Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 28 (11.7.1924)
- Date
- 1924-07-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Offizier der Ehrenlegion in Würdigung seiner mehr als fünfzigjährigen verdienstvollen Tätigkeit in seinem hohen Amte. Politische Lügen. Wir haben vor kurzem die Nachricht eines deutschen Telegraphenbüros glossiert, wonach Herriot energisch gegen die deutschen Turnvereine aufgetreten sei, ohne an der Richtigkeit dieser Meldung zu zweifeln, wozu wir gar keine Veranlassung hatten. Nun liegen aber die französischen Zeitungen vom 15. Juni vor uns. Da finden wir im „Gaulois" die Declaration, die Herriot durch die „Agence Fournier" veröffentlicht hat. Da heißt es: „Nous ne voulons pas, qu'une Allemagne, desarmee d'apres ses effectifs officiels, prepare en secret, ousous le couvert de Societes patriotiques, toute une jeunesse qui n'attendrait qu'un Signal pour constituer une armee redoutable". Also kein Wort von deutschen Turnvereinen! Aber eine klare Erklärung gegen die „vaterländischen Verband e". Die Telegraphenbüros haben an alle deutschen Zeitungen eine Uebersetzung geliefert, die eine einfache Fälschung war. Der Vorfall, an sich unwichtig, ist typisch für jenes skrupellose System der politischen Lüge, das in Deutschlang jetzt gang und gäbe ist. Die Saat geht auf. Die Angeklagten des Frankfurter Synagogenattentats hat die verdiente Strafe getroffen.- Aber die Saat, die sie gesät haben, geht auf. Anfangs voriger Woche kam es — wie wir in unserer letzten Nummer meldeten — zu Gewalttätigkeiten gegen die Besucher eines Berliner Bethauses. Der Krawall nahm seinen Anfang, als einige radaulustige Burschen einen alten jüdischen Mann mit langem Barte am Eingang des Hauses stehen sahen, auf dessen Hof sich der Betsaal befindet. Sie griffen ihn an, zerrten ihn am Barte in den Hausflur und schlugen ihn blutig. Der Geschlagene konnte sich schließlich losreißen und in den Betsaal flüchten. Dabei hatte sich eine Menschenmenge angesammelt (in Ider;die meisten offenbar gar nicht wußten, was vorgegangen), die nun gegen den Betsaal anstürmte, dessen Insassen jedoch durch einen hinteren Ausgang flüchten konnten. Inzwischen hatte der Sohn des geschlagenen alten Mannes draußen von dem Ueberfall auf seinen Vater gehört und drängte sich durch die Menge, ihm beizustehen. Nun wurde auch er angefallen und geschlagen. Als aber im selben Augenblick eine zwei Mann starke Streife der Sipo erschien und nun die Menge flüchtete, konnte er denjenigen, der ihn überfallen, sofort den Sipo-Beamten zeigen und sie um die Feststellung des Täters ersuchen. Das hatte keinen Erfolg. Und nur dadurch, daß Zivilisten den Täter verfolgten und ihn mit zwei anderen am Krawall Beteiligten dem inzwischen benachrichtigten und herbeigekommenen Ueberfall-Kommando übergaben, gelang die Feststellung. Sehr merkwürdig ist, w i e die Feststellung dann vor sich ging. Die drei Ergriffenen wurden zur Polizeiwache in der Alten Schönhauser Straße gebracht. Aber als der Ueberfallene sich sogleich mit auf die Wache begab, um die Personalien des Mannes, der ihn mißhandelt, zu erfahren, wies man ihn schroff ab. Schließlich sagte man ihm, er solle in einer halben Stunde wiederkommen. Als er dann kam, waren die Arretierten schon wieder entlassen. So war es ihm nicht möglich, die Personalien desjenigen, der ihn mißhandelt, und gegen den allein er gerichtlich vorgehen kann, zu erfahren. Mit drei Adressen in der Hand kann er nun eine Art Glückspiel beginnen und versuchen, den Richtigen vor den Richter zu zitieren. Einstein wieder im Völkerbundsausschuß. Der Völkerbundsrat hat Einstein wiederum zum Mitglied der Kommission für internationale geistige Zusammenarbeit ernannt. Die Nachricht, daß Professor Einstein aus der Kommission für geistige Arbeiten aus dem Völkerbund ausgeschieden sei, übte seinerzeit eine sehr große niederschmetternde Wirkung auf die Intellektuellen Europas aus; denn Einstein ist ganz besonders in der Lage, die Brücke zwischen Frankreich und Deutschland auf geistigem Gebiete wieder herzustellen. Man darf es nicht vergessen, daß Professor Einstein nach dem Kriege als erster Professor aus Deutschland in der Pariser Sorbonne Vorlesungen gehalten hat und diese Vorlesungen einen glänzenden Widerhall in Europa und Amerika gefunden haben. Die Intellektuellen der ganzen Welt werden es mit großer Freude begrüßen, daß Professor Albert Einstein wieder in kürzester Zeit sich an den Arbeiten des Völkerbundes resp. an den Arbeiten der gesamten Knlturwelt beteiligen wird. Prof. Dr. Einstein teilt nun dem Berliner I. T. A.