Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 29 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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-Nr. 29 _ DIE WAHRHEIT __Seite j* einer solchen Illusion keinem Volk einen Vorwurf machen, auch schon darum nicht, weil sie in den mieteten Fällen allis mächtige Triebfelder zur Entfaltung: der edieisten Eigenschaften eines Volkes dienen. Widerspruch und flammenden Protest, aber muß man erheben, wenn diese „Auserwähltheit" nicht zur Auslösung: edler Triebe und Eigenschaften führt, sondern in brüsker Weise, losgelöst von allen humanen Menschheitsideen, nur dem Egoismus, dem Hochmut, der Ueberhebung und der Verilästerimg und Verkleinerung anderer, frömder Gemeinschaften dient. Daß solche gewöhnlich auf keinem wissenschaftlichen Fundamente aufgebauten Brüski'erungen nur- Haß und Verbitterung auslösen müssen,, das hat .in trefflicher Weise Friedrich H e r t z, ein gewiß in Rassenfragen kompetenter Forscher, erst in der jüngsten Zeit in zwei sachlichen Artikeln der „Neuen Freien Presse*'' (Nr. 21480 vom 29. Juni und 21487 vom 6. Juli 1. J.) dargetan. Betrübend ist es, daß namentlich deutsche Forscher es sind (wie zum Beispiel: E. Bauer, E. Fischer, Lenz: Menschliche Erblichkseitslehre, 1924; Eugen Fischer, Rassenlehre in „Anthropologie" desj Sammelwerkieis „Die Kultur der Gegenwart'* 1923; Hans Günther, Rassenkunde des deutschen Volkes, 1922 -und! früher schon Lapouge, Ammon, Woltmann und in jüngster Zeit auch in Amerika Madison Grant, Charles W. Qould u. a.), auf ganz vagen, durch nichts berechtigten, häufig sich widersprechenden Darlegungen Hypothesen und Theorien aufstellen, die wie Hertz mit Recht sägt, „Hochmut, Haß und Eifersucht zwischen den Völkernaufs äußerste aufpeitschen." Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun und legen nun die in diesen Schriften dargeleigten Theorien den breiten Massen vor, wie das jüngst in der „Grazer Tagespost" geschah. Da hat Dr. L. Bauer in einem trefflichen Aufsatze „Haraüberwältigend und wir begreifen es. wenn die Mischna im Namen des Rabbi Jehuda es als Vorschrift zitiert: „Wer das große Meer (den Ozean) sieht, spricht den Segen, gelobt sei, der das Weltmeer geschaffen hat." Versteht sich, voran geht in .der Mischna folgender Passus: „Ueber Berge, Hügeh Meere, Ströme umd Wüste spricht man: Gelobt sei, der den Weltanfang schafft." Hirsch übersetzt: „Der das Werk des 'Anfangs geschaffen." Der Schulchan Aruch führt die diesbezüglichen DLmim folgendermaßen an: „Ueber Meere, Ströme usw. spricht man, der das Werk des Anfangs schafft: über das große Meer, und das ist das Meer, über welches man nach Erez Jisroel und Miizrajim zieht, spricht man gelobt sei, der das große Meer schafft." Hierzu die Kommentare, hauptsächlich die auf den Rosch bezüglichen, der ausführt, es sei der letztere Segensspruch nur über den Okeanos zu sprechen, der die ganze Erde einschließt. Ob nun hiezu auch die Ostsee zu zählen ist, ist sehr fraglich, und es wäre das „Osse masseh Bereschis" zu sprechen; ebenso ist bei der Beroohie des-"Jam — bagadol in der Mischna von Rabbi Jehuda der Ausdruck der Vergangenheit angewendet, denn esheißt „soheoss". Er hat das große Meer erschaffen; während der Sch. A. die Gegenwart anwendet, wie wenn gesagt werden soll, daß der Ewige das große Meer nicht nur erschaffen hat, sondern es noch gegenwärtig schafft. Tatsächlich finden sich ftn den GeBetbüchern diesbezüglich keine einheitlichen Versionen. Die Anwendung der Gegenwart bei dieser Beroche hat aber vieles für sich. Vor allem sagen wir doch täglich im Morigengebet: „Der da beleuchtet die Erdei und ihre Bewohner und erneuert täglich in seiner Güte die Werke der Schöpfung " Damit wird betont, daß die Schöpfung nie aufgehört hat, weiter