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Die Wahrheit · 1924-07-18 · Heft 29 (18.7.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite & Die Wahrheit Nr. 29 Dr. Riehl und die „anständigen Menschen". Der mit großem Ekklat aus der nationalsozialistischen Partei hinausbugsierte Dr. Walter Riehl gibt nicht Ruh. Er hat nach seinem Hinauswurf absolut nicht die Absicht, sich aus dem politischen Leben, wie er es versteht, zurückzuziehen und den Rest seiner Tage in seiner gutgehenden Anwaltskanzlei zuzubringen. Vielleicht weil zwischen dieser und seiner politischen Betätigung. Zusammenhänge bestehen. Nein, haben ihn die Nationalsozialisten den Laufpaß gegeben, so macht er es wie jener Hausierer, der zur Türe hinausgeworfen, den Kopf beim Fenster hineinsteckt, wehmütig rufend: „Sie werden mich doch nicht so weggehen lassen!" Und da die Herren Hakenkreuzler trotz-dieser Klagen und trotz seiner „Enthinkuigs"-Droh!uinigen noch innner nichts mit" ihm zu tun haben wollen, so geht er her und tut, was er jederzeit gut konnte, er schimpft. Diesmal aber zum'Unterschied nicht auf die Juden, das hebt er sich für später auf, sondern auf seine ehemaligen Parteifreunde. Mit Schimpfen allein aber ist es nicht getan. Wenn nämlich die Hakenkreuzler nach Riehls Darstellung der: Abschaum der arischen Menschheit sind, so kann er mit ihnen nicht mehr zusammengehen und muß sich notgedrungen an die besseren Teilender Deutschen wenden, nicht an die Groß deutschen, dort hätte er auch kein Glück, nein, iganz allgemein sax die „anständigen Menschen", selbstverständlich mit Ausnahme derjenigen, die ab ovo unanständig sind, der Juden. Ihnen wird auch weiter der Kampf Riehls gelten, momentan aber wird er zurückgestellt, gilt es doch jetzt gegen seine früheren Waffenbrüder aufzutreten. Und da wird der streitbare Doktor besonders energisch. Er prophezeit im seinem neugegründeten „Riiiehl- Bund", daß er bereite in der nächsten Zeit Schritte unternehmen wolle wegen Auflösung der Parteigarden. Die Auflösung dieser Garden sei eirae unbedingte Notwendigkeit, denn ihr Weiterbestand müsse unbedingt zum Bürgerkrieg führen. Wer hat diese Garden gegründet und groß werden lassen, Herr Dr. Riehl? Die Partei, deren Obntaim Sie. jahrelang waren, und zwar in' der Zeit Ihrer Obmaimschaft. Sie sind daher in erster Liniefür 'das Unwesen und seine Folgen mitverantwortlich. Abgesehen von diesem Zwiespalt der Natur, der noch erklärlich wäre, denn von seiner früheren Partei will ja Riehl heute nichts wissen, ergeben sich noch andere Zwiespalte; andere und mindestens in so gutem Rufe wie er stehende Leute wollen von ihm nichts wissen. So wurde in einer Versammlung des neuen Bundes ein Schreiben des Dichters 0. Kernstock verlesen, in welchem er bittet, vom unseren Lesern bekannten Hakenkreuzgedicht, „das ursprünglich dem neuen idealen Leitgedanken einer gesunden nationalen Bewegung galt, aber von unverständigen Draufgängern mißbraucht worden ist "und ihm viel Aerger und Verdruß bereitet hat, keinen Gebrauch zu machen. Dem armen, vom Parteizwist zersplitterten und von Demagogen verblendeten, für alle Lehren der Geschichte tauben Volke aber helfe Gott." Das Vertrauen des Dichters wäre zu teilen, wer aber hilft jetzt dem armen Riehl. Wo findet, er die Leute, die er jetzt mit der Laterne sucht, die „Anständigen", da er selbst wohl nicht als nmam-, aber als unverständig betrachtet wind. Nationalistische Gesinnung. Während im Klasterneuburg Hakenkreuzbuben blutige Krawalle veranstalten, während in Berlin gleiche Elemente auf Synagogen, in Augsburg auf Friedhöfe, in Würzbnrg auf wehrlose Frauen losgehen und während ähnlich # Gesinnte es in München zustande brachten, daß ein Professor Willstätter, dessen neueste Erfindung eines Kokainpräparates in der gesamten wissenschaftlichen Welt ungemeimes Aufsehen, erregte, seinen Lehrstuhl verlassen mußte, iist in letzter Zeit dfie erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, diaß es in den Hinnen der Führer dieser Scfoandgesellen zu tagen scheint. In Wien hat sich durch die Entfernung Riehls und die Gründung einer neuen Partei eine Säuberung im national-sozialistischen Lager vollzogen, deren Wirkungen noch abzuwarten bleiben. Konkretere Formen nimmt der Reinigungsprozeß in Berlin an, wo ein Hindenburg energisch von seinem ehemaligen Waffenkameraden' Ludendorff abrückt und sich von ihm lossagt, ja matf kennt sogar einen nicht sehr erbaulichen Briefwechsel zwischen Hindenburg" und Luidendorff, der den Zwiespalt zwischen diesen beiden Heerführern klar zutage treten läßt. Viel bemerkt «wurde auch, daß bei dem blutigen Tag von Halle Hindenburg und Ludendorff nur sehr flüchtig miteinander sprachen und daß ihre Begegnung einen mehr als kühlen Charakter trug. Am besten aber sieht man die Tatsache-der Gärung in München. Dorthin hat Hitler von seiner Festungshaft in Landsberg seinen Leuten bedeutet, daß <er die Absicht habe, sich von der Politik