Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-07-18 · Heft 29 (18.7.1924) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064099--12954-3080433
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 7 Frankl das Wort, um sich-entschieden gegen die Orgel :auszusprechen. Der jüdische Geist, so führte er ans, sei in allen seinen Schöpfungen und Einrichtungen originell. Er dürfe nicht in dieser Frage Nachahmer der Kirche werden und auf- ' geben, was er seit Jahrhunderten besitzt: den Gesang der Menschenstimme im Gotteshause, die unmittelbare Sprache zu Gott. Auch die griechische Kirche lehne die Orgel deshalb ab, weil es. zwischen dem Menschen und Gott keine vermittelnde Stimme gebe, der betende Mensch nicht gedankenlose Töne als ein „BSt't* für uns" emporsenden soll, und endlich, weil die Mensohenstimme mächtiger, erhebender als die der Instrumente ist. Aber selbst der katholischeste Mann der Ende, der Papst, begeht die ttefinnigste kirchliche Feier in der Sixtinischen Kapelle, die> ebenso, wie die Peterskirche im Rom, keine Orgel hat. Frankl hatte im Frühjahr d. J. bei »dem Tondichter Meyerbeer in Berlin vorgesprochen, um ihn um eine Psalmkomposition zur Einweihung des Tempels in der Leopoldstadt zu ersuchen, und Meyerbeer hatte ihn gefragt: „Sie werden wohl nur Gesang und keine Orgel in der Synagoge haben? Im hiesigen Dome der Metropole des Protestantismus habe ich es durchgesetzt, daß keine Orgel hineinkam, weil die Vokalchöre eine, weit gewaltigere Kraft und, Wirkung haben." Auch um des Friedens in der Gemeinde willen lehnte Dr. Frankl die Orgel ab. Wenn man schon durchaus Musik im , Tempel haben wolle, wäre auf die Instrumente des Salomonischen Tempels, auf Harfen und Posaunen, zurückzugreifen^ Dr. Jelliuek trat mit allem Nachdruck f ü r die Orgel ein. Als das Votum der Sektion, wie wir hören wenden, gegen ihn ausfiel, bestand er auf der protokollarischen Feststellung seiner" abweichenden Ansicht. Josef Wertheirner verlangte, daß vor einem so . entscheidenden Schritte erst die Gemeinde um ihre Meinung befragt werden müsse. Den tiefsten Eindruck riefen die Ausführungen Mannheimers hervor, -der sich auoh^-sonst gegen die Orgel ausgesprochen hat. Damals führte er gegen sie ins Treffen, daß Orgel, Glocke und Gothik für die Kirche charakteristisch, ja fast mit ihr identisch seien. Er selbst habe zehn Jahre hindurch im Kopenhagen und Berlin in Synagogen gewirkt, in denen die Orgel spielte. Sie habe sich aber nirgends in die Herzen gespielt. Die Orgel wirkt nur anfangs, allmählich aber wird der Hörer durch düle langgezogenen Töne abgestumpft. Diejenigen, die jetzt den Tempel, nicht besuchen, wird man auch durch die Orgel nicht denn Gottesdienste zuführen. Hingegen werden viele wegbleiben, auf welche die Orgel in jedem Falle als ein chrisitliches Instrument befremdend wirkt. - Beschlossen wurde, die Orgel als nicht jüdisch und auch aus lokalen Rücksichten ihre Einführung als nicht opportun zu erklären. Dementsprechend entschieden diie Vertreter. Auch bei der Einweihung des Tempels in der Leopoldstadt wurde ausdrücklich von der Benützung einer Orgel Abstand genommen. Am 21. September 1859 beschwert sich der Bethausvorstand über die Mängel des Chores im neuen Tempel und empfiehlt als radikales Mittel dagegen eine Orgel. Hat man eine Orgel, so meinte dieser Bethausvorstand, so kann' man shr leicht Kantor und Choristen entbehren, wenn diese aus Rücksichten der Disziplin entlassen werden müssen Das werde sofort Ordnung unter diesen Funktionären schaffen. (Schluß folgt.) Deutsche Juden als Heidelberger Studenten im 18. Jahrhundert. Von Dr P. Rieger. Stuttgart. Die Voraussetzungen) und Vorbedingungen für die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland schuf eine kleine Anzahl gebildeter Jiiden, die sich den- Zugang zur deutschen Bildung tapfer erkämpft und nicht ohne Erfolg am Ausbau der deutschen Wissenschaft mitgearbeitet