Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 30 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 Dffi WAHRHEIT Nr. 50 Der Völkische. Ich bin ein deutscher Recke. Wie Osterhasen legen Eier, so melk' ich meine Phrasenleier, indem den Zahn ich blecke. Ich bin ein deutscher Recke. Wenn ich mich urgewaltig schneuze, sprießen hervor die Hakenkreuze, geweiht zu hehrem Zwecke. Ich bin ein deutscher Recke. Mit Gott und Ludendorff im Herzen woll'n wir das Judentum ausmerzen. Kommt, daß ich euch erwecke. Ich bin ein deutscher Recke. Geht, holt mir eine Eiche, daß ich sie schwarz-weiß-rot anstreiche und in mein Knopfloch stecke. Dostoiewsky Antisemitismus. Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß Dostojewsky ein grimmiger Antisemit war. In seinem „Tagebuch eines Schriftstellers", in seinen Aufzeichnungen, überall begegnet man der Behauptung, daß das Judentum die größte Gefahr für Rußland ist. Die verfolgten, verachteten und unterdrückten Juden waren im zaristischen Rußland alles eher als eine Gefahr für das große Reich. Dostojewsky geht in seiner Manie sogar so weit, das Streben des britischen Reiches, der Expansion Rußlands in Asien Grenzen zu setzen, als jüdische Mache zu erklären. Verschiedene Kritiker haben versucht die Frage zu beantworten, wodurch sein wütender Judenhaß zu erklären ist. Eine der Theorien, die noch die verständlichste zu sein scheint, wird in einem Aufsatz der Amsterdamer „Algemeen Handelsblad" dargelegt. Tn „Dämon" sagt Schatow, diese Personifizierung von Dostojewskys Idealen, daß jedes große Volk seinen eigenen Gott haben und die Ueberzeugung besitzen mufj, es sei berufen, der Welt den Glauben an seinen Gott zu verkünden. Dostojewsky sah in den Juden solch ein Volk, eines, das der Träger eines Gottesgedanken ist. Er war überzeugt, daß das jüdische Volk sich von der ganzen übrigen Welt abgesondert habe, weil es sich seiner Auserwähltheit, seiner unverbrüchlichen Einheit mit dem Gott seiner Väter bewußt sei und darnach strebe, über die ganze Welt zu herrschen, um seinen Gottesgedanken der Welt zu verkünden. (Hier unterscheidet sich Dostojewsky sehr wesentlich von den öden Erfindern der ..Weisen von Zion", wonach das Streben der Juden nach Weltherrschaft keinen religiösen, sondern lediglich materiellen Gründen entsoringe.) Zu seiner Annahme ist Dostojewsky durch die Lektüre des Alten Testaments gelangt, das ihn schon in seinen Kinderjahren sehr fesselte und ihn sein ganzes Leben immer wieder anzog. Aus der Lebensbeschreibung des Staretz Zosima im ..Brüder Karamasow", die. wie jetzt feststeht, die Autobiographie Dostoiewskys darstellt, sehen wir. welchen überwiegenden Einfluß das Alte Testament — und nicht das Neue Testament, wie man von dem Ideal eines Christen und Mönches erwarten sollte — auf das Leben Zosimas. das heißt also Dostojewskys hatte. Und am stärksten interessieren und beeinflussen ihn die älteren Teile des Testaments, in denen der Kultus der nationalen Exklusivität und des nationalen' Egoismus auf die Spitze getrieben wird. Dostoiewsky glaubte also, daß das jüdische Volk gerade die Eigenschaften besitze, die er dem russischen Volk als Ideal vorhielt. Er verlangte, daß das russische Volk unwandelbaren Glauben an seine relieiöse Mission hege, daß es sich vor der Vermischung mit anderen Völkern hüte. Für westeuropäische Völker hatte Dostoiewsky eine unüberwindliche Verachtung. Alle Deutschen sind für ihn ebenso dumm, wie Dr. Herzestubbe. alle Franzosen sind in seinen Augen leichtsinnig, alle Engländer grobe Materialisten ohne einen Hauch von Seele, alle Polen Schwindler, Lügner. Taschendiebe usw. Er verachtete deshalb alle Russen, die Anhänger der westlichen Kultur waren. Bloß das russische Volk besitze eine religiöse und historische Mission, nur das russische Volk sei von einem Gottes gedanken beseelt. Alle Völker der Welt haben, so behauntete Dostojewsky. ihre höchsten Ideale um materieller Vorteile willen geopfert, alle, mit Ausnahme der Juden. Das Judentum hat seinen Gottesgedanken und seine Mission nicht verleugnet und darum wird es in Dostojewskys Konzeption der einzige gefährliche Konkurrent des russischen Volkes. Das Judentum strebt zwar auch nach materieller Macht, aber es vergißt dabei nicht seine ideelle Funktion, es wendet vielmehr