Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 30 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 DIE WAHRHEIT zum Schlüsse dieses Artikels: „Oesterreichisches Volk hilf dir selber und hilf den Juden mit Gewalt zu dem Platze, wo der Zimmermann das Loch gemacht hat." Die Pogrome lehren uns auch, wie diese Gewalt sich manifestiert und wie sie sich .schließlich auslebt; es gibt auch im hiesigen israelitischen ßlindeninstitut Opfer solcher Pogrome, ein blindes Kind, welches nach einem solchen Pogrome in der Ukraine auf der Straße aufgelesen wurde, nach seine Angehörigen zu Opfern desselben wurden, ja ein zweites jüdisches Kind, dem nach Minmordung seiner Angehörigen von den entmenschten Tätern die Augen ausgestochen wurden. Hohes Ministerium! Soll es auch in Oesterreich zu solchen Gewalttätigkeiten kommen, auch nur ein Einzelner ein Opfer dieser ungeheuerlichen Verhetzung werden? Im Artikel 63 des Friedensvertrages verpflichtet sich Oesterreich „allen Einwohnern Oesterreichs ohne Unterschied der..........Religion, vollen und ganzen Schutz von Leben und Freiheit zu gewähren". Kann Oesterreich diese feierliche Verpflichtung erfüllen, wenn die Behörden mit verschränkten Armen diesem verbrecherischen Treiben zusehen? Denn es widerstreitet doch unseren eigenen Gesetzen; deren Grundlage der Schutz des Lebens jedes Bewohners ist. Es ist eine unaufhörliche Uebertretung der §§ 302, 63 b Str.-G. endlich aber die nackte Aufforderung zu Mord und Totschlag. Einem solchen Vorgehen gegenüber dürfen die Behörden sich nicht von dem Gesichtspunkte leiten lassen, daß möglicherweise das Schwurgericht zu einer /Freisprechung gelangen wird, es muß vielmehr die Erwartung ausgesprochen werden, daß unsere Geschworenen vor den Konsequenzen eines solchen Freispruches einmal zunickschrecken werden; ganz bestimmt aber kann erwartet werden, daß, selbst wenn aus subjektiven Gründen ein Freispruch erfolgen würde, doch der Verfall derartiger Artikel ausgesprochen werden wird. Unsere Bitte geht daher dahin, daß endlich einmal gegen offene Bedrohungen unserer Glaubensgenossen an Leib und Leben mit aller Entschiedenheit vorgegangen werde. Wir erbitten vor allem die amtliche Untersuchung, damit die-Unwahrheit des von uns vorgelegten Artikels von der ersten bis zur letzten Zeile erwiesen werde. Darm aber hegen wir die sichere Ueberzeugung, daß gegen Verbreiter derartiger erdichteter, Staatsbürger, welche das gleiche Recht auf Schutz der Staatsgewalt mit allen andern Bürgern ge- ° nießen sollen, in gefährlicher V/eise bedrohender Lügen mit allen den Behörden zustehenden gesetzlichen Mitteln vorgegangen werde. Wir möchten noch zum Schlüsse die Aufmerksamkeit des hohen Ministeriums dahin lenken, daß „Der eiserne Besen" in einer kleineren Stadt erscheint und daß seine Tendenz deshalb um so gefährlicher ist. Die dort lebenden Glaubensgenossen, die im redlichen Erwerbe ihren Lebensunterhalt finden, sind der Mittelpunkt der verwerflichen Angriffe dieses Blattes und sie können" auch das erste Opfer dieser gezeigtermaßen ungemein schwerwiegenden Bedrohungen werden. Wir stellen demnach die ergebene Bitte: Das hohe Bundeskanzleramt geruhe diese Eingabe zur geneigten Kenntnis zu nehmen und die von uns erbetenen Verfügungen mit der größten Beschleunigung zu treffen. Union Deutschösterreichischer Juden. Wien, am 23. Juli 1924. Der Präsident: Der Schriftführer: Dr. Jakob 0 r n s t e i n. Carl Friedman;!. Aus unseren Rechtsschutzu. Abwehrbüro. Reiseerfahrungen in Vorarlberg. Eine berufliche Reise brachte mich anfangs Juli nach Tirol und Vorarlberg. Ich besuchte eine Reihe schöner Städte und Orte, und zwar im ersterem Lande: Innsbruck, Landeck, Längenfeld im Oetztal; in letzterem Lande: Bregenz, Feldkirch, Bludenz, Schruns im Montafonertal, Hohenems. In letzterem Orte sah ich den stimmungsvollen, kleinen jüdischen Friedhof. Bei seiner Eingangstüre ist die wehmutsvolle Inschrift angebracht: „Nur die Liebe zu den Toten ist selbstlos." Mit inniger Freude genoß ich die vielen Schönheiten unseres Vaterlandes, besonders auch eine herrliche Fährt auf dem Bodensee. Bloß in einem Orte wurde meine Freude durch folgende Wahrnehmung