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Die Wahrheit · 1924-07-25 · Heft 30 (25.7.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 30 (25.7.1924)
Date
1924-07-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite-2 DIE WAHRHEIT Nr. so; Liebe Exzellenz! Sie haben diem armen De-utschlang gegenüber so fcurchtbar viel auf dem Kerbholz, daß es Ihnen äußerst schlecht ansteiht, ein lächerliches Maulheldentum, zur Schau zur tragen. Statt sich immer wieder der Oeffentlichkeit aufzudrängen, hätten Sie sich seit *dem Waffenstillstand vom November 1918 — auf dessen schnellen Abschluß Sie, gerade Sie und vor allem Sie, in feiger, angstvoller, nervöser Kopflosigkeit drangen — recht klein machen und in eine möglichst stille Zurückgezogenheit begeben sollen. Ihre größenwahnsinnige, gewaltsame Einmengung in die Zivilpolitik trug einen ansehnlichen Teil der Mitschuld am Verlust des Krieges durch Ihr Vaterland; welcher Teufel treibt Sie dazu, diesem auch noch fernerhin Unheil zufügen zu wofen?! Ihre vielen Versuche, der Welt einzureden, daß Sie mit etwas anderem kochen als mit Wasser, sind völlig vergeblich. Ob Sie ein tüchtiger Soldat, Feldherr, Schlachtenlenker sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Als ein Held haben Sie sich in keinem Belang 'ausgewiesen, es sei denn, wie gesagt, als Maulheld. Als Mensch und Politiker aber sind Sie, wie mein Kollege „Meridionalis" so famos bemerkt, „ein Maniak, ein geistiger Amokläufer .... von krampfhafter Hemmungslosigkeit und ____tiefer, toller Ich-berauschtheit." Nehmen Sie Vernunft an, lassen Sie die Hand vom Zivildienst! Ergreifen Sie möglichst bald irgendeine günstige Gelegenheit, um sich einen „schönen Abgang" von der Schaubühne der Politik zu sichern! Ich verlange ja keinen Dank, aber im Laufe der Zeit würdien Sie bestimmt Gelegenheit bekommen, für diese guten Ratschläge - Dank zu wissen Ihrem jetzt immer wieder köpf schüttelnden Leopold K a t sch e r. Theodor Herzl Zu sehiem zwanzigsten Todestage. -Wie schon längst erloschene Sterne lange noch ihr Licht erstrahlen lassen, so leuchtet mit ungeminderter Helle zwanzig Jahre, nachdem er von hinnen geschieden, der Geist und Genius Theodor Herzl-s, dieses Großen in Israel über sein Volk und seine Gemeinde. Was er mit seinem Herzblut geschaffen und begründet, wird dankbar und bewundernd in aller Welt anerkannt, wenn auch im Laufe der zwei Dezennien sein Anfangswerk mancherlei tiefgehende Wandlungen erfahren hat. Die äußeren politischen. Verhältnisse bewirkten, daß die weltbewegende Idee des Zionismus der Reife auf ein Nebengeleise gebracht wurde und daß besonders die Spaltung der Partei das ursprünglich begeistert aufgenommene Baseler Programm immer mehr in den Hintergrund drängte. Es wäre schlecht angebracht, an dem Gedenktag Theodor Herzls Vorwürfe oder Anklagen gegen seine Epigonen zu erheben, die angeblich demselben Ziele, aber auf anderen Wegen zustreben. Dem Erstlingsgedanken Herzls, auf dem geheiligten Boden Palästinas dem jüdischen Volke, soweit es bedrängt, verfolgt, bedroht ist, eine gesicherte Heimstätte zu schaffen, huldigt noch immer wie am ersten Tage alle Welt, nur mit den späteren Vollstreckern des Herzischen Testaments gehen wenige bedingungslos durch Dick und Dünn. Hierin liegt die Tragik, vielleicht die Katastrophe des Neuzionismus, wie es erst vor kurzem L Zangwill in einem aufsehenerregenden Artikel nachgewiesen hat. All diese Irrungen können aber den hellen Glanz der Aureole Theodor Herzls, seinen Unsterblichkeitsruhm nicht mindern. mmwm Feuilleton mh Deutsche Reisebriefe