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Die Wahrheit · 1924-07-11 · Heft 28 (11.7.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 28 (11.7.1924)
Date
1924-07-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 Sein oder Nichtsein Deutschlands zu entscheiden. Dieser Erkenntnis dürfte sicli seine Regierung nicht verschließen. Sie handelte einfach unter einer Zwangslage, als sie die Militärkontrolle annahm. Unter der gleichen Zwangslage wird voraussichtlich auch die Dawesforderung angenommen werden, vor der sich heute noch jeder Patentdeutsche wie vor dem Gottseibeiuns bekreuzt. Aber schließlich niemand kann vollendete Tatsachen aus der Welt schaffen oder gegen den Strom schwimmen. Das unglückselige junge Deutschland unter dem Hakenkreuz wird über kurz oder lang daran glauben müssen. Ein Querkopf. Das ist offenkundig der Macher der „Reichs-Sturmfahne" Alfred Roth. In seinem Blatte vom 28. v. M. erbost er sich über unsere kürzlich gebrachte Notix „Die biederen Tiroler" und will herauslesen, daß zufolge des Judenstreiks der Fremdenstrom in Tirol versiegte. Viel Ehre für die Juden, wenn ihr Beispiel aneifernd bei Engländern, Amerikanern und sonstigen Ausländern wirken konnte. Der Reichssturmfahnenschwinger blödelt dann weiter: „Die Juden wollen offenbar auf die antisemitischen Sommerfrischen denselben Druck ausüben, wie sie ihn gegennationale Zeitungen anwenden, denen sie durch den Anzeigenstreik beikomm-en möchten. (Wie doch? Die nationalen Blätter erklären ostentativ, daß Anzeigen von Juden grundsätzlich nicht angenommen werden. Da bedarf es doch nicht erst eines Judenstreiks.) Vielleicht streiken nächstens zur Abwechslung auch mal die jüdischen Kommunistenführer und Börsenjobber. Das wäre so schön, einfach nicht zum Ausdenken! Jedenfalls leuchtet uns ein Hoffnungsschimmer, daß die Juden eines Tages ihre Volksgenossen vom Besuch des „antisemitischen" Reichstages abhalten und dadurch ihren ehrlichen Willen zum Wiederaufbau Deutschlands endlich einmal beweisen." Zur Entschuldigung des Querkopfs Alfred Roth wollen wir annehmen, daß er noch nicht vierzig Jahre zählt. Vor diesem Alter werden sprichwörtlich die Schwaben nicht gescheit. Beilegung der Affäre Stricker—Bettauer. In der am 4. d. M. stattgefundenen Verhandlung, die wieder in dem Gebäude des Strafbezirksgerichtes I stattfand, wurde die Angelegenheit Stricke r—B e 11 a u e r durch eine Erklärung des letzteren beigelegt. Für diese Verhandlung hatte sich im Publikum ein besonderes Interesse gezeigt und bereits lange vor dem für 10 Uhr festgesetzten Beginn der Verhandlung waren die Korridore vor dem Verhandlungszimmer so dicht gefüllt, daß sie geräumt und durch Gerichtsdiener abgesperrt werden mußten, um für Richter, Zeugen und Journalisten eine freie Zirkulation zu ermöglichen, die trotz all dieser Maßnahmen sehr behindert war. Um 10 Uhr eröffnete Landesgerichtsrat Dr. Manfred A r j e die Verhandlung, zu der folgende Zeugen erschienen: Redakteur Schulz vom „Tag", Direktor Sigmund E p 1 e r, Chefredakteur Julius L ö w y der „Wiener Morgenzeitung", Herr Karl Franz Bond y. der volkswirtschaftliche Redakteur der „Wr. Morgenztg." Dr. Max Rosenberg und Redakteur Dr. Siegfried Schmitz des gleichen Blattes. Nur Präsident Sigmund Bösel war nicht erschienen, da er in dringenden Angelegenheiten sich nach Kattowitz begeben mußte. Alle von der Klagevertretung geführten Zeugen bewiesen in mehr oder minder, präziser Form, daß Ing. Robert Stricker den gegen Bösel gerichteten Angriffsartikeln der „Wiener Morgenzeitung" vollkommen ferne stand, zumal er selten mit dem Blatte direkt in Berührung komme: der Autor der beiden Artikel, Herr Dr. Rosenberg, behauptete sogar, in seiner beinahe zweijährigen Tätigkeit bei der „Morgenzeitung" Herrn Stricker im ganzen acht- oder zehnmal gesehen zu haben. Auch Herr Chefredakteur Julius Löwy betonte, daß Stricker oft wochenlang nicht in der Redaktion der „Morgenzeitung" erscheine und er vom Standpunkt der Redaktion es bedauere, daß er „eine Feder von solchem Temperament nicht jeden Tag zur Verfügung habe". Nachdem also nachgewiesen wurde, daß Stricker den beiden Angriffsartikeln vollkommen ferne stand, war der Beweis dafür, daß er mit Hilfe dieser Artikel eine Erpressung an dem Präsidenten der Unionbank. Sigmund Bösel, verübt habe, wohl völlig unmöglich. Deshalb gab Bettauer, respektive sein Anwalt Dr. Braß, der statt des Rechtsanwaltes Dr. Schnepp intervenierte, folgende Erklärung ab: „Ich habe mich durch die Ergebnisse des Beweisverfahrens überzeugt, daß die von mir gegen den Privatkläger, Herrn Ing. Robert Stricker, erhobenen Beschuldigungen jeder Grundlage entbehren und unbegründet sind. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß ich gar keinen Grund habe, dem Privatkläger irgend etwas Unanständiges und Ehrenrühriges vorzuwerfen. Ich bedauere daher die Vorfälle, indem ich die von mir getanen Acußerungcn zurücknehme und ersuche den Privatkläger um Entschuldigung." Mit dieser Erklärung ist die Angelegenheit hoffentlich endlich aus der Welt geschafft und die Gerüchte, die sich auf die Gerichtsverhandlung zu stützen glaubten, werden nach der Beendigung derselben wohl verstummen. Die Millionärmörder von Chicago. Wie der Wiener I. T. A.-Vertreter erfährt, hat die Hearst-Presse dem berühmten Wiener Psycho-Analitiker, Professor Freud, eine Riesensumme geboten, daß er nach Chicago kommt, um über den Geisteszustand der Studenten Leopold und Loeb, Söhne zweier jüdischer Millionäre in Chicago, die angeklagt sind, den Sohn eines dritten jüdischen Chicagoer Millionärs, ermordet zu haben, ein Gutachten abzugeben. Dieser Fall hat in Amerika ungeheures Aufsehen erregt. Die