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Die Wahrheit · 1924-07-25 · Heft 30 (25.7.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 30 (25.7.1924)
Date
1924-07-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 DIE WAHRHEIT Seite 3 ■ Deshalb folgten auch am Sonntag viele Tausende dem Rufe, den zwanzigsten Todestag Herzls durch pietätsvollen Besuch seines Grabes zu begehen, mit Begeisterung. Die Trauerkundgebung war imposant, des erhabenen Anlasses würdig. Trotz der nach vielen Tausenden zählenden Teilnehmer kam es infolge der. musterhaften Arbeit der Ordner zu keinem Zwischenfall. Die gesamte zionistische Partei war nach Bezirken und Gruppen am Treffpunkte nächst dem Türkenschanzpark erschienen. Besonderes Aufsehen erregte die in geschlossenen Reihen marschierenden jugendlich strammen Gestalten der jüdischnationalen Turner, Sportler („Hakoahner") und Chakrzim, die zum Grabe Theodor Herzl und daran vorüber lautlos wallten. So ehrten sie den letzten Willen des großen, im Leben und Tode bescheidenen Mannes, daß nie an seinem Grabe Reden gehalten werden sollten. Nur jüdischnationale Korpsstudenten hielten die Ehrenwache, ein prächtiger Anblick. Christen über den Antisemitismus.*) Adam Röder: „Der Antisemitismus ist populär. Er war es immer, denn die Menschen müßten in ihrer Mehrheit nicht Menschen des Triebmäßigen und des Instinkts sein, wenn sie die Gelegenheit nicht benützten, sich einen Sündenbock zu erstellen. Selbst vornehm geartete Naturen fallen diesen Popular-Instinkten zum Opfer ... Es ist eben so leicht, so bequem, Antisemit zu sein. Mit einer einzigen *) Aus der kürzlich von uns besprochenen Schrift „Anariff und Abwehr" von H. Stern. wehr und Angriff nicht denkbar ist, bewährte sich doch das talmudische Wort zu dem biblischen Ausspruch: „Waheb in Suso", wenn auch Vater und Sohn, Lehrer und Schüler in der Debatte sich feindlich gegenüberstehen, zum Schlüsse scheiden sie doch in Liebe auseinander, wie es hebräisch so schön ausgedrückt wird: „Ahawa jesch bessofo". Als der Tagschon längst angebrochen war, um 4 Uhr morgens, gingen wir erst auseinander, mit dem angenehmen Bewußtsein, einer wahren jüdischen Feier, einer wirklichen Seuda schel Mizwo beigewohnt und mit allen ihren physischen und geistigen Genüssen bis auf die Neige ausgekostet zu haben. Es war dies der schönste Abschied, den ich von deutschen jüdischen Gemeinden, die ich auf meiner ziemlich ausgedehnten Reise gesehen habe? nehmen konnte und ich kann nicht von meinen Lesern Abschied nehmen, ohne den Gesamteindruck, den ich vom gegenwärtigen Stand des Judentums in Deutschland empfangen habe, mit einer Erzählung aus dem Talmud wiederzugeben, die demselben so wichtig erscheint, daß sie an zwei Stellen gleichartig angeführt wird, in B. mezia, 85 b und in Kethuboth, 103 b. Rabbi Chamina und Rabbi Chia stritten miteinander (vor ihrem Lehrer über ihre Leistungen). Chamina rief dem Rabbi Chia zu: „Mit mir streitest du? Wenn, was Gott verhüten möge, die Thora in Vergessenheit geraten würde, könnte ich sie zu neuem Leben bringen, durch die Schärfe meiner Konstruktionsfähigkeit!" Hierauf entgegnete Rabbi Chia: „Mit mir streitest du? Ich bin es, der es zu Wege bringt, daß die Thora überhaupt in Jisroel nicht in Vergessenheit gerate! Weißt du, was ich tue? Ich gehe und spinne Flachs, zwirne Schlingen, womit ich Gazellen erjage, gebe das Fleisch den Waisenkindern zu essen, schreibe auf die fünf Bücher der heiligen Schrift und begebe mich an einen Ort, wo es keinen Lehrer für