beeinträchtigt. Zwei große Gasthöfe in Schruns, Löwe und Taube, sind über der Eingangstür mit einem Hakenkreuz geschmückt. Beim Verlassen dieses Ortes mit dem eigentümlichen Zeichen christlicher Liebe dachte ich darüber nach, wie es kommt, daß im selben kleinen Lande, in Vorarlberg, in Hohenems, Juden unangefochten Jahrhunderte leben konnten, während in einem anderen Orte dieses Landes, in Schruns, auch dem flüchtigen Besucher das Zeichen des Hasses entgegentritt. Gewiß ist dies bloß auf einige Hetzer zurückzuführen, während die Masse der Bevölkerung der Sache gleichgültig gegenübersteht. Wie immer aber die Angelegenheit sich verhalten mag, ich habe den ungastlichen, wenn auch von Natur aus gesegneten Ort sofort verlassen. Dr. E. W. Donaulandleute. Den Rosenheimer Beschluß des Alpenvereines soll man nicht zu tragisch nehmen. Er hat sogar, näher betrachtet, jene muntere Nestroy'sche Note, die sicti in dem bekannten Spruch manifestiert: „Wozu denn mit einem Menschen grob sein? Es ist ja genug, wenn man ihn hinauswirft!" Die Bergarier haben jener Sektion, die sie nicht bloß als verjudet, sondern einfach jüdisch werten, mit überwältigender Mehrheit nahegelegt, aus dem „Alpenvereine" zu scheiden. Damit ist die letzte Konsequenz aus dem bisherigen Verhalten des „Alpenvereines" gegenüber der Sektion „Donauland" gezogen. Anfangs glaubte man dieses Ziel, aufs innigste zu wünschen, durch gradatim gesteigerte 'Schikanen und Anrempelungen zu erreiciien. Es wurde des Juden sportliche Ebenbürtigkeit und Kameradschaft entzogen. Als dies leider — wir meinen dieses ieider vom jüdischen Gesichtswinkel — nichts half, wurden die Alpenvereinler immer deutlicher und herausfordernder. Sie ließen in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise den Gefühlen freien Lauf und plakatierten an den Schutzhütten, daß hier „Juden und Mitglieder der Sektion „Donauland" nicht erwünscht seien." Die Proklamation verstößt nicht gegen die Staatsgrundgesetze, denn jedem Staatsbürger der freien deutschösterreichischen Republik bleibt es anheimgestellt, ob ihm ein anderer erwünscht ist oder nicht. Wohl aber schlägt dieses Bekenntnis der Unerwünschtheit dem Zartgefühl jedes aufrechten Menschen ins Gesicht und er müßte daraus die unvermeidlichen Folgerungen ziehen ziehen, sich einfach nicht weiter aufdrängen, nicht mit Leuten unter einem Dach nächtigen, deren verachtende und gehässige Gesinnung ihm bekannt ist. Die Donaulandleute waren bisher anderen Sinnes, sie glaubten sich damit aus der Affäre ziehen zu können, daß sie sich nicht zu erkennen gaben. Diese Vogel-Straußpolitik verfing nicht, sondern führte nur zu weiteren Maßregeln. „Fremde", nämlich Ortsfremde, die nicht dem Verbände der Arier angehörten, mußten in den Unterkunftshütten für Nächtigung und Zehrung ein Mehrfaches der Tarife zahlen, also eine förmliche Kopfsteuer für Juden. Als diese selbst vor dieser Schmach nicht zurückschreckten, griff der „Alpenverein", zur äußersten Maßregel und angeregt von der Hitler'schen Atmosphäre der Rosenheimer Tagung schritt er zum kaum verhüllten Hinauswurf der „Unerwünschten". Deutlicher konnte man ihnen nicht mehr mit dem Schubkarren übers Gesicht fahren. Sie wurden solcherart gezwungen, wenn schon nicht auf die Achtung der Umwelt, so doch auf die Selbstachtung bedacht zu sein und sich dahin zu resolvieren, endlich, bildlich gemeint, ihre eigenen Wege zu gehen, was wir den guten Leuten, wie man sich wohl erinnern wird, von allem Anfang an rieten, als die antisemitische Welle bis zu den Alpengipfeln stieg. „Donauland" ist bereits schon jetzt gentig stark, um auf eigenen Füßen touristisch ausschreiten zu können und es wird noch bedeutend an Mitgliedern und Förderung gewinnen, wenn es sich endgültig von seinen Bedrängern lossagt. „Donauland" ist nun vor eine Zwangslage gestellt und vielleicht ist es gut, daß es so gekommen ist. Der Judenhaß wächst! Nur fester Zusammenschluß und Opferwilligkeit m gemeiirasamier Abwehr können dagegen faelifen! Tretet der „Union deutsch-österreichischer Juden", Eurer bewährten Schutzorganisation, bei! ^l^lsjfe Stärket unseren Preßfonds! Abonniert unser Organ „Die Wahrheit"! Tue Jeder seine Pflicht!