Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 29 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 b\t WMfftMtf Nr. 29 f!>if die — offenbar doch unbewußte — Selbst persifla g e. Nicht anders verfährt der Meister von Bayreuth, Karl Freigedank, -mit Heine, von dein er sagt, er habe „s i c h selber zum Dichter gelogen, und dafür auch seine gedichteten Lügen von unseren Komponisten in Musik gesetzt erhalten". Nicht allein, daß er selber eine klägliche französische Uebersetzung der „B .ei den Grenadiere" komponiert hat — er verdankt Heine (eine Tatsache, die er später selber geflissentlich verdunkelt hat und nachdem seine Trabanten) die Ideen, ja selbst das szenische Gerüst zum „Fliegenden Holländer" und-zum „T annh äu s e r", die sich in den „Memoiren des Herrn von Scbnabelewopski" und in den „Göttern im Exil" finden. Wagner --hatte — ich spreche immer vom Menschen, nichtvom Künstler — -das unverdiente Glück, an einen durch und durch nobel gesinnten Gegner zu geraten. Meyerbeer bat nämlich von ihm Warfen, die ihm Karl Freigedank einst selbst in. die Hand gelegt, überhaupt keinen Gebrauch gemacht: der Jude verstand sich offenbar nicht auf die „echt deutsche" Kampfesweise Der Sturm der Empörung entlud sich zunächst über den Redakteur der „Neuen "'Zeitschrift für Musik", den Professor B r e n d e i in Leipzig, den die Veröffehtlichannig des Freigedank-Artikels um ein Haar seine Existenz gekostet hätte, Wagner selber schleuderte aus sicherem Exil noch weiter antisemitische Giftpfeile, z. B. „Deutsche Kunst und deutsche Politik , worin die schöne Bezeichnung „p o I i t i s c h e r Bänkelsänger" für Heine vorkommt, und „A u f k 1 ä r u ngen über das Judentum in der Musik", 1869 geschrieben in Triebschen bei Luzern. Darin gibt sich Wagner, der sich immer vortrefflich auf diese Rolle verstanden*hat, für einen Märtyrer aus, und zwar für ein Opfer des jüdischen -Kesseltreibens gegen ihn. „Dies ward durch einen Wiener Juristen erreicht, welcher großer Musikfreund und Kenner der Hegeischen Dialektik war, außerdem aber durch seine, wenn auch zierlich verdeckte, jüdische Abkunft besonders zugänglich befunden wurde ... Dieser schrieb! nun ein Öbell über das „M u s i k a 1 i s c h - S c h ö n e", im welchem er für den allgemeinen Zweck des M u s i k j uden tums mit außerordentlichem Geschick verfuhr ... so gelang es, die moderne jüdische Musik als die eigentlich „schöne" Musik aufzustellen . . wenn er nun im gelesen sten politischen Blatte auch als R e z e us e n t auftrat ..." Man wird gemerkt haben, wer und was gemeint ist: Eduard Hans! ick und die „Neue Freie Presse", der er seit 1864 angehörte. So wurde mit dem antisemitischen Rezept weiter gearbeitet, um sich die Gegner bequem vom Halse zu schaffen. Das Ganze, von jenem ersten Bettelbrief aus Königsberg von 1837 an bisl in die letzten Phasen des unsauberen Kampfes Richard Wagners gegen das Judentum ist jedenfalls ein ungemein lehrfeiches, geradezu typisches Beispiel '"für die deutscbnationale antisemitische Kampfesweise überhaupt. Um seines symptomatischen Wertes willen so gut Wienaus musikhistorischem Interesse übergebe ich diesen Fall der Oeffentlichkeit. Das jttdische Kind und der jadische Gesang. Vortrag von Rabbiner Dr. Max Gruhwald, gehalten im „Bund jüdischer Eltern im II. Wiener Gemeindebezirk." (Fortsetzung.) Von einem wichtigen Mittel zur Erreichung unseres Zieles, das jüdische^Kind dem Judentum zu erhalten, will ich heute zu Ihnen reden, von der Aufgabe, das jüdische Kind vertraut zu machen mit dem jüdischen Gesänge. Was meine ich, wenn ich von einem Jüdischen Gesänge" spreche? Fast möchte ich" sagen, ich meine damit das ganze jüdische Leben. Von der Wiege bis zum Grabe begleitet den Juden der Gesang. Seine Gebete singt der Jude, seine heilige Lehre tragt er singend vor, selbst der Talmud wird in einer. bestimmten Melodie studiert, in m&nchen Kreisen auch die Predigt in einem bestimmten Singsang zu Gehör gebracht. Und wenn auch der Text .der gleiche bleibt, die Melodie wechselt je nach dem bestimmten Charakter des Festes. Diese- Melodien, die dem Juden von Kindheit auf vertraut sind, ihm im Qhre liegen, sie werden immer wieder, je nach der freudigen oder traurigen Stimmung, die ihn gerade beherrscht, bald die ernsten, bald die heiteren,.in seiner Erinnerung wachgerufen. Manche, wie die Melodie des Kol Nidre. sitzen tief in der Seele und wecken weihevolle Bewegung des Gemütes selbst dem Juden, dem der dazugehörende Text bereits fremd geworden ist. Die Kenntnis dieser Melodien und die tiefe Wirkung, die sie auf den Zuhörer ausüben, sind einem großen Teil, unserer Synagogenbesucher die Träger der Weihe und Wärme des jüdischen Gottesdienstes. Als diese Kenntnis; dieses innerste Mitempfinden der Gemeinde beim öffentlichen Gottesdienste abnahm, als das Gottesbaus deshalb den Betern nicht mehr das bieten konnte, was dile Väter in der Synagoge; gefunden hatten, da suchte man nach äußeren Mitteln, um für.