Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 29 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Deulschösterreichische Wochenschrift für Jüdische Interessen mit dem Beiblatt: VerOttentnchungen der „Union deutschösterrelchischer Juden Redaktion und Administration: Wien BI., HelnesiraAe 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 18. Juli 1924. Nummer 29 Wer sind die Verräter? Die blutigen Vorfälle bei dem Arbeiterturnfest in Klosterneuburg sind von zwei Seiten zu beurteilen, von der rein menschlichen und von der politischen. Bei der ersten Betrachtung wird sich dem human empfindenden Teil der Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession ein Schrei des Entsetzens entrungen haben, als es bekannt wurde, daß ein wohl von einer politischen Partei, jedoch lediglich zur Volksbelustigung. veranstaltetes Fest durch das wähnwitzige Treiben unreifer Hakenkreuzbuben einen blutigen Abschluß gefunden hat. So ist es erklärlich, daß beinahe in sämtlichen Blättern, selbstverständlich mit Ausnahme derjenigen, die mit diesen Hakenkreuzbuben allzueng liiert und Geist von ihrem Ungeiste sind, die frevelhafte Tat mit einhelliger Entrüstung verdammt wurde und von den maßgebenden Behörden die geeigneten Schritte verlangt wurden, damit eine Wiederholung solcher Vorkommnisse ein für allemal unmöglich gemacht wird. Dieser Entrüstungssturm ist aus der Psyche Oesterreichs und seiner Bewohner zu verstehen. Dieses Land, das als eines der gemütlichsten in Europa in schlechtem Sinne verrufen war und ist, dokumentiert seinen Volkscharakter in gutem Sinne in der Abweisung solcher Taten, die diesem Charakter nicht entsprechen. Es wäre nur darauf zu verweisen, wie einhellig das Attentat an dem Bundeskanzler Dr. Seipel verdammt wurde, und dies wieder ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit. ~~ So kam es, daß, als im Nationalrat diese Freveltat zur Sprache gelangte, sie von den Rednern sämtlicher Parteien zurückgewiesen wurde und sich diese denkwürdige Sitzung" in Anbetracht der Entrüstungseinhelligkeit zu einer wahrhaft imponierenden gestaltete. Ebenso schloß sich an die dringliche Anfrage der SozialT demokraten wegen der Vorfälle in Klosterneuburg keinerlei Debatte, ja es heißt sogar, daß der großdeutsche Vizekanzler Dr. Frank, an den diese Anfrage gerichtet wurde, dieselbe in einem günstigen Sinne erledigen wird. Er muß es tun, denn wenn er den berechtigten Forderungen der Sozialdemokraten auch nur im geringsten entgegentritt, so verliert er und seine Partei noch die letzten der wenigen Anbänger, die auf das großdeutsche Dogma schwören. Selbst diese Leute würden, und hier sprechen wir nicht als optimistische Schönfärber, aufhören, einem Vizekanzler der Republik Deutsch-Oesterreich Gefolgschaft zu leisten, der, wenn er die Vorfälle am Blutsonntag auch nur halbwegs zu entschuldigen sucht, damit beweisen würde, daß er wohl Teutscher im Sinne Ludendorffs, aber nicht Oesterreicher im Sinne des Charakters dieses Landes ist, Die Bürger dieses Staates wollen, dies hat die allgemeine Zurückweisung der blutigen Vorfälle wieder bewiesen, „ihre Ruh' haben", sie wollen die blutigen Jahre des Menschengemetzels «vergessen und nicht durch Ereignisse daran gemahnt werden, die sowohl was ihre Urheber als auch was ihre Folgen anbelangt en miniature zu betrachten sind. Die politische Seite der Angelegenheit ist eine nicht so vom allgemeinen Standpunkt zu betrachtende; hier scheidet sich das Individuum und' die Gesamtheit leider doch nach der Parteizugehörigkeit. Und da wären vor allem diejenigen herauszugreifen, die die blutigen Vorfälle in Klosterneuburg verursacht haben, die es bewirkten, daß an der Affäre gänzlich Unbeteiligte, die die wieder spezifisch österreichische Neugierde auf den Schauplatz getrieben hat, denselben mit schweren Verwundungen verlassen mußten, wobei aber auch die Hakenkreuzler wohl von Glück sprechen können, daß diese Neugierigen ihre Wißbegierigkeit nicht mit dem Leben bezahlten. Wäre es, was Gott verhüte, dazu gekommen, dann hätten die Hakenkreuzler wohl mehr Lehrgeld gezahlt, als sie es diesmal zahlen werden. Diese Herrschaften haben durch ihre Heldentaten vom Blutsonntag bewiesen, daß eigentlich ihr ganzes Sinnen und Trachten ein lügenhaftes ist. Fortwährend posaunen sie in alle Weit, die auf der einen Seite mit offenem Munde aufhorcht und auf der anderen Seite sich feige duckt, daß" ihr Kampf lediglich gegen diejenigen gerichtet ist, die unser Land in habgieriger Weise ausbeuten und ausrauben, gegen die Juden. In ihrer Presse hetzen sie schamlos gegen diese Verräter an der deutschen und an der österreichischen Sache, kommt es aber zu Taten, so sind sie die ersten, die diese Sache, die sie angeblich zu verteidigen suchen, verleugnen, indem sie die Ruhe und Ordnung dieses Staates gefährden. Auf eine Weise gefährden, die sie, wenn auch zum Großteil nicht aus persönlicher Erfahrung, im Weltkriege gelernt haben. Beinahe dieselben Waffen, die in diesem Kriege zur Ausrüstung des Frontsoldaten gehörten, führen sie auf ihren angeblieh so harmlosen und lediglich der Uebung gewidmeten Ausflügen mit sich und es ist gar nicht verwunderlich, daß auch das abscheulichste aller Kriegswerkzeuge, das Dum-Dumgeschoß, zu ihrem Rüstzeug gehört und bei ihnen gefunden wurde. Sie benützen es, wie sie sagen, für ihre Uebungen. Ist es aber, wenn man über alles andere hinwegsieht, nicht auffallend, daß für diese harmlosen „Uebungen" ein Geschoß verwendet wird, das selbst im Weltkriege auf Grund eines völkerrechtlichen Uebereinkommens verpönt war und dessen Benützung, die