Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 28 (11.7.1924)
- Date
- 1924-07-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 28 Jüdische Boxer. Die Zeitschrift jüdischer Frontsoldaten „Der Schild" (Berlin) hat aus einem deutschen Sportblatt Mitteilungen über jüdische Boxer des 18. und 20. Jahrhunderts übernommen, die an sich wohl interessant sind, aber für die Judenheit als solche mäßigen Ruhm bedeuten, denn ihre Eigenart liegt wenig in der Geltendmachung brutaler physischer Kraft und rücksichtsloser Roheit, ohne die das Faustkampigewerbe nicht ausgeübt werden kann und deshalb auch nur in engeren speziellen Kreisen Sympathien findet. Sofern es dem „Schild" um den Nachweis zu tun war, daß es den Juden an persönlichem Mut nicht fehlt, ist diese Tatsache durch den Weltkrieg hinreichend attestiert. Immerhin dürfte es der großen Oeffentlichkeit kaum bekannt sein, daß schon im Jahre 1762 Daniel Mendoza (Mendoza the Jew) Meisterboxer in England war. Ein anderer Jude, D u t sch Sam, recte Samuel Elias, war wegen seiner harten Schläge gefürchtet und nicht zu besiegen. Er wirkte 1801—14. Noch heute soll es in England viele berufsmäßige Boxer geben wie die Brüder B1 o o m i i e 1 d, die sogar ihren eigenen Klub, den Judean Club, bilden. Gegenwärtig zählen Battling L ew i n s k y, Benjamin Lennert (Leonard) und Jack J o h nson (Noah Brusso) zu den bekannten jüdischen Boxerchampions. Diese Tatsachen sind jedenfalls geeignet, die Legende von der jüdischen Rassenminderwertigkeit schlagend zu widerlegen. Das Hakenkreuz — ein Freimaurerenblem. Vor 21 Jahren brachte das Wiener „Deutsche Volksblatt" — heute erscheint es nur mehr als gewerbliches Wochenorgan — eine Nachricht der tschechischen Revue „Rozhledy", laut welcher der im Jahre 1899 verstorbene Ol mützer Domherr Graf Premerstein deshalb als „Freimaue r" bezeichnet wurde, weil er sich auch geheime Enbleme auf seinen Grabstein habe setzen lassen. Demgegenüber, berichtete das „Volksblatt" weiter, stellte der Olmützer „Nasinec" fest, daß die in Frage stehenden mysteriösen Zeichen auf dem Grabstein des Domherrn mit dem Freimaurertume nichts gemein haben, sondern alchimistischen Schriften entnommen sind, mit denen sich der Verstorbene sehr viel beschäftigt habe. Wörtlich schreibt dann das „Deutsche Voksblatt": „Ein anderes Blatt, „Morava" weist darauf hin, daß sich ähnliche Zeichen auch in den Katakomben vorfinden und beruft sich dabei auf das Werk des berühmten Katakombenforschers Rossi. Das angebliche FreimaurerembJem auf den Grabstein des Domherrn hat folgende Form: * und soll einfach nur eine andere Darstellung des Kreuzes sein." Weiters meldet das „Deutsche Volksblatt", daß über Auftrag des Olmützer Erzbischofes Kohn dieses Zeichen vom Grabstein des Domherrn Fremerstein entfernt worden ist. Zwei Admirale. Die sonst nicht leicht zu bluffenden „Eisernen Blätter" des Dr. Traub brachten gleichwohl in ihrer Nummer 48 folgendes Schreiben des englischen Großadmirals Lord John Fisher an den Großadmiral von Tirpitz zu des letzteren Verabschiedung im März 1916: „Lieber alter Tirps! Nun sitzen wir beide im gleichen Boot! Wie lange waren wir nicht Kollegen, alter Knabe! Aber mit den Schlachtkreuzern waren wir Euch über, und ich weiß, daß Sie schworen, mir nie zu verzeihen, als sie auf den Grund gingen. „Blücher" und von Spee mit seiner ganzen Schar! Kopf hoch, alter Junge! Sagen Sie „Resurgam"! Sie sind der einzige deutsche Seemann, der sich auf den Krieg versteht! Töte deinen Feind, ohne selbst getötet zu werden! Ich tadle Sie nicht wegen des Unterseehandwerkes! Ich würde selbst das gleiche getan haben, aber unsere Idioten in England wollten mir nicht glauben. Wohlan denn! Der Ihrige, bis die Hölle gefriert!" Auch der mit den; Verhältnissen! minder Vertraute wird darüber im klaren sein, daß der Fisher-Brief ein Reinfall war. Es ist eben ganz undenkbar, daß ein englischer Patriot wie Lord Fisher dem grimmigsten Englandhasser Tirpitz ein Beileidschreiben sendet und gar in solchem Stil, der sich die Wendung von „unsern Idioten in England" und „der Ihrige, bis die Hölle gefriert" leistet. Hatte der englische Kamerad aber doch solcherart geschrieben, dann müßte er sich vorher einige scharfe Grogs geleistet haben. In einem solchen Falle wäre er aber für das Ganze nicht verantwortlich. Theater, Kunst u. Literatur | rw*———~»n——tut——■ i—Ii miii iwimniiiiii t\m» ■»■■um r^^--^,«^;,gwm'"''«^"'^>l Gastspiel des amerikanisch-jüdischen