zumindest für die nächste Zeit zurückzuziehen, um in Muße an einem wissenschaftlichen Werke arbeiten zu können. Wie dieses Buch ausschauen wird und ob es gar. ebenfalls einen Inhalt haben wird, der dem von Hitler bisher Gehörten widersprechen wird, bleibt abzuwarten. Für die momentane Lage ist es allein ausschlaggebend, daß. Hitler nicht mehr mittut, was seine Leute in arge Bestürzung versetzte und sie veranlaßte, einen Mann an seine Stelle zu setzen, der auf den verdammt jüdisch klingenden. Namen Strasser hört. " Auch was Hitler zu. seinem Entschluß. veranlaßte, ist noch unklar. Sicher ist nur das eine, daß dieser Entschluß die Spaltung klar aufzeigt, die bisher nur in xler nationalsozialistischen Presse, nun aber auch in dfcr -Partei selbst vorherrschend ist. Hitler mag sich zu seinem Schritt veranlaßt gesehen haben, weil er nicht mit Ludendorff konform gehen kann, der die scharfe und scharfmacherische Stellungnahme gegen die katholische Kirche nicht im geringsten abschwächen will, was wieder den Klerus * aufs, äußerste gegen Ludendorff aufgebracht hat, so daß jeden Sonntag von Kanzeln herab gegen die Nationalsozialisten gepredigt wird und die katholische Schwerindustrie, die bisher die notwendigen Mittel für die Agitation für die Presse und für den Lebensunterhalt, der Führer beistellte, nun die -Unterstützung . *zurückzieht; er mag es aus rein persönlichen Dingen getarn haben; dl h. daß er sich d'uirch seinen Rücktritt vom öffentlichen Leiben die geforderte Bewährungsfrist sichern will; oder auch, weil er die Aussichtslosigkeit ider nationalsozialistischen Bewegung erkannte unld einte passende' Gelegenheit suchte, um bev dem unvermeidlichen Krach des Hakenkreuzlertums nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden; feststehend ist. das eine, daß er so wie viele amidieire, nicht mehr mittut omd in hellen Scharen die Führer dieser Wähnidee von der von Ihnen bisher geleiteten Bewegung abfallen. > Belohnte Anständigkeit. Den Münchener Hakenkreuzlern ist es gelungen, den Professor der Chemie Willstätter,' einen Gelehrten von Weltruf, von der Stelle seines Wirkens zu vertreiben. Prof. Willstätter• hat, Wienaus Heidelberg gemeldet wird, einem Ruf der dortigen Universität zur Uebernahme des Lehrstuhles der Chemie Folge geleistet. Auch der Mathematiker Pringsheim beabsichtigt, sich dem Protesr Willstädters gegen das antisemitische Verhalten des Professorenkollegiums der Münchener Universitäten anzuschließen und auf seinen Lehrstuhl zu verzichten. Weiß man, wie es^ bei den Treudeutschen an der Isar zugeht, dann kann man sich nicht wundern, daß anständige Menschen nicht mehr unter ihnen leben können. Als Beispiel nur eine. „Kleinigkeit": Professor Willstätter pflegte den Laboranten in dem von ihm geleiteten staatlichen Institut für Chemie die Hälfte und mehr der Kosten aus eigener Tasche zu, ersetzen, die ihnen für Benutzung von Instrumenten und Stoffen entstanden. Er tat das ohne Rücksicht darauf, daß gerade die Mitglieder seines Instituts vielfach in einer Weise für Hitler arbeiteten, die ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem wissenschaftlichen Chef beinahe ausschloß. Er glaubte, die jungen Leute durch menschlichen Anstand zu gewinnen. Er half ihnen nach Kräften in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Einer von denen, die' am meisten von dieser Fürsorge erfahren hatten und dem das Vertrauen des Professors freien, Zutritt zum Institut ermöglichte, benutzte diesen Umstand, um heimlich mit den Mitteln und Materialien des Instituts Stink- und Tränenbomben zu fabrizieren, mit denen er hernach die Konzerte von Ausländern und die Versammlungen von mißliebigen Inländern störte. Auf diese Weise, erreichte er es, daß sein Chef, der ihm zu hundert Prozent vertraute, diese Bomben zu fünfzig Prozent bezahlte. Der Jüngling selbst aber, genoß natürlich die mindestens 51prozentige Sicherheit^. Wer möchte da nicht aus München auswandern? . Die Ermordung Dr. de Haans. Die furchtbare Tatsache, daß in Palästina sich Leute gefunden haben, die diesen geheiligten Boden durch ein ruchloses. Attentat an einem Führer einer bedeutenden Partei entweiht haben, hat in der ganzen gesitteten jüdischen wie nichtjüdisohen Welt eine Empörung ausgelöst, die gewiß berechtigt ist. Nicht nur diie zunächst in Mitleidenschaft gezogenen jüdischen Parteien haben Protestkundgebungen erlassen, die sich logischerweise gegen . diejenigen wenden, die Prof. Dr. de Haan bis aufs Messer bekämpften und die daher vielleicht Veranlassung ,d;azu gaben, daß Mordfonben statt zu -diesem Messer zum-. Revolver, griffen. Auch im Unterhaus desjenigen Landes, das man zur Mandatarmacht über Palästina erkoren hat und von dessen Wirken in dfesem Lande man gewöhnlich muir dianin etwas hört, wenn^ es »dort drunter .und drüber geht, wunde «1 einer der letzten Sitzungen an den Staatssekretär für die Kolonien,

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