die Kinder gibt und unterrichte dort fünf Kinder in der Bibel; ich lehre dann sechs Kindern die - sechs Ordnungen der (mündlichen) Geste schiebt man alle Verantwortlichkeit von sich und weist den Prügeljungen von Hand zu Hand . . („Reaktion und Antisemitismus.") Ulrich Kührstedt: „Ich nehme an, daß Clemenceau solche deutschen Pressefehden nicht verfolgt, sonst hätte er seine Freude und eine Beruhigung mehr '.solange sich die Deutschen vor allem für das Judenproblem interessiere n, sind sie für die Macht Frankreichs am Rhein ungefährlich." („Eiserne Blätter" vom 4. Jänner 1920.) Anton Fendrich: „Wenn ich mich manchmal mit dem Gedanken abfand, unsere Feinde könnten schließlich doch recht haben, wenn sie uns Barbaren nannten, dann immer wegen des namenlos rohen Tones, in dem der deutsche und besonders der deutschnationale Antisemitismus sich äußert." („Der Judenhaß und der Sozialismus.") Professor Dr. Erik Nölting-Detmold: „Geistesarmut prädestiniert zum Antisemitismus. Wer nicht gewöhnt ist, auf geistigen Graden zu schreiten, wem Geistiges sogleich immer in Physisches zurücksinkt, der wird genau so zwangsläufig in rüden Antisemitismus geworfen, wie sich eine kulturgesättigte Vaterlandsliebe für ihn zum aggressiven Heil-Dir-im-Siegerkranz-Patriotismus verballhornen wird." („Die Ungeistigkeit des Antisemitismus." C. V.-Zeit. 1923, Nr. 30.) v. Oppeln-Bronikowski: „. . . Es gibt freilich Leute, die „die Juden" nur in Verbindung mit einem Totenkopf sehen. Nach ihnen ist unser Volk so schwach und bestimmbar, daß es dem jüdischen Einfluß wehrlos unterliegen muß, wenn ihm nicht ein Damm entgegengesetzt wird. Merkwürdig nur, daß Lehre und jedem einzelnen von ihnen schärfe ich es ein, daß der eine es wieder dem andern lehre; so lernen sie es dann miteinander und in dieser Weise führe ich es aus, daß die. Thora überhaupt in Israel nicht in Vergessenheit gerate!" Daher kommt es, daß Rabbi Jehuda hanassi (ihr Lehrer) ausgerufen hatte: „Wie groß ist doch die Handlungsweise (meines Schülers) Chia'." Selbstverständlich ist die Darstellung, wie sie Chia von sich gibt, mit orientalischer Phantasie in ein Bild gekleidet, aus welchem aber zu ersehen, wie er sich bemühte, arme Waisenkinder, die ohne Nahrung sind, zu erhalten und ihnen zugleich Lehrer der Thora zu sein; wie er sie in der, Lehre vervollkommnete und zugleich aneiferte, wieder mit anderen zu lernen und so das Studium der hl. Lehre zu pflegen und immer weiter zu verbreiten und es ihm gelungen ist, durch immer neuen Nachwuchs die Thora vor der Vergessenheit in Jisroel zu bewahren. Dieses Bild tritt uns in der heranwachsenden Generation in frommen Gemeinden in Deutschland entgegen. Es sind sogar schon in manchen großen Gemeinden Jeschiwos nach der alten Art, wie in Ungarn, ins Leben getreten, was man bisher für das jüdische Leben in Deutschland als Utopie gehalten hat und es sind noch fernere in Aussicht genommen; mit einem Wort, die Thora lebt in Deutschland auf, wessen Werk es ist, das wissen wir und wir können diesen Pfadfinder beglückwünschend zurufen: „Kama gedolim maasseh chia!" Um meine innere Befriedigung über das Erlebte tiefer zu betonen, löse ich hiermit zum Abschied mein Inkognito — schon deshalb, um verschiedenen Anfragen, die mir aus Anlaß meiner veröffentlichten deutschen Reisebriefe zugekommen sind, zu begegnen — und zeichne mit meinem vollen Namen, mit dem aufrichtigen Wunsche, mit Gottes Hilfe, auf Wiedersehen. Oberrabbiner W. Reich.

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