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Die Wahrheit · 1924-07-18 · Heft 29 (18.7.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 29 eine brutale und menschenfeindlich 2 Maßnahme nie gepriesen worden. So also offenbart sich die .3,Auserwähltheit" der nordisch-arischen Rasse, daß sie sich nicht allein weit höher als alle anderen Rassen dünkt, sondern daß sie auch in sichtbarem Ausdruck dieser Auserwähltheit Maßnahmen gutheißt, die alle anderen Rassen der Verkürzung ihrer Menschenrechte, ja der Vernichtung anheimgeben. Wie anders steht doch das Judentum da! Auch wir, Juden nennen uns das „auserwählte Volk", aber wie fassen wir diese Auserwähltheit auf? ^'ie'iieicht wird es das Richtigste sein, wenn ich hier die Ansichter zweier hervqrragender Gelehrter mitteile, die uns zeigen werden, wo die höhere Sittlichkeit anzutreffen sei. So sagt der berühmte Gründer der Völkerpsychologie Haim Steinthal in einem Aufsatze der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Jahrg. 1890, Nr. 17: „Das ausefwäliife Volk oder Juden und Deutsche", wiederabgedruckt in Steinthal, „Ueber Juden und Juden^ tum", Berlin 1906, S. 13: „Wenn wir uns das auserwählte Volk Gottes nennen, so soll damit nur gesagt sehi, daß unsere Väter es waren, denen zuerst die Erkenntnis Gottes gepredigt und die Liebe, zu .ihm ais däe allgemein menschliche Aufgabe ans Herz gelegt ward; und daß wir m dieser Tatsache der Geschichte unseres Volkes noch einen ganz besonderen Antrieb finden müssen, uns in unserem ganzen Lben auf allen Wegen vor der Liebe zum allgütigeni Gotte. leiten zu lassen. Das äuserfrähite Volk nennen wir uns, nicht um die Höhe zu bezeichnenn, auf welcher wir ständen oder jemals gestanden hätten, nicht um uns als die Vorzüglichsten unter unseren Mitmenschen hinzusstellenMondern um uns jederzeit die Kluft vorzuhalten, die unsere Wirklichklent von der idealen Aufgabe der Sittlichkeit trennt, die Kluft zwischen unseren Mängeln und dem von den Propheten gezeichneten Vorbilde. Das Häßliche jeder Gemieinheat und Roheit soll uns noch abstoßender er-' scheinen, wentn wir sagen müsseh, daß es sich am „Priester-Volke" finde; und die Tugend, die wir uns zuzusprechen berechtigt wären, soll als unzulänglich erscheinen, um als die des „heiligen Volkes" gelten zu können". Und* B a e c k, „Das Wesen des Judentums", Frankfurt am Main1 1923, S. 65 f. sagt: „Dieser Gedanke durchzieht die prophetischen Reden: Israel ist von Gott erkoren, darum ist Gott sein Richter. Israel ist von Gott dazu bestimmt, daß es das Rechte tue, und nur, wenn es das Rechte übt, kann und darf es.als das auserwählte Volk, bestehen; durch die Sünden wird es von Gott getrennt und geht eis seines Wertes verlustig. Seine Existenz kann nur eine religiöse sein; es wird sein, wie es vor Gott sein soll, oder es wird nicht sein. Aus dieser Gewißheit ist dann die Idee von diem weltgeschichtlichen Berufe, von der Mission Israels erwachsen, von der Verantwortlichkeit, die es vor Gott und: den Menschen hat. Die Auseriwählung wird1 als ein Prophetentum des ganzen Volkes erfaßt. Siie wird in! ihm zu einem Glauben an eine Sendung über sich selbst hinaus, an ein Auserwähltsein um der andern willen. Ganz Israel ist der Bote des Herrn, der Messias, der Knecht Gottes, dier die, Religion