölle darin zu sehen, wo das knisternde Feuer ihrer sündigen .Häupter warte, um sie alle zu vertilgen. Sie glaubten die Sterne leuchten am Himmel zum letzten Male, jetzt müsse die, Welt untergehen. Und alle fühlten sich mitverantwortlich für die große Schande und wagten nicht einander in die Augen zu schauen. Weltuntergang ...,•„ Als die schicksalsschwere Nacht wich, ohne daß die Welt aus den Fugen trat, machte sich der Rabbiner mit einigen, angesehenen Bürgern auf den