Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 30 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" ■««■■«««■»«»»«»■«■»»■■»■»■■»■■.«■■■■«»■« i Wien IX. 1 1 Berggasse 41 : Postsparkassen ■ Konto Nr. 9414 : | Telephon Nr. 19-2-77 j Ritualmordspuk. Den Gipfel schamloser Niedertracht erreichte der Salzburger „Eiserne Besen" mit einem in Nr. 23 enthaltenen Artikel „Aufgedeckter Ritualmord- und Blutraubversuch". Diese grauenhafte Geschichte wird als ein Erfolg des Antisemitenbundes in Wien gebucht und einem ungenannten Privatdetektiv gedankt. Man höre und schaudere. Eine gewisse Julie. Ingler trat im Jänner 1923 beim Rabbiner des Turnertempels in Dienst, wurde mit dem Mantel des Rabbiners in den Tempel geschickt, dort von vier Rabbinern umringt und befragt, ob sie Bekannte in Wien habe oder einen Liebhaber, mit dem sie intim verkehre. Der Ingler war die Sache unheimlich und sie verließ den Posten. Mit ihr auch die zwei anderen Mädchen, die dort bedienstet waren. Eine noch schrecklichere Raubersgeschichte weiß der Antisemitenbund, beziehungsweise der ungenannte Privatdetektiv von dem Dienstmädchen Klara Molnar zu erzählen, dem im Jahre 1920 vor Ostern durch ihre Dienstgeberin und deren Bruder aus der linken Brustseite Blut abgezapft wurde, worauf dieses Opfer der Juden nicht etwa sofort die Anzeige bei der Polizei erstattete, sondern gegen weitere Attentate sich vor dem Schlafengehen mit einem Küchenrnesser bewaffnete. So unerhört frech und blöd die Erfindungen des „Eisernen Besen" sind, wird er doch gleich blöde Leser finden, die ihm glauben. Da er außerdem seinen Artikel in eine Aufforderung zu Pogromen ausklingen läßt, hat die „Union deutschösterreichischer Juden" an das Bundeskanleramt Abteilung für Justiz folgende Eingabe gerichtet: Hohes Bundeskanzleramt! In Salzburg erscheint die Zeitschrift „Der eiserne Besen", welche in maßlosester antisemitischer Verhetzung alle Blätter gleicher Richtung übertrifft Auch die vorliegende Nummer bildet für diese unsere Behauptung einen unwiderleglichen Beweis. Verspottungen, Beschimpfungen und Aufreizungen gegen die Juden, welche auch vor der Bedrohung ihres Lebens nicht zurückschrecken, bilden den Inhalt jeder einzelnen und auch dieser Nummer. Das allen Deutschen und insbesondere auch uns deutschen Juden heilige Lied unseres großen Dichterfürsten Friedrich Schiller, „Die Glocke", ist dem „Eisernen Besen" gut genug, um in geradezu ekelerregender Weise als Unterlage für „Das Lied vom Levi" zu dienen. Ausdrücke wie: Das Schwindelgesindel, das Schwindelpack von Kanaan, polnische Dreckjuden, Judenlausbuben, die Hunde aus Palästina, sind nur einige Beispiele für die gemeinsten Beschimpfungen, in denen sich dieses Blatt in jeder Nummer ergeht; 1 Um den Hauptzweck dieses Blattes, nämlich die Aufreizung gegen die Juden, zu fördern, schrecken die Mitarbeiter desselben auch vor der gröbsten Unwahrheit nicht zurück. So wird zum Beispiel im Artikel „Der Straßenkampf in Klosterneuburg" behauptet daß auf dem angeblichen Ueberfall auf die Nationalsozialisten nicht die Arbeiter, sondern „die Hunde aus Palästina", die Volksgenossen aufeinanderhetzen, während sie zynisch lächelnd in den Bars und Vergnügungslokalen sitzen und die Mädchen des von ihnen ausgeplünderten Volkes zu Straßendirnen machen, schuldtragend sind. Zum Schlüsse wird den „Hebräer-Bestien" mit dem Sturme des Volkszornes gedroht, der sie zum Teufel hauen wird und was unter dieser Drohung verstanden werden soll, ergibt sich aus einem andern Artikel, der hauptsächlich den Grund für unser Einschreiten bildet i -Ii'1 Dieses Blatt wärmt zum Zwecke dieser Aufreizung und der offen erklärten. Bedrohung des Lebens der Juden die schon tausendmal widerlegte gemeinste Lüge vom Ritualmord in dem Artikel, betitelt „AufgedeckterRitualmord- und Biutraubversuch" wieder auf. Es erübrigt sich wohl, dieses hohe Ministerium in einer längeren Ausführung auf die zahlreichen Bullen der Päpste über diese lügenhafte boshaft erdichtete Fabel und auf die noch zahlreicheren, wissenschaftlich in der ganzen zivilisierten Welt hochgeachteten christlichen Theologen wie Strack, Nöldecke. Wünsch, Delitzsch und andere zu verweisen, welche übereinstimmend die Niederträchtigkeit und Verlogenheit dieser