geschaffen zu werden, auf . das Meer bezogen, ist dies noch tiefer begründet, schildert doch Kohelet: „Alle Bäche fließen kiri" (Nr. 176) die geradezu erschütternden Selbstmorde mehrerer Japaner geschildert, die sich vor der amerikanischen Gesandtschaft den Bauch darum aufschlitzten, weil sie den Schmerz üher das amerikanische Einwaridemngsverbot nicht verwinden konnten und so geglaubt haben, ihrem Vaterlande zu dienen. Daß nun in diesem von edelster Humanität erfüllten Artikel auch die Amerikaner nicht glimpflich davonkommen, ist bei einem so humanen und aufgeklärten Mann wie Bauer selbstverständlich, zumal er ja auf dem Standpunktie der sogenannten „Rassensynthese'" steht. Gegen diesen Aufsatz wendet sich nun Univ.- Prof. Dr. R. P o 11-a n d, der ohne auch nur die geringste eigenev Idee, die bereits abgegriffenen Theorien Günthers, Fischers und Grants gegen Bauer geltend macht und das Vorgehen der Amerikaner billigt. Es ist hier nicht der Ort, all die dort enthaltenen schiefen Ansichten zu widerlegen, auch schon darum nicht, weil Dr. Herbert Müller- Guttenbrunn, dem man wahrlich nicht jüdischen Ursprung vorwerfen kann, in treffender, mit beißender Ironie gewürzter Weise in Nr. 183 der „Grazer Tagespost" die vagen Theorien Poliands widerlegt.. Hier sei nur auf einen Punkt, in dem Aufsatze Pollands hingewiesen, der aber durchaus nicht auf seinem Holze gewachsen ist, die Ansicht nämlich, die übrigens kürzlich auch Lud'.-ndorff in einem von ihm gehaltenen Vortrage sich zu eigen gemacht hat, daß die nordisch-arische Rasse höherwertiger sei als alle anderen Rassen der- Welt. Und er meint nun am Schlüsse sefnes Aufsatzes: Wenn also die Amerikaner fremden Rassen die Einwanderung und Ansiedrung verbieten, so befolgen sie nur das Naturgebot der Selbstariiaitiing und verdienen sich den Dank ihrer Nachkommen. Lernen wir von ihnen und — machen wir es ebenso! Frivoler, das darf man wohl sagen, ist in das Meer und das Meer wird nicht voll," Also selbst das Weltmeer würde seine Fülle verlieren, wenn es nicht von den Bächen, Flüssen und Strömen immer neuen Zufluß hätte — das Meer muß also noch geschaffen werden, selbst das große Weltmeer würde nach und nach austrocknen —, es muß also noch gegenwärtig, täglich und beständig neu geschaffen werden und es ist ganz richtig, wenn der Sch. A. nicht wie R. Jehuda den Ausdruck der Vergangenheit, sondern den der Gegenwart anwendet und man erkennt dfe Wahrheit des talmudischen Ausspruches an einer anderen Stelle: „Wie großartig sind die Worte unserer Gelehrten zu bewerten, denn was immer sie gesagt und festgesetzt haben, es ist tief durchdacht und innerlich motiviert." Da Travemünde sonst nichts, was das jüdische Leben betrifft, bietet, so sonnten wir uns an dem behaglichen Strande und verträumten dort die Stunden und da drängte sich mir im Nachdenken über die erwähnte Beroche auch ein sehr wichtiger Gedankengang auf. wüe unsere Thora in ihrem ganzen Wesen auch der Schöpfung des Weltmeeres mit, allen ihren Bedingungen gleiche. In Wirklichkeit ward ja auch unsere Thora als ein „Maiixn scheein lohem ssaft" bezeichnet, sie ist also dem Weltmeer ähnlich in ihrer Beschaffenheit. Sie ist wohl, wie das Weltmeer, am Tage der Offenbarung voll ans Gotteshand hervorgegangen und Israel überantwortet worden; aber sie ist auch in dem Sinne der Schöpfung des Weltmeeres gleich, daß an derselben täglich tortgeschafteu werden muß; der Zufluß von neuen Strömen darf nicht authören; die Thora muß im Schöße Israels stets gepflegt werden, sonst trocknet selbst dieses Weltmeer des Wissens aus; es muß für beständigen Nachwuchs gesorgt werden; es muß sein und bleiben ein Maiim scheein lohem ssaff, ein Gewässer, das endlos ist, wie das Meer, das die ganze Erde einschließt und unbegrenzt, wie die Ewigkeit!