*;, das Verlorene einen Ersatz zu schaffen, um die Gemeinde anzuziehen und während des Gattesdienstes zu fesseln. Als ein solches Mittel führte man, wie bekannt, in vielen Tempeln die Orgel ein. Was im allgemeinen gegen die Orgel ian jüdischen'Gottesdienste spricht, habe ich vor einigen Jahren, in einer besonderen Schrift („Der I£ampf um die Orgel in der Wiener israel./Kultusgemeinde") ausgeführt. Ich; wurde nachträglich auf eine bemerkenswerte Polemik gegen die Orgel vom protestantischen Standpunkte aus aufmerksam,, die der Feder des berühmten englischen Predigers Spurgeon entstammt. Aus dem jüdischen Gesichtspunkte heraus .hat kürzlich Max Brod in Prag gegen die Orgel Stellung "genommen. Heute aber möchte ich Ihnen etwas über die ^Verhandlüngen berichten, die über die Orgelfrage im "Schöße d e s Wiener Kultus Vorstandes vor Jahren geführt worden sind, um Ihnen zu zeigen, weshalb die Orgel der Leitung unserer Gemeinde als nicht annehmbar erschienen ist und wir deshalb einen anderen Weg einschlagen, um den Gottesdienst wieder zu beleben, einen Weg, der uns in den Kern unseres Themas, „Das jüdische Kind und der jüdische Gesang" führen wird. Ich darf wohl hier ein wenig ausführlich sein. Der Gegenstand rechtfertigt es. Im Anfange des 19. Jahrhundert hatte, vorübergehend zunächst im Berliner, dann. im Hamburger Tempel, neben anderen Reformen auch die Orgel in den jüdischen Gottesr dienst Eingang gefunden. Als man nun hier in Wien an die Errichtung des Tempels in der Seitenstefctengasse ging, wurde auch-die'Orgelfrage berührt. Am 18. November 1819 wurden sämtliche tolerierten Juden Wiens von den damaligen sogen. „Vertretern" der Wiener Judenschaft verständigt,. daß:. sie. „um die gottesdienstlichen Verrichtungen verständlicher und erbaulicher zu gestalten, den in Berlin und Hamburg bereits mit großem Erfolge eingeführten neuen Kultus in Wien nachahmen" wollten. Ein Teil der Tolerierten erklärte sich damit einverstanden, und so richteten die Vertreter am 7. Februar 1820 an die niederöst. Landesregiierung das Gesuch um die Gepehmigxiriig dieses Programmes, laut welchem deutsche Gesänge mit" Orgelbegleitung in den Gottesdienst eingeführt werden sollten. Da aber viele Tolerierte gegen die geplanten Reformen und insbesondere gegen die Orgel protestierten, holten die Vertreter ein Gutachten von jüdischen Gelehrten ein, die sich für die Orgel aussprachen,, Die Vertreter verständigten hiervon durch ein Zirkular die 137 Tolerierten und sprachen sich in gleichem Sinne in einer kömmissionellen Beratung aus, die von der Polizeidirektion überl diesen 'Gegenstand für den 27. Juni 1820 anberaumt worden war.- Am 4. Juni 1821 wurden von der Polizei dien Vertretern sieben Fragen, die auf diese Reformen Bezug nahmen, vorgelegt, und am 30. Juli d .J. im Siran© der Orgelanihänger beantwortet. Trotzdem wunde im Tempel der Steütenstettengasse, dessen Eröffnung i. J. 1826 stattfand, keime Orgel aufgestellt. Die Orgelfrage ruhte nun länger als zwei Jahrzehnte. Die Gemeinde war so zahlreich" geworden, daß manan „die Errichtung eines zweiten Berhauses (und zwar. in der Leopoldistadt) denken mußte. Sie wurde in einer Vertretersitzung vom 27. November 1849 beschlossen. Der damals be- .relts neunzigjährige Vertreter Isak Löb Hofmanav Edler von Hofmannsthal äußerte bei dieser Gelegenheit, wenige Tage vor seinem Hinscheiden (am 2. Dezember 1894), den Wunsch nach einer Orgel für den geplanten neuen Tempel. Als dann der Tempel bereits gebaut wurde, sprach sich in einer Vertreter- Sitzung am 29. Mai 1855 bei der Beratung unseres Gegenstandes Josef Werth eimer dahin aus, daß sich die Orgel eher für die Seltenstettengasse empfehle, während der Tempel in der Leopoldstadt so gehalten werden sollte, daß auch Anhänger der orthodoxen Partei ihn besuchen könnten. Am 29. Oktober 1857 entschlossen sich die Vertreter,, von einer Orgel Abstand zu.nehmen, um keine Spaltung der Gemeinde, wie in Budapest, herauf zubeschwören. Vor einer endgültigen Entscheidung wollte man aber die Bethaus-Sektion hören. In der Sitzung dieser Sektion am 9. November d. J., der auch Mannheimer und Jellinek beiwohnten, ergriff Dr. Ludwig August