-Vertreter das Folgende mit: „Vor einiger Zeit bin ich von einem mir befreundeten Mitglied der Kommission für internationale geistige Arbeit angefragt worden, ob ich nunmehr unter den geänderten Verhältnissen eine Wahl annehmen würde." Ich antwortete ebenso privatim, daß ich jetzt bereit wäre, eine auf mich gefallene Wahl anzunehmen. Bis heute habe ich offiziell keine Verständigung über die erfolgte Ernennung erhalten." Es ist anzunehmen, daß die Verständigung inzwischen erfolgt ist. Hat es 1722 schon ein Telephon gegeben? Unter dieser Ueberschrift schreibt die „Wiener Morgenzeitung" vom Samstag, den 21. Juni: Einen sehr interessanten Fund hat der jüdische Publizist S. Talpiot in Montreal gemacht, der hierüber iu der „Jewish Gazette" in New-York berichtet. Im dritten Band des Responsen-Werkes „Schewut Jakob" fand Talpiot unter dem Paragraph 31 eine Frage, die in Uebersetzung wie folgt lautet: „ . . . . und im besonderen bezüglich gewisser Apparate, die speziell zum Sprechen gemacht wurden und die Stimme viele Meilen weit hören lassen. Ein Mensch kann aus der Ferne mit seinem Freund sprechen. Soll das Sprechen durch diese Apparate am Sabbat verboten werden? Wir haben bisher allerdings nichts gehört, daß jemand gegen die Benützung dieses Apparates am Sabbat etwas auszusetzen gehabt hätte." Ferner heißt es in der „Wiener Morgenzeitung": Der Autor des Werkes „Schewut Jakob" ist der berühmte Rabbiner von Metz, Jakob Reiseher, der Autor vieler halachischer Werke. Er starb im Jahre 1733 und die oben zitierte merkwürdige Frage ist vom Jahre 1722 datiert .... Welcher Art war nun jener Apparat und so nebenbei mag wohl auch die Frage nicht uninteressant sein, wie es komme, daß die streng orthodoxen Juden unserer Tage die Benützung des Telephons am Sabbat verpönen, während der Gaon Jakob Reise her aus Metz zu Beginn des 18. Jahrhunderts gegen die »ß e u i't t z u n g eines Fernsprechers am Sabbat nichts einzuwenden hatte. Diese Frage ist unschwer zu beantworten. Jeder telephonische Anruf ist bekanntlich mit der Erzeugung von elektrischen Funken verbunden, was am Sabbat streng verboten ist, wie etwa die Erzeugung (Anzünden) eines elektrischen Lichtes. Der „Apparat", von dem der gelehrte Verfasser des „Schewut Jakob" spricht und dessen Benützung am Samstag er gestattet, war keineswegs auf elektrischer Grundlage beruhend. Welcher Art dieser „Apparat" war, ist schwer zu sagen, da mir das genannte Responsen-Werk nicht zur Verfügung steht. Iis dürfte sich dort offenbar um „Maschinin Kaul" (die Erzeugung einer künstlichen Stimme) handeln, die Rabbiner Jakob Reischer in diesem Falle gestattet. Bei unseren Apparaten handelt es sich, wie erwähnt, um ganz etwas anderes. Dr. Felix Kanter (Zwittau, Mähren). Die Ermordung Prof. Dr. De Haans. Ueber dieses tijf beklagenswerte, die gesamte Oeffentlichkeit beschäftigende Ereignis bringt das Agudas Jisroel Pressebüro einen ausführlichen dokumentarisch belegten Bericht, dem zu entnehmen ist, daß hier ein politischer Mord verübt wurde, hervorgegangen aus den grundsätzlich verschiedenen Auffassungen in der Palästinafrage. Dr. Haan, der ursprünglich als Zionist nach Erez Jisroel gekommen war, sagte sich bald von dieser Partei los, als er wahrnehmen mußte, daß deren Programm die Palästinabewegung schädige, wandte sich der orthodoxen Partei zu, die nach einem Verständnis und friedlichem Zusammenleben mit den Arabern strebte. Aus diesen Gegensätzlichkeiten, die sich im Laufe der Zeit stetig verschärften, ist es, nach Darstellung des A. J. P. B., schließlich zum Morde an Dr. Haan gekommen. Ahnenstolz. Unter dieser Spitzmarke schireibt die „Jüdisch-liberale Zeitung": Eine Vereinigung der „Freunde jüdischer Familienforscher" hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Erhaltung und Bewahrung jüdischer Familienurkunden einzutreten und das Interesse an der Geschichte der eigenen Familie zu beleben. Es ist geplant, zunächst ein Archiv sämtlicher bereits vorhandenen Familiengeschichten, Chroniken, Stammbäume und Biographien zusammenzubringen und dieses Archiv später der Bibliothek der jüdischen Gemeinde Berlin anzugliedern." Daß manche jüdische Familien ihren Stammbaum bis auf König David zurückleiten wie die Frankels, andere sogar, die Kohns, bis auf den hohen Priester Ahron, ist bekannte Tatsache. Gleichwohl möchten wir die Anregung der Gründung einer solchen Vereinigung auch der österreichischen Judenheit empfehlen. Es würde sich eine Ahnengalerie ergeben, die es mit den aus der Raubritterzeit stammenden arischen Blaublütern getrost aufnehmen könnte.