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Die Wahrheit · 1924-07-18 · Heft 29 (18.7.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. n angeblich nur bei unseren Feinden, vornehmlich in Belgien erfolgte, in unserem Lande Ehtrüstungsstürme hervorrief. Nein, diese eine Tatsache beweist schlagender als alle anderen, daß alles, was die Herren vom Hakenkreuz predigen, eine Lüge ist. Es ist eine Lüge, daß sie nur vom Juden das Land befreien wollenf selbst aber fest und treu, so wie anno dazumal die Wacht am Rhein, zu diesem Lande stehen. Sie allein untergraben sein Ansehen durch ihre Taten, und in den Vorfällen vom Exelberg, Favoriten, Spillern und Klosterneuburg liegt ein System, das unserem Staate den furchtbarsten Schaden zufügt. Und wer sind nun diejenigen, die das Land vor diesem Schaden bewahren wollen? Wieder ist nicht die menschliche, sondern die politische Einstellung der Parteien ausschlaggebend. In der Zurückweisung der Vorfälle sind sich alle einig, wenn es aber an die Frage heranzutreten gilt, wie solche Vorfälle für die Folge zum Nutzen des Staates zu vermeiden wären, da gibt es in Oesterreich' leider heute nur eine Partei, die dies in beherzter Weise zu tun versucht. Die Aufforderung des Landeshauptmannes S e i t z an die Polizeidirektion ist in diesem Sinne ein ungemein notwendiger Schritt gewesen, der selbst vonjLeuten, die nicht seiner Partei angehören, wohl zu begrüßen ist. Die Forderungen, die in seinem Schreiben an die Polizei gestellt wurden, sind im Interesse des Staates von der Polizei unbedingt zu beherzigen, sie sind die notwendigsten, die .man bei der momentanen Sachlage stellen konnte, ja man möchte beinahe behaupten, daß sie noch in schwerwiegender Weise zu ergänzen und zu erweitern wären. Unbedingt aber sind, wir betonen dies nochmals; die drei dringlichsten Punkte des Briefes des Landeshauptmannes von der Polizei restlos zu erfüllen. Und so wie dieser Sozialdemokrat auf der einen Seite.das tat, was ihm momentan am Zweckmäßigsten erschien, so taten es auf der anderen Seite seine Genossen im Parlament Warum aber, und dies interessiert uns Juden wohl am meisten,, geschah imgroßen bürgerlichen Lager, in dem wohl das Qros unserer österreichischen Glaubensgenossen steht, so gar nichts? Warum hat man in diesen Kreisen wieder eine Gelegenheit vorübergehen lassen, die nicht nur bei dem bürgerlich empfindenden Juden, sondern aücli gegenüber der Außenwelt bewiesen hätte, wie wir Juden zu "diesem Staate stehen. Wir, denen man Verrat am deutschösterreichischen Volkstum vorwirft, hätten beweisen sollen, daß es für. uns klar ist: Wir bangen nicht um unsere Zukunft als Juden, weil es uns klar ist, daß diejenigen, die uns diese Zukunft gefährden wollen, nicht so sehr, oder wenigstens nur in Worten, gegen uns sind; nein als treue Staatsbürger ist es uns um das Wohl dieses Staates zu tun, der verunglimpft und in den Kot gezerrt wird von denjenigen, die sich den Kampf gegen uns an-, geblich zur" Hauptaufgabe gemacht haben, in Wirklichkeit aber nur gegen diesen Staat, zu dem wir' treu stehen, arbeiten. Sie sind die Verräter, nicht wir, ihnen muß der Kampf gelten, nicht uns. Oskar Hirschfeld. Die nordisch-arische Basse und die „Ausenvähltheit" Israels. Von Ploni A1 m o n i im Graz. Bekanntlich gibt es kein Volk und keine religiöse Gemeinschaft auf Erden, die nicht die IMüision ihrer Auserwähltheit in. sich .trüge. Das ist selbstverständili'eh, weil ja sonst diie Erhaltung und Bewahrung dieser .Gemeinschaft keinen Zweck und auch keinen Anreiz hättle. Man darf darum wegen I Feuilleton