Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 30 (25.7.1924)
- Date
- 1924-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 50 DIE WAHRHEIT Seite 5 Wiederaufbaues des Leopoldstädter. Tempels von einer bestimmten Gruppe, der Wunsch nach Aufstellung einer Orgel in diesem Bethause geltend gemacht wurde, fii meiner oben erwähnten Schrift suchte ich die Argumente, die für die Orgel ins Treffen geführt wurden, zu entkräften, und dabei ist es geblieben. Wenn ich nun Ihre Aufmerksamkeit so lange für das Orgelthema in Anspruch genommen habe, so geschah es nicht nur, um,, Sie. mit einem lehrreichen Kapitel aus der Geschichte der Wiener Kultusgemeinde bekannt zu machen. Vielmehr wollte, ich gewichtige Stimmen aus der Vergangenheit unserer Gemeinde zu Worte kommen lassen, denen die Orgel als ein. Mittel zur Hebung des Gottesdienstes, wenn er seinen jüdischen. Charakter bewahren soll, als untauglich erscheint. Wir müssen uns nach anderen Behelfen umschauen. Der ideale Zustand, zumal in einem so großen Bethause, wie der Leopoldstädter Tempel, ist der, daß ein geeigneter Kantor mit einem an Zahl und Leistung auf der Höhe stehenden Chor die Gebete vorträgt und die Gemeinde nicht nur durch diesen Vortrag der Funktionäre in Spannung gehalten wird, sondern verständnisvoll Wort für Wort folgt. Diese Begleitung kann, soll sie nicht störend wirken, im allgemeinen nur auf ein leises jMitsagen und Mitsingen beschränkt sein. Aber auch an den. Stellen, an denen die Gemeinde selbst laut zu beten hat, muß ein unharmonisches Durcheinanderschreien vermieden werden. Um diesen Zustand der Vollendung herbeizuführen, ist die erste Voraussetzung, daß jeder den Inhalt der Gebete versteht. Dies zu "erreichen brauchen wir eine leistungsfähige Religionsschule, wie sie unser „Jüdischer Elternbund" als das wichtigste seiner Ziele erstrebt, und eine eifrige Propaganda unter den jüdischen. Eltern, daß sie ihren Kindern einen ausreichenden Religionsunterricht erteilen lassen. Nicht minder wichtig ist aber die Ausbildung des jüdischen Kindes irri jüdischen Gesänge. Der fühlbare Mangel an geeigneten Kräften für den Synagogenchor ist darauf zurückzuführen, daß die jüdischen Kinder dem jüdischen Gesänge entfremdet sind. Die Einübung der liturgischen Gesänge in den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen zu verlegen, erweist sich schon im Hinblick auf die knappe Zeit, die diesem Unterricht zugewiesen ist, als kaum durchführbar. Deshalb plant unser Elternbund, einen solchen Gesangsunterricht in die Lehrfächer an der projektierten Bibelschule aufzunehmen. Der Gegenstand ist aber so wichtig und das Erfordernis so dringend, daß' wir gar nicht zu warten brauchen, bis die Bibelschule errichtet ist. Schon jetzt empfiehlt es sich, Anmeldungen für diesen Gesangsunterricht entgegenzunehmen. Und nicht nur um einen Nachwuchs für unsere Synagogenchöre handelt es sich hierbei. Wir haben im Leopoldstädter Tempel zu unserer großen Befriedigung die Erfahrung gemacht, wie-, z. B. am Chanukka, die Mitwirkung freiwilliger Kräfte, die Unterstützung unserer Knabenchors durch andere geübte Knabenstimmen zur Belebung und Wirksamkeit einer gottesdienstlichen Feier wesentlich beiträgt. Ein weiterer Erfolg ist von solchen Bemühungen natürlich für das Mitbeten und Mitsingen der Gemeinde zu erhoffen. Rhythmus und Wohlklang kann auch für den Gemeindegesang nur durch Uebung von Jugend auf erzielt werden. Hierzu kommt schließlich noch ein anderer, nicht zu unterschätzender Vorteil. Der jüdische Gesang beschränkt sich ja nicht auf das Gotteshaus. Denken Sie nur an die Sederabende, an die Lieder am Freitagabend und Sabbatausgang, an das „Moaus zur" und alle die anderen Gesänge, die dem häuslichen Gottesdienste Lebens und Wärme, Innigkeit und Weihe verleihen, und Sie werden mir beipflichten, wenn ich meine Ausführungen mit dem Wunsche schließe: „Von den Lippen Eurer Kinder sollen wieder ertönen die Lieder zum Preise Gottes." Jüdischer Gesang soll wieder geistiger und seelischer Besitz des jüdischen Kindes werden! Und unserem „Jüdischen Elternbund" möge es gelingen, zur Erfüllung dieses Wunsches rühmlich beitragen! ausgehen würde, die Menschen, Sieger wie Besiegte, in einen Taumel der Besinnungslosigkeit versetzen müßte, sagten Einsichtige voraus. Aber die Zahl derer, die im Kriege ein „Stahlbad" für die Menschheit sahen, aus dem sie gestärkt und veredelt hervorgehen, einen Quell der Verjüngung, aus diem eine