eines Badeners (bei Wien). IX. Noch ein angenehmer Schabbos, der mir einen tiefen Einblick in das jüdische Leben deutscher Juden verschaffen sollte, war mir in der Gemeinde Lübeck beschieden. Es fand nämlich in der weltbekannten Familie Carlebach eine Barmizwah-Feier statt, zu der ich geladen war und zu welcher fast alle Familienangehörigen aus nah und fern kommen sollten. Von der Familie Carlebach kann man sagen: „Thora ogedolo bamokem echod", denn von den sieben Brüdern sind vier berühmte Rabbiner in großen Gemeinden Deutschlands und drei sind angesehene Bankiers, von denen Herr Alexander Carlebach der Senior und zugleich der tonangebende, geistige und materielle Leiter und Führer aller Unternehmungen ist. Die Wohltätigkeit, deren er sich befleißigt, und das echt jüdische, fromme Wesen, das Interesse für den Klall Jisroel, das ihn erfüllt und begeistert, sind für die ganze Familie beispielgebend und haben ihm mit Recht einen ruhmvollen Namen gesichert. Der Barmizwant, der Sohn des bereits in einem früheren Berichte hervorgehobenen Baal-Korch leschem schomaiim. hat nun am Schabbos das schöne Amt seines Vaters übernommen und die ganze Sidra mit derselben Akkuratesse und feierlichen Würde vorgelesen, wie er sie von seinem Vater, ererbt hatte. Zu Ehren der Feier hielten der Oberrabbiner" eine festliche Ansprache und der Onkel des Knaben, Herr Dr. Ephraim Carlebach, Rabbiner in Leipzig, 'eine Predigt, 4ie auf die engen Familienbeziehungen, mit der Gemeinde Lübeck hinwies; da ja doch ihr verewigter Stammvater, def selige Dr. Salomon Carlebach gleichsam der Gründer derselben war, ihr seinen Geist eingeflößt und Ziel und Richtung gegeben hat, denen sie in ihrer ganzen Entwicklung treügeblieben ist Nebstdem muß bemerkt werden, daß von demselben eine Geschichte der judischen Gemeinde Lübeck verfaßt ist, die eine Bereicherung der jüdischen Historie biledt, und daß er viele hebräisch und deutsch geschriebene Werke veröffentlicht hat, die ihm einen ausgezeichneten Platz in der jüdischen Literatur sichern, denn er war nicht nur hochgebildet, sondern auch ein wirklicher Godaul bejisroel. Nach dem Mussafgebete hielt der Barmizwant noch eine Charifass-Deroscho, die wohl ein Werk seines tüchtige» Lehrers,- des Dahan Rabbiner Wassermann war, aber die Verve und das Verständnis, mit welchem er die talmudische Abhandlung vortrug, zeigten, daß der junge Mann bei der Sache war und sie vollständig beherrschte. Damit war der synagogale Teil der Feier abgeschlossen, an . welchem die ganze Gemeinde mit Liebe und Begeisterung teilnahm; aber die familiäre Festlichkeit sollte erst am Sonntag vor sich gehen, an welcher sich auch jene Angehörigen beteiligen sollten, die aus Hamburg, Leipzig, Berlin, Bremen ■ uswi kommen konnten. In der reizenden, kostbar ausgestatteten und großen Villa der Eltern des Knaben versammelten sich Familie und Gemeinde um 9 Uhr abends und man hatte schon eine gewisse Ahnung, daß es hoch hergehen und ein großer Teil der Nacht geopfert werde. Für Atzung und Erfrischungen jeder Art waT reichlich gesorgt; Vorstellungen künstlerischer Art in Ernst und Humor wechselten mit einander ab; aber der interessanteste Teil des Abends: waren doch die rein geistigen Genüsse,;die geboten worden-sind. Waren doch fast ein Minjaa von Rabbinern und Talmude Chachomin. in nicht minderer Zahl anwesend. ...Es .entwickelte sieh, ein Redegefecht in Form von Toasten, ein Wetteifer in^von . Thoraworten; gespickten. Vorträgen und Ansprachen üntt weih auch Pilpul ohne Ab-

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