seine materiellen Mitte! an, um seinem Gottes gedanken-zur Herrschaft zu verhelfen. Es ist aber in der Welt kein Platz für zwei auserwählte Völker, und so wird das jüdische Volk Rufeland und seiner Mission gefährlich. Daraus würde sich die. Feindschaft des großen russischen Dichters gegen das Judentum erklären. Anstand und Ehrbarkeit — eine Gefahr für den Staat. Der sattsam bekannte D int er, dem unlängst in einer Gerichtsverhandlung von seinem Vorgesetzten im Kriege ein nicht gewöhnliches Maß von Feigheit attestiert wurde, hat jetzt als Volksvertreter Gelegenheit, seine moralischen Anschauungen von der Tribüne herab zu verkünden. In der Hetzrede, die er kürzlich bei der Etatsberatung im Thüringer Landtag hielt, bestritt er. daß die Juden fähig wären, im Staate Beamtenstellen zu bekleiden. Jeder Jude bilde eine Gefahr für den Staat. Das gelte nicht nur für den moralisch disqualifizierten, sondern auch für den anständigen und ehrbaren Juden; Wenn die jüdischen Staatsbeamten die Äußerungen der Dinters als maßgeblich und als repräsentativ für die Auffassung der öffentlichen Meinung betrachten (was zum Glück nicht der Fall ist), so könnten sie sich das Leben sehr leicht machen, indem sie auf jenen gefährlichen Anstand und jene gefährliche Ehrbarkeit kurzerhand verzichteten. Wenn schon, denn schon! Aber auch die Staatsbeamten anderer Konfessionen könnten unter Umständen aus der Dinterschen Philosophie jenen amoralischen Anreiz schöpfen: man brauchte ihnen bloß einzureden, daß sie auf Grund irgendwelcher Besonderheiten, eine Gefahr für den Staat bilden und daß man sie in jedem Fall für minderwertige Lebewesen ansehe. Diese Einrede ergäbe für sie. vorkommenden Falls, die prächtigste Ausrede. Man sieht, welch grandiose volkserziehliche Wirkung den Dinterschen Gedankengängen entströmt. Eine interessante 4eußerung Gottfried Kellers. Der kürzlich zur Veröffentlichung gelangte Briefwechsel Theodor S t o r m s und Gottfried Kellers enthält eine Auseinandersetzung über eine Aeußerung des berühmten (jüdischen) Verfassers historischer Romane, Georg Ebers. Auf eine Bemerkung Storms' erwidert Gottfried Keller: „Hierzu braucht es keine Juden, so wie überhaupt meine Erfahrungen und Beobachtungen dahin gehen, daß ich auf jeden vorlauten und schreienden Juden zwei dergleichen Christen, seien es Franzosen oder Deutsche, Schweizer inbegriffen, rechnen kann ..." Herbert Samuel will Palästina verlasse». Der High Commissioner von Palästina, Sir Herbert Samuel, ist am 24. Juni nach London abgereist, um in Europa seine bis September dauernden Ferien zu verbringen. Vor seiner Abreise empfing er eine Delegation des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat), der er erklärte, daß er im September nach Palästina zurückkehren werde, um noch ein Jahr dort zu bleiben, bis zum Ablauf seiner auf fünf Jahre, also bis Sommer 1925, laufenden Amtsperiode. Doktortitel für Zöglinge einer Jeschiwah. Das Kollegium der Universität des Staates New-York hat das Theologische Seminar beauftragt, dem Rabbiner Isaac Elchanan vom Theologischen Seminar die Genehmigung zu erteilen, seinen Schülern den Doktorgrad für hebräische Wissenschaft u n d Literatur zu verleihen. Rabbiner Dr. Pinchas Kohn bei Sir Herbert Samuel. Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Pinchas Kohn, Leiter des Zentralbüros der Jisroel in Wien, hat seine Londoner Anwesenheit benutzt, um die Wünsche der Agudas Jisroel und Waad Hoir Hasachkenasi in Erez Jisroel. bei den in Betracht kommenden Stellen zu unterstützen. Er hatte auch eine längere Unterredung mit dem High Commissioner Sir Herbert Samuel, die privaten Charakter trug. Rabb. Dr. Pinchas Kohn hatte bei dieser Unterredung Gelegenheit gehabt, mit Sir Herbert Samuel in zwangloser Weise über alle jüdischen Fragen sich auszusprechen. Das jüdische KünsfJercheater in Moskau aufgelöst. Das Moskauer jüdische Künstler-Theater, das während der letzten zwei Jahre unter der Führung der jüdischen Kulturliga in .Moskau und anderwärts Vorstellungen gab. mußte aus finanziellen Gründen aufgelöst werden. Schauspieler, unter ihnen Künstler ersten Ranges, sind nun zu künstlerischer Untätigkeit verurteilt. Bebt uns Adressen von Bekannten! Die Administration, Wien II., Heinestraße 13 versendet kostenlos Probenummern