haben. Das Streben der deutschen Juden nach einer höheren Bildung und das Entgegenkommen der deutschen Hochschulen bildet* ein erfreuliches Kapitel der Judengeschichte in Deutschland. Die Zahl der Juden, die sich an deutschen Universitäten schon ein Jahnhundert vor der bürgerlichen Gleichstellung heranbilden durften, ist wesentlich größer, als allgemein bekannt ist. Die Durchsicht der Urkünden der deutschen Hochschulen wird hier kaum erwartete Ergebnisse fördern. Toepkes Veröffentlichung der Heidelberger Universitätsmatrikel hat den Stoff wenigstens für eine deutsche Hochschuleeinem größeren Kreise zugängig gemacht. Die glückliche Lage der Juden in der Kurpfalz unter Pfalzgraf Ruprecht I. fand mit dem Regierungsantritt seines Nachfolgers Ruprecht II. ,(1390—1398) ein jähes Fnde. Eine seiner ersten Regierungshandlungen war die Austreibung der Juden aus der Kurpfalz. Der Grundbesitz der Heidelberger Juden wurde am 21. Mai 1391 der Universität geschenkt, däe 'dortige Synagoge in eine Kirche verwandelt. Die Immatrikulationslisten der Universität nennen daher vom 14. bis zum 18 Jahrhundert nur dann und wann getaufte Juden als Studierende, wie 1396 Petrus de Lancz neym quondam Judeus und 1466 Andreas de Einbeck vonversus ad iidem Christi, Auch unter den, Universitätslehrern treten in dieser Zeit als Professoren der hebräischen Sprache zwei getaufte Juden Paulus Sta>ffelstein (seit 1551) und Immanuel Tremellius (seit 1561) hervor. Bei der Reformation der Heidelberger Universität im Jahre 1558 wurde die Ausschließung der Juden nochmals besonders ausgesprochen. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entsteht in Heidelberg eine kleine Gemeinde, und nicht viel später beginnt auch der Besuch der dortigen Universität durch jüdische Studierende. Bezeichnenderweise sind die ersten jüdischen Studenten der Universität auf einem besonderen Blatte des 5. Bandes der Matrikel aufgezeichnet. Am 17. Mai 1724 wurde als Student der Medizin Seligmannus Elkanus . Bacharach aus Mannheim und 20. September desselben Jahres ebenfalls als Mediziner dessen Neffe Heymann Abraham Bacharach aus Mannheim immatrikuliert Seligman Elkan (Levi) Bacharach erbat 1728 für sich und seinen Neffen die Zulassung zum medizinischen Doktorexamen. Er bezog sich dabei auf den Paragraphen 51 der Judenkonzession von 1717, nach der es Juden erlaubt wäre, „die Medizin zu! practicieren, wann einer dazu Qualificüert und von unserer medieinischen Facultäf zu Heidellberg behörent examinirt" Die Mehrzahl der Fakultät zeigte sich dem Gesuche geneigt, stellte aber die Entscheidung dem Landfösherrn arrheim, die auch int Sinne des Bittstellers am 8. Juli 1728 erfolgte. Nachdem der Senat darüber schlüssig geworden, wie der Eid und! das Diplom abzufassen, wurde Seiigman Elkan am 8. September 1728 „sine solennitate in des promotoris hauss" zum Doktor der Medizin promoviert. Seligman Elkan war ein Sohn des Judendoctors Hamm, der 1680 den Kurfürsten Karl Ludwig behandelt hatte. Außer Elkan, der bis 1751 in Mannheim praktizierte, besaß' Harum noch einen Sohn, den Arzt Abraham, der bereits 1722 starb. Ein Sohn Abrahams war der obengenannte Heymann Abraham Bacharach (Medicinae Doctor Judi Heyum Abraham), der bis 1775 lebte. „Süddeutsche.Israel. Wochenschrift", Ingolstadt a D. | Dczugscrncocruiig der Wahrheit •i s l Wir bitten um Bezahlung des Bezugsgeldes für das zweite Halbjahr 1924 in der Höhe von K 50.000. durch den unseren Abonnenten zugehenden Erlagschein. Wir danken unseren Freunden, die uns bei der Verbreitung unseres Blattes bisher geholfen haben, auf das wärmste. Ihre Bemühungen sind erfolgreich gewesen, unsere Auflage ist wesentlich gestiegen. Wir bitten nicht nachzulassen. Besonders erwünscht ist uns die Übermittlung von Adressen, an die wir unser Blatt zur Probe senden können. Redaktion und Administration „Die Wahrheit"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.