unendliche Fülle des Segens aufsprudeln und sich über de Weilt ergießen würde — war größer und sie war lauter und verwegener im Verkünden ihres Evangeliums. Das waren alle Nutznießer des Krieges, die von ihm Macht und Ruhm. Reichtum und Einfluß erwarteten. Sie versprachen der Welt einen gewaltigen religiösen Aufschwung, eine Läuterung und Vertiefung der ethischen Begriffe, und eine Veredelung des moralischen Handelns. In der Tat weckte der Krieg, wenigstens in seinen ersten Phasen, bei allen kriegführenden Völkern leime mächtige Welle der OpiervviJligkeit und der. Hingabe, aber bei jedem Volke nur für die Seinigen, die hinausgezogen waren, um für seine Interessen zu morden und sich morden zu lassen. Dem Feind1 gegenüber weckte der Krieg nur noch wilden Haß, der sich ins Ungeheuerliche steigerte und sich imimer mehr in die Seelen hineinfraß. Auch die Religiosität schien in den ersten Phasen des Krieges neu zu erwachen, und seichte Optimisten jubelten, als sich die Gotteshäuser wieder füllten und die Gläubigen sich lauschend um die Prediger scharten. Der Schein trügte. Es war nicht die gesunde, natürliche Religiosität, die in freudvollen Herzen wächst und sich als Dankgebet zu Gott erhebt, und sich in guten Werken verwirklicht, um die Geschöpfe Gottes zu beglücken. Es war eine aus Angst und Todesfurcht und Verzweiflung geborene Religiosität; ihrem Herdentrieb folgend, drängten sieh die von dem plötzlichen Ausbruch betäubten und überwältigten Menschen dicht aneinander und ließen sich willig von den sanften und ergreifenden Gesängen und Melodien berauschen, die in einem so wohltuenden Gegensatz standen zu dem wüsten Donnern und Knachen da draußen, zu dem markerschütternden Stöhnen und Wehklagen von Millionen Gefallener, die auf den Schlachtfeldern ringsum in Todesängsten verröchelten oder in wahnsinnigen Schmerzen mit dem Tode rangen. Diese Religiosität kitzelte sozusagen die Haut, die obersten Schichten der Seele, drang aber nicht tiefer hinein — und verwitterte, sobald die ewig elastische Menschen na tur sich an das Grauenvolle einigermaßen angewöhnt, sich mit ihm abgefunden hatte. Religion und Moral haben infolge dieses Krieges in gleichem Maße Schädigungen erlitten, von denen die Kulturmenschheit sich nicht sobald wieder erholen wird. Die vor dem Kriege stark angewachsene Austrittsbewegung aus den Landeskirchen in Deutschland erfuhr zwar in den ersten Kriegszeiten eine starke Eindämmung, aber die Freude der kirchlichen Kreise dauerte nicht lange, denn die Austrittsbewegung schwoll alsbald wieder an, und was noch schlimmr ist, eine religiöse Apathie und Gleichgültigkeit griff ein, die viel verhägnisvolJer, für das Gedeihen und die Fortentwicklung der religiösen Kultur gefährlicher ist, als der Massenaustritt, denn dieser ist der Ausdruck eines Hadems, einer Unzufriedenheit mit der Religion', der Austretende will bekunden, daß. er zur Religion (oder zur Kirche) ein negatives Verhältnis hat Der Ausgetretene hat Protest erhoben, er ist mit Religion oder Kirche entzweit, er kann sich mit der Religion oder Kirche wieder aussöhnen. Der Gleichgültige dagegen hat gar kein Verhältnis mehr zur Religion, sie ist für ihn tot, in ihm ist jede religiöse Regung gestorben. Und es ist nicht zu leugnen, daß die durch den Krieg herbeigeführte Verwilderung des Oemütslebens auch auf diesem Gebiete in einer trostlosen Oede zutage tritt. Von diesem Gesichtspunkt aus muß man die Austrittsbewegung aus dem Judentum betrachten, die in den letzten Jahren so-stark um'sich gegriffen hat. Sie ist nur als eine noch fortwirkende Folge der Kriegspsychose, des zerrütteten und unterwühlten moralischen Bewußtseins erklärlich. Lange vor dem Kriege gab es eine Abfallbewegunig vom Judentum, doch war sie bei weitem nicht so umfangreich wie die jetzige und unterschied sich von ihr in den Motiven und in den Zielen. (Fortsetzung folgt.) Bie Flucht in das Nichts. Zur Austrittsbewegung. Von Benjamin Segel,- Berlin. Von Zeit zu Zeit werden die Völker von unheimlichen Seielenkrankheiten geschüttelt' Eine Unruhe erfaßt ste, und sie verlieren das Gleichgewicht. Daß dieses grauenhafte Völkermorden, das wir überstanden haben, wie immer es auch An unsere leser? Werbet für unsere Zeitung! Eine erfreuliche Erhöhung der Abonnentenzahl ist zu verzeichnen! Jeder Bezieher muß es sich zur Pflicht machen, einen neuen Abonnenten zu gewinnen, damit wir schon in Kürze das Blatt W^Kef €amisJbi«MiacM» IcoiimgiMm l£E£tffiSaK£ZiHM&.