stets zu eigennützigen Zwecken gebrauchten Erdichtung nachwiesen. Es ist daher weiters auch gar nicht notwendig, uns mit dem Inhalte dieses Artikels zu beschäftigen; jede Zeile zeigt, wie läppisch und lächerlich es ist, dieses lügnerische Märchen auf die angeblichen, von einem sich vorsichtsweise nicht nennenden Privatdetektiv behaupteten Tatsachen, zu gründen; jede Zeile läßt erkennen, daß der Inhalt durchwegs erfunden ist und daß nach altem antisemitischen Rezepte gearbeitet wird, es kehrt daher auch in dieser Erfindung, ebenso wie im Tisza-Esslarer Prozesse und im Prozesse Hilsner, welcher auch von den hervorragendsten österreichischen Justizautoritäten als ein Justizirrtum schlimmster Art bezeichnet wurde und in welchem der oberste Gerichtshof ausdrücklich feststellte, daß das angebliche rituelle Motiv nicht vorhanden war, der „sechsjährige Knabe" wieder, welcher &\s/ Kronzeuge für die niederträchtigste Erfindung dienen soll/ Handgreiflich wird die Lüge erwiesen, wenn wir mitteilen, daß nach unseren Erhebungen bei der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, abgesehen von dem bekannten, bedeutenden Prediger Jellirtek, ein anderer Rabbiner namens J ellinek in den Matrikeln der Kultusgemeinde nicht verzeichnet ist. Es soll aber nach diesem Artikel der angebliche Ritualmordversuch, welcher in der an Julie Ingler gestellten Frage, ob sie Bekannte in Wien habe etc.!!! bestand, von einem Rabbiner Jellinek im Jahre 1903 im Tempel XV., Turnergasse verübt worden sein. Der früher angeführte Prediger Jellinek ist bereits am 28. Dezember 1893 gestorben; der Sitz seiner amtlichen Tätigkeit war während der ganzen Dauer seiner Amtswirksamkeit nie im Tempel in Fünthaus, sondern stets in der Inneren Stadt Seitenstettengasse. Der zweite Fall soll durch einen Dr. Dürnstein an der seit dem Jahre 1917 bis 1920 bei Frau L osa üutt im Dienste gestandenen Klara Mollnar verübt worden sein, über welche Tat der so findige Privatdedektiv allerdings ein Protokoll vorzulegen nicht in der Lage ist, und hinsichtlich welcher gewiß auch Aerzte sehr erstaunt sei.i werden, daß die behauptete Operation: Aufschneiden der linken Brustseite, Oeffnung der Herzblutader, Entziehung von Blut aus dem Herzen mit einer Spritze, für ihre Gesundheit von Folgen nicht begleitet war und daß auch in der Irrenanstalt, in welche sie gebracht worden sein soll, Spuren dieser schweren Mißhandlung nicht bemerkt wurden. Wir legen nun eine Bestätigung der Wiener Aerztekammer vom 15. Juli 1924 vor, aus welcher sich ergibt, daß „ein Herr Dr. L. Dürnstein im Kataster der Wiener Aerztekammer in den Jahren 1917 bis 1920 nicht geführt wurde". Wir würden uns mit der Feststellung dieser Unwahrheit begnügen, wenn nicht dieser Artikel geschrieben worden wäre, um aus derselben Folgerungen zu ziehen, welche die Juden, insbesondere in Salzburg, an Leib und Leben bedrohen, welche mit allen Kräften abzuwenden der unterzeichnete Verein nach seinen Statuten berufen und verpflichtet ist. Die Juden werden im letzten Absätze „eine Mörderzuchtabteilung zur Hinschlachtung arischer Volksgenossen mit den Mitteln der größten Hinterlist und Tücke" genannt, und es wird in lügnerischester Weise den Juden „unbegrenzter Haß" gegen alle Nichtjuden imputiert. Die Folgerung aus diesen ungeheuerlichen Beschimpfungen ergibt sich von selbst; eine Mörderzuchtabteilung darf im Staate nicht geduldet werden, und es muß ihr mit denselben Mitteln, die sie gebraucht, entgegengetreten werden. Und wenn die Seuche des Antisemitismus, wie zwei Fälle aus der jüngsten Zeit in Deutschland: Schändung der jüdischen Friedhöfe in der scheußlichsten Weise, zeigen, auch mcht vor der Ruhe der Toten zurückschreckt, so ist gewiß nicht ausgeschlossen, daß der eine oder der andere Jünger sich ein unsterbliches Verdienst zu erringen glaubt, wenn er diese „Mörderzuchtabteilung" oder zumindestens einige aus derselben beseitigt Allein „Der eiserne Besen" überläßt seinen Lesern durchaus nicht die selbstverständliche Folgerung, sondern bringt sie offen zum Ausdrucke, indem er es billigt, daß andere Völker vor Pogromen nicht zurückscheuen. Das ist also che nackte Aufforderung zum Morde, denn ..Pogrom bedeutet eben die Ermordung der Juden im Großen. Weiters heißt es