für alle Lande hüten, von . dem das Licht zu allen Völkern ausstrahlen soll. „Ich, der Ewigem hab'e* dich in Gerechtigkeit gerufen, ich erfasse deine Hand, ich bewahre dich und setzie dich ein zum Bunde der Völker, zum Licht der Nationen, Münde Augen zu öffnen, Gefesselte aus dem Gefängnis herauszuführen', aus dem Kerker die, welche im Finstern wohneh." Das ist ein klassischer Gedanke geworden, und die späteren Zeiten haben festgehalten, was sein Wesentliches, Kraftvolles ist. Nur aus dem Bewußtsein. der Auserwählunig vermochte er hervorzugehen. Aus dem Glauben an sich könnte Äser Glaube an die Verantwortlichkeit aufwachsen, diese fordernde Zuversicht, für die Welt da zu sein. Nur ein Volk, das sein Eigenes ini seiner Seele fühlte, konnte. empfinden, wie viel es den andern allen zu bedeuten hätte. Die1 Idee der Auserwählung erhält, so zu ihrem unbedingten Korrelat die Idee der Menschheit usw." Vgl. auch S. 58, 76 und 282. Dann das klassische Kapitel, „die jüdische Religion in nationaler und universalistischer Hinsicht" in Oiidemann: „Jüdische Apologetik", Glogau 1906, S. 46 ff., und Goldschmidt: „Das Wesen dies Judentums", Frankfurt'am Main, 1907, ~S. 120. Vgl: auch Lazarus: „Ethik des Judentums", Frankfurt am. Main, 1898, S. 351 f. Wer diese Ausführungen liest, dein kann es unmöglich zwieifelhaft sein,. wo das tiefere sittliche Verständnis verankert ist und welcher Idee die. Zukunft gehört. Main sage ja nicht, der Selbstschutz rechtfeirtüge jede Brutalität und dem Stärkeren gehört dlüe Zukunft. Das ist gewiß unrichtig, denn die Geschichte lehrt, daß alle Völker, dÜb in maßlosem Hochmute Haß und Eifersucht der Völker aufgepeitscht haben» schweren Erschütterungen ausgesetzt waren. Denn, der Konzern der Völker ist noch immer friedlich gesinnt. Aber für uns Juden ergibt sich daraus, daß1 unsere Mission auf Erden noch lange nicht erschöpft ist. * Denn solange: es noch Götzendienst auf Erden gibt — und es gibt einen solchen — und solange es Menschen auf Erden gibt — und es gibt einen solchen — und solange es Menschen auf Erden gibt, die in dem andern Menschen nicht das Ebenbild Gottes erblicken, dem wir darum mit Liebe und Güte begegnen müssen, sondern einen Minder wertigem, dessen Geringheit man sich auf Grund vager wissenschaftlicher Hypothesen zusammengeklittert, hat, so lange haben wir Juden eine Aufgabe, eine. Misson hiernieden zu erfüllen, die Mission der Vertiefung der Menschenliebe. Darin erblicken wir hauptsächlich unsere; „Ausierwähltheiit". Wir dürfen beruhigt •sagen, daß der über wiegende Teil des deutschen Volkes, das' in seinem Innern tief religiös ist, diesen sittlichen Ideen geneigter ist, als den haßerfüllten Theorien der völkischen Rassenischützler. Der Weg, den das „auserwählte Volk" der Menschheit weist, führt in eine heilere', leichtere, hoffnungsreichere Zukunft. Denn dann, Menschheit, zerbrichst du ein Glied der Sklavenketten nach dem' andern, und die Schranken und Mauern, und rufst durch die Welt mit der Stimme; der Erlösung: Ihr seid alle meine Kinder, alle Brüdler, lebet, ein jeder nach-seiner Art, aber im Rechte und im Frieden! Und an diese Menschheit glaube ich! (Vgl. Ludwig Philippson, Gesammelte Abhandlungen, Leipzig 1911, Band 1, Seite 4.)

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