Deutsche Reisebriefe eines Badeners (bei Wien). VIII Lübeck, in der Schewuauswoche 5684. In Lübeck sein und kein Ostseebad aufsuchen, das heißt so viel als in Rom sein und den! Papst nicht -sehen Denn die Ostsee ist die Lebensader dieser Stadt So beschlossen war. nach Travemünde zu fahren. Auf der Bahnstrecke, die wir zurücklegten, kaaneu wir erst darauf, daß es noch ein näheres Seebad gäbe, nämlich Niendorf, welches besoridiers gerne von dien Hamburger Juden besucht wird; dazu trägt auch bei, daß es dort eine einwandfreie koschere Restauration gibt, die unter Aufsicht des Lübecker Rabbiners Dr. Winter steht, was in Travemünde bisher noch fehlt. Unwillkürlich kommen wir 'da am Ausgangspunkte unserer Rtersebriefie zum Einfgang derselben zurück, auf die etwas ausführliche Erwähnung und Behandlung des Themas der koscheren Gasthäuser. Aber .in Reiseberichten, die das Wesen und die Art des jüdischen Lebens behandeln, ist dies igewiß kein unwichtiges Element. Abgesehen davon, daß es bestimmt zur Beurteilung des jüdischen Lebens gehört, hat es auch eine große Wichtigkeit für jeden jüdischen Reisenden. Wir wollen dabei gar nicht betonen, daß die Einhaltung der jüdischen Speisegesetze vom religiösen Standpunkt aus eine- Gramdla'ge des jüdischen Lebens bildet, was doch für jeden Juden außer Frage stehen sollte. Zur Sache selbst ist folgerndes im bezug auf das Reisen besonders hervorzuheben, Denken wir um, der Jude kommt auf der Reise e'rne fremde Stadt mit eimer fremlden Sprache und hat dort keinen Bekannten, keinen Anschluß, er kommt sich wie verloren vor. Aber nein, wenn er nur die Adresse eines jüdischen Gasthauses hat, ist er schon zu Hause, er kommt hin und findet schon Anschluß und Bekanntschaft.; jeder Anwesende interessiert sich für 'ihn, ohne es auszusprechen, scheint ihm jeder mit den Augen zuzuwinken „Achinu attu!" Das jüdische Gasthaus ist ja der Treffpunkt für jeden fremden Juden und ob er in London oder' Kairo, an Paris oder Alexandrien ins jüdische Gasthaus tritt, er ist. .nicht fremd, er ist sofort einiheiimiisch und er wiird sich mindestens mit etwas Hebräisch irgendwie verständigen können. Mit eimer kleinen Version erinnert dies an den Miidrasch zur biblischen Sentenz, „denn wo gibt es noch ein solches Volk, dem Gott so nahe ist, überall, wo wie ihn anrufen?" Es geschah einmal, daß ein Schiff, auf\welchem sich außer lauter Niehtjuden nur ein Jude befand, in einem fremdien Hafen anlegte, 'da sprachen sie zu dem jüdischen Mitreisenden: „Nimm Geld in deinen Beutel unid gehe aus .diemi Hafen ans Land und Kaufe dort für uns das Nötige ein, „Wie," sprach der Jude, „kann gerade ich diles ausführen, ich bin doch dort ebenso fremd wie ihr und habe keine Ahnung, wohin ich mich wenden soll!" Da riefen diese ihm zu, „wohßni immer du gehst, du bist als. Jude nirgends fremd"! Wenn diese Geschichte des Midrasch sich nun wohl auf ein viel Höheres bezieht, alis auf das Banale der jüdischen Restauration, wo id'er Jade sich nicht fremd! fühlt, weil er sich dort mit gleichgiesinjiten Glaubansbrüdern zusammenfindet, so bleibt es doch nicht minder wahr und das Vulgäre des ganzen behandelten Sujets schwingt sich hoch hinauf zu großartiger weittragender Bedeutung. Aliso in Travemünde SM es kein jüdisches Restaurant, also auch keinen gesellschaftliiichen Anschluß, dias wäre aber für diesen auf einen Tag berechneten Ausflug igar <nibht.nötig; was wir suchten war die Ostsee, «las Meier. Umd dias Meer, noch so oft gesehen, ist immer überraschend, es wirkt immer

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