Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 29 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. & Die Wahrheit Seite S Richard Wagner als Antisemit.*) Von Dr. Hermann Hi eb e r. II. (Schluß.) Jn die sieben Jahre seines Dresdener Aufenthalts, 1842 bis 1849, fällt die Entwicklung Wagners vom Meyerbeerianer zum deutschen Romantiker, im Sinne Webers und zum Begründer des Musikdramas eigene». Gepräges:- vom Schöpfer des „Rienzi" und „Fliegenden Holländers" zu dam djes „Tannihäuiser" Und „Lohengrin". Man könnte es demnach begreiflich finden, wenn er sich in dieser Zeit innerlich von . seinem Vorbild freigemacht und seinem künstlerischen Antagonismus deutlichen Ausdruck gegeben hätte, Danin hätte sich aber diese Loslösung klar und unzweideutig vollziehen müssen — und gerade das vermißt man im Verhältnis des Schülers (wie er sich selber bezeichnet hat) zum Meister. Vielmehr treibt wähnend dieser ganzen Jahre bis zur Flucht aus Deutschland Wagner ein unwürdiges Doppelspiel. Ende Dezember 1840 mahnt er Schumann von Paris auslassen Sie doch Meyerbeer nicht mehr so herunter reißen, d!em Mann verdanke ich alles, und zumal meine baldige Berühmtheit." „Herunterreißen" besorgte Wagner schon selber, aber nur — hei ml i c h. Kurz nachdem er sich „mit Bewunderung und Verehrung" für die „unschätzbaren Freundschaftsdienste'' bedankt hatte), um die er, der „so Erwiiderungsunfähige", Meyerbeer angesprochen, schreibt er an denselben Schumann uniter dem 5. Jänner 1842: „Halevy ist offen und ehrlich und kein a b s i ch tO ich schlauer Betrüger wie M e'yier b e e n Daß Sä« aber auf diesen nicht schimpfen! , . . ." Was ihn veranlaßt haben kann, Meyerbeer als Betrüger hinzustellen^ ist schwier zu sagen. Erst im April 1842 scheint dem überaus langmütigen Maestro die Zudringlichkeit des inzwiischen nach Deutschland übergesiedelten Wagner lästig geworden zu sein — wenigstens schreibt dieser an seinen Schwager Avenariius (den Vater des späteren „Kunstwart" - Begründers): „Ich verlor gestern einen 'ganzen Tag, um M anzutreffen, den ich dann erst am Abend flüchtig zu sprechen bekam." In der Autobiographie „Mein Leben" bemerkt er über seinen ersten Besuch in Berlin: „,Ioh fand, daß ich! Meyerbeer mit meiner Reise nach Berlin mich offenbar zu feurig erwiesen hatte. Immerhin zeigte er sich mir freundioh und geneigt, nur bedauerte er, soeben „auf der Abreise begriffen" zu sein — ein Zustand, in welchem ich ihn später stets antraf, so oft ich ihn in Berlin wieder besuchte".^ Wagner verstand diesen Winjk wich* oder wollte ihn nicht verstehen. In einem Schreiben, das die „herzlichsten Glückwünsche" zum Erfolg von Meyerbeers neuester Oper. „Ein Feldlager in Schlesien" und die Bitte um Empfehlung des „Rienzi" zur Aufführung an der Berliner Hofoper und die Wiederaufnahme des .„Fliegenden Holländer" enthält, verspricht er „seinem", Meyerbeers, „Zwerchfell die herrlichste und wohltuendste Erschütterung", nämlich einen Bericht über Sponti n i s,, Meyerbeers Rivalen und Todfeind, Durchfall in Dresden. In den Jahren 1844 und 1845,"während der Vorbereitung des „Fliegenden Holländer" in Berlin, genoß Wagner wiederholt Gastfreundschaft im Meyerbeer sehen Hause: „Die Meyerbeer" hat ihn in Abwesenheit ihres Mannes, wie ©r an seine Gattin Minna schreibt, „durch große Herzlichkeit und Teilnahme überrrascht". Noch im Jänner* 1846 schreibt er an den „absichtlich schlauen Betrüger": „Mein hochverehrter Herr und Freund! In leidenschaftlicher Sorge um mein nächist zu gebärendes Kind, dem ich im voraus ein möglichst bestes Los auf Erden bereiten möchte, lege ich Ihnen diie schon in meinem kürzlichen Schrieiben berührte einfache, aber vielsagende Bitte ans Herz, bei dem König den Auftrag zu erwirken, diese Dichtugn (ies handelt sich um den „Lohiengrin") für sein Hoftheater in Berlin zu komponieren. Sollte es zweckmäßig sein, dem König die Dichtung selbst vorzulesen, so würde ich mich dazu schleunigst in Berlin einfinden . . . Für ewig Ihr hochverpflichteter Richard Wagner" Aber Friedrich Wilhelm IV. konnte sich ebensowenig wie der neue Theaterintendant v. Rustner für die Wagnerscjie Muse begeistern. Das mag ein gut Teil dazu beigetragen haben, aus dem sehr königstreuen und unterwürfigen Hofkapeilmeister einen blutrünstigen Revolutionär zu machen; der noch zweimal, 1850 und 1860. sein Glück