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Die Wahrheit · 1924-07-25 · Heft 30 (25.7.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 30 (25.7.1924)
Date
1924-07-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deufscftösterreicbisclte Wocfcensdirül flr jüdisdie Interessen Nil dem Beiblatt: Yeröüentlidinngen Her ..Union denlsdMsterrelddsdier Joden* Redaktion und Administration: Wten HtelBMStfraO« M. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 25, Juli 1924. Nummer 30 ' (Nachdruck verboten.) Offener Brief an General Lndendorff. „Seü5g sind die Aroei an Geist." (Bibelspruch.) Ew. ExzeMenz schwelgen gewiß in beneidenswerter Seligkeit! Ihre politische Rolle im Weltkrieg, Ihr Selbstyei1edia%imgsmemoh-enwerk, Ihr Verhalten im Münchner „Prozeß", kurz: Ihr ganzes öffentliches Auftreten seit einer bereits mir: zu langen Reihe von Jahren hat viele meiner Pressekolliegert veranlaßt, Site öffentlich als einen „Ritter von der traurigen Gestalt" hinzustellen. Mir erschien das längst als eine Verleumdung Ihrer Person, als eine Verkenmmg Ihres wahren Wesens, denn ich halte Sie ganz im Gegenteil geradezu für eine» sehr 1 u s t ige n Bruder. Zwar kann ich Ihnen eine große Aennlichkeit mit Don Qudxote, jenem weltberühmten Urbild aller „Rittier von deT traurigen Gestalt", keineswegs absprechen, aber nur soweit seine komischen Seiten in Betracht kommen. Ich kann mir nicht helfen, ich vermag ein Gefühl 'der Dankbarkeit für Sie nicht loszuwerden, denn Sie haben mich und nicht wenige meiner weltbürgerlichen Gesinnungsfreunde schon oft Techt erheitert. Im Hinblick auf diesen erfreulichen Umstand (wem .wäre im diesen bitterernsten Zeiten eraj herzliches Lachen über lustige Ereignisse, ganz besonders über den Ihnen in so reichem Maße eigenen unfreiwilligen Humor, nicht herzlich willkommen?) werden Sie1 es gewiß nicht übermäßig ungern sehen, daß ich mich — wie Süe als scharfsinnger Militär zwieifeWos bereits erraten haben — Ihnen dankbar zu erweisen gedenke, indem ich diesen offenen Brief an Sie richte, und dadurch meinerseits Ihr geschätztes Zwerchfell zu wohltätigem Lachen reize. Oder sollte ich mich täuschen? Sollten Sie etwa den Anspruch erheben, ernst genommen zu werden? prnst als Politiker, als Rassenbiolog usw.? Ernst auf irgendeinem andern Feld ails dem Kjiegsfeldlager? Das kann wirklich nicht Ihr Ernst sein! Wenn aber doch, so werde ich Sie durch meine Zuschrift hoffentlich von diesem Ihrem Irrwahn abbringen und zu meiner eigenen gegenteiligen Ansicht bekehren. Als Sie im Laufe des Weltkrieges Russisch- Polen eroberten, waren Sie offenbar ein übermäßig 3udenfreundlieher Schwerenöter. Sonst hätten Sie sich nicht „zu die JidÜen in Paulen" gewendet mit einer jiddischen „Proklamation", weJcbe mit den dtenikwürd'igen Worten asiföng: „Wie Freisd kuinmen mir zu eich ... Die güaiche Recht for Jkiden sollen wern'n gebaut af feste Fundamenten". Welch abgrundtiefer Gegensatz zu den hirnverbrannten antisemitischen Tiraden, welche Sie „in Zivil" seit Jahren bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von sich gaben! OdeT sollte Ihnen jene Warschauer Kundgebung nicht von Judenfreundlichkeit diktiert worden sein? Dann kann es nur Jesu'itismus gewesen sein! Und dennoch verjolgen Sie jetzt derf ganzen Katholizismus nicht minder heftig und wahllos wie das ganze; Judentum! Uebrigens weist, nebenbei bemerkt, die wirklich nicht alltägliche Gleichzeitigkeit Ihrer Feindschaft gegen diie Semiten und die Katholiken eine auffallende Aehnlichkeit mit der glorreichen Erscheinung bei dem amerikanischen Geheimorden Ku-Klux-Klan auf; dieser Umstand veranlaßt© mich seinerzeit zu dem harmlosen Aprilscherz, daß Sie zum Generalissimus der europäischen Ku-Khix- Küan-Armee ernannt worden sind'. Freilich würde es weit freudiger begrüßt werden, wenn Ew. Exzellenz als Oberbefehlshaber dieses, ebenfalls; recht komischen und — großsprecherischen Bundes über den „Heringsteich" hinüber berufen worden wären, denn diesfalls hätte Ihr bedauernswertes Vaterland vor Ihnen Ruhe bekommen und Sie hätten Ihr Amt glänzend bekleidet____ Statt dessen ist Ihnen leider ein anderes Amt anvertraut worden: das eines deutschen] Reichstagsabgeordnefen! Ist diese unglaublich klingende Tatsache nicht von überwältigender Komik für die Welt? Allerdings: für Sie wird Ihre Wahl böse Folgen zeitigen; wie ich Sie nämlich kenne, wird Ihre Geschwätzigkeit (wahrhaft wilhelminisch, weil stets am unrechten Ort) Sie zu häufigem Auftreten verleiten und so werden Sie, gleich Ihrem frühern Brotherrn, oft Gelegenheit haben, sich mit Ihrer großsprecherischen Unfähigkeit zu blamieren. Nun denn, diese wohlverdiente Strafe oder Selbstbestrafung kam man Ihnen getrost von Herzen gönnen ____ „Großsprecherisch" — ja, darin geben Sie dem Exkaiser nichts nach. Davon überzeugt das Lesen Ihres Kriegsbuches, überzeugt Ihre verblüffende Selbstberäucherraig im Hitlerprozeß (eine unverhohlene Lobpreisung Ihrer eigenen „Vorzüge" und „Verdienste", in der Meinung gipfelnd, daß' Sie nicht ins Gefängnis gehören, sondern nach Walhall!), überzeugt Ihre heuchlerische Komödianteriklage über Ihre Freisprechung in der Komödie des Münchner Gerichtssaals (Hintergedanke: Entgang eines üheraus wohlfeilen Martyriums), überzeugt, mit einem Wort, Ihr ganzes komödiantenhaftes Auftreten.

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