Kunsttheaters von New-York. Jiddische oder jüdische Kunst — der Unterschied liegt bloß in der Schreibweise — hat die Aufgabe, die leidvollen und freudvollen Regungen, alle Tiefen und Weiten der jüdischen Seele zu offenbaren. Geschieht dies von der Bühne herab, dann liegt die Darstellung jenseits aller Theaterschulen, .Vortragsmeister und herkömmlichen Stilgesetzes. Die Künstler schaffen aus eigenem Empfinden ein Werk, auf daß es mit „urkräftigem behagen die Herzen aller Hörer zwingt". So wirkten auch Gäste aus New-York im Carltheater mit ihrer Antrittsvorstellung vorigen Freitag vormittags. Sie gaben „Tewje, der Milchmann", angeblich eine Tragikomödie nach einem Thema der primitiven russischen Dorfjuden, auf billige Stimmungsmacherei zugeschnitten. Uebrigens nebensächlich. Nicht was, sondern wie sie spielen, ist der Prüfstein der Begabung. Und da erkannte man die Größe dieser Talente. Morris Schwär z, der Träger der Titelrolle, führt seine Gruppe als Charakterdarsteller, dem auch die westliche Kollegenschaft kaum etwas Ebenbürtiges zur Seite stellen kann. Wolf Goldfaden ist ein diskreter Komiker und Intrigant. Die Damen können nicht als das schwache Geschlecht angesprochen werden. Frau Bine Abramowitsch, die ein öder Witzling als die „Werbezirk des Ostens" bezeichnete, fand ergreifende Töne des wohlwollenden Herzens. Anna Appel ist eine gereifte Tragödin und die kleine Bertha Gersten wandelt in ihren Spuren. Auch sämtliche .Episodendarsteller befriedigen durch maßvolles vorzügliches Spiel. Das in allen Räumen volle Haus spendete reichen ehrlichen Beifall, was mangels der Berufsklaque um so höher zu werten ist. Auch jene Anwesenden anderer Sprache' und anderen Stammes, die berufsmäßig der Vorstellung beiwohnten, anerkannten rückhaltslos die hohe Klasse der amerikanischen Gäste. Es war hier mehr als eine Premiere, es war ein Erlebnis. 60. Geburtstag. Heinrich Glücksmann, der Dramaturg des Deutschen Volkstheaters, feierte vor kurzem seinen 6ü. Geburtstag. Die Bühne am Weghuber-Park, mit der er in drei jahrzehntelanger Arbeit verwachsen ist, hat ihn durch eine intime Feier geehrt, ihn, der mit einem Großteil der Wiener Künstler durch herzliche Freundschaft und geistige Seelen- und Interessengemeinschaft auf das engste verbunden ist. Der Bürgermeister der Stadt Wien hat ihn in einem Glückwunschschreiben der Verehrung aller Literaturbeflissenen und -Berufenen versichert. Der Jubilar, der den Sechziger so rostig erreicht, der auf eine reiche Vergangenheit zurückblickt, ist jung und aufrecht geblieben. Auf dem Höhepunkte seines Lebens steht er heute inmitten einer Schar von Freunden, die ihm ein herzliches Glückauf zu seinem weiteren Schaffen zurufen. Bialik — Kandidat für den Nobelpreis. Wie „Jewish Chrönicle" erfährt, gilt der hebräische Dichter C h a i m Nacliman Bialik als erster Kandidat für den Nobelpreis für Literatur. Die Uebersetzungen seiner Gedichte ins Schwedische durch den Stockholmer Oberrabbiner Ehrenpreis haben Bialik in Schweden so bekannt und beliebt gemacht, daß die bedeutendsten Publizisten und Literaturhistoriker sich für eine Auszeichnung Bialiks mit dem Nobelpreis einsetzten. Ein jüdisches Museum im herzoglichen Palais zu Mantua. Die Direktion des herzoglichen Palais der Stadt Mantua hat alle diejenigen Bürger, die alte jüdische Kultusgegenstände von künstlerischem Charakter oder historischer Bedeutung besitzen, aufgefordert, sie einem zu gründenden jüdischen Museum zur Verfügung zu stellen. Das Museum hat den Zweck, ein Bild von den alten, so sehr interessanten religiösen Bräuchen zu bewahren. Der Einladung wurde entsprochen und es sind schon eine Reihe sehr interessanter Gegenstände gesammelt; so u. a. ein prächtiges durchsichtiges Pergament (eine wahrscheinlich aus der Zeit um 1500 stammenae Arbeit), auf dem eine Kethuwah (Heiratsvertrag) geschrieben ist, ferner zwei Sederschüsseln, mehrere antike Buchausgaben usw. M. Marquardt. Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart. Die Verfasserin war als Sekretärin während seiner letzten 13 Lebensjahre in der Lage, eine Fülle kennzeichnender kleiner Chraicterzüge zusammenzustellen, die sein Lebensbild in willkommener Weise ergänzen. Sein Judentum wird nur gestreift. Daß ein ganzer Druckbogen in dem vorliegenden Exemplare fehlte, wirkt sehr störend. Sonst ist das fesselnd geschriebene Buch als Beitrag zur Gelehrtengeschichte und als menschliches Dokument warm zu empfehlen. R.