in Frankreich pro- *). Aus „Die Glocke", Berlin. bierte, trotzdem er nach dem ersten Pariser Fiasko „seinem deutschen Vaterland mit hellen Tränen im Auge ewige Treue geschworen" hatte. Endgültig und unwiderruflich deutsch ist er bekanntlich erst nach dem Durchfall des „Tannhäuser" in Parte geworden. An seinem Berliner Mißerfolg mit dem Angebot des „Lohengrin" machte er nach Art aller Judenfresser einen Unschuldigen verantwortlich Den Verdacht, daß Meyerbeer, der nicht den geringsten Grund zu Neid oder Ehrfurcht hatte, gegen ihn in Berlin intrigiere, hat Wagner schon 1843 in einem Brief an seinen Freund Lehrs ausgesprochen: „Man sieht es ja, was so ein Hans Narr e, wie der Meyerbeer uns für Schaden macht — halb in Berlin, halb in Paris, bringt er nirgends etwas zustande, am allerwenigsten in Berlin . . . das kommt davon, wenn man den- Mäntel so nach alLen Winden hängen 1 a s s s e'n muß wie: Freund Giaeomo." Noch mehr wurmt es ihn; daß man ihm künstlerische Abhängigkeit von diesem „Freund Giaeomo" vorwirft Im selben Jahre schreibt er deshalb an Schumann: „Das eine hat mich erschreckt und — ich gestehe es. Ihnen — der Sache selbst wegen erbittert: daß Sie mir so in aller Ruhe hinsagen, manches in meinem „Holländer" schmecke oft nach — Meyerbeer. Vor allem weiß ich gar nicht, was überhaupt auf dieser weiten Wlelt Meyerbeerisch sein 'sollte, außer vielleicht raffiniertes Streben nach seichter Popularität . . . Gäbe es aber wirklich etwas Vorhandenes. Konsistentes, was Meyerbeerisch zu nennen wäre, wie man etwas „Beethovenisch" oder meinetwegen „Rosstoisch" nennen kann, so gestehe ich, mußte es ein wunderbares Spiel der Natur sein, wenn ich aus dem Quell geschöpft hätte, dessen bloßer Geruch aus weiter Ferne mir zu w i de r ist; es wäre dies ein Todesurteil über meine Produktionskraft." Alle Gerüche aus idiesem Quell haben ihn nicht von Versicheranigen der wahrsten und dankbarsten- Hingebung und Verehrung abgehalten, noch weniger davon, es sich bei Meyerbeers — bis in den Oktober 1847 hinein! — trefflich schmecken zu lassen, ja, dem „Hans Narre" und „schlauen Bürger" durch einen Bekannten — anpumpen zu lassen An einen gewissen Frommann schreibt er unter dem 9. Oktober lMh wörtlich: „Außerdem könnte er mir auch tausend. Taler borgen, für die ich ihm gern 4 bis 5 Prozent Zinsen zahle." Erst 1850 konnte Wagner endlich die lästige Maske fallen lassen. In dieses Jahr fällt seine satirische Schilderung des Propheten, den er ki Paris gehört hat, und im September dieses denkwürdigen Jahrnes erscheint in der „Neuen Z e i tschrift für Musik" in Leipzig das Urbild aller Dinter iaden, der Aufsatz „Das J udientum in d er Musik", in dem die Sätze vorkommen: > „Wie all unser L i b er ia 1 i s m u s eini nicht sehr hellsehendes Geisterspiel war. indem wir für die Freiheit des Volkes uns ergingen ohne Kenntnis dieses) Volkes, ia mg Abilei gu-ag gegen i ede wirkliche Berührung mit ihm, so entsprang auch unser Eifer für die Gleichberechtigung der Juden viel mehr aus der Anregung eines allgemeinen Gedankeras als aus einer realen Sympathie; denn bei allem Reden und Schreiben für Judenemanzipation fühlten wir uns bei wirklicher, tätiger Berührung mit Juden von diesen stets unwillkürlich a b g e t o ß e n . . Noch jetzt belügen wir uns in dieser Beziehung nur absichtlich, wenn wir es für verpönt und unsittlich halten zu müssen glauben, unsern natürlichen Widerwillen gegen jüdisches Wesen öffentlich kuindzugebenen." Man fragt sich verwundert: wie hat es dieser! vorsichtige Held und Bekenner, der seine Judemhetze unter dem Pseudonym „Karl Fr e ige dank" veröffentlicht hat, über sich gebracht, seinen instinktiven Widerwillen gegen die jüdische Rasse m den Fällen Lehrs, Porges, Z ans ig, Schlesinger neun Jahre lang und noch länger so täuschend zu meistern?! Ueber Meyerbeer aber schreibt er ganz unschuldig: „Wir glauben wirklich, daß er Kunstwerke schaffen möchte und zugleich weiß, daß er sie nicht schaffen kann: um sich aus diesem peinlichen Konflikt zwischen Wollen und Können zu ziehen, schreibt er für Paris Opern und läßt diese dann deicht in der übrigen Welt aufführen. — Heutzutage das sicherste Mittel, ohne Künstler zu sein, doch Kunstrubm sich zu verschaffen." Was mit diesem Schmutzurteil über den „täuschenden Komponisten" Meyerbeer wieder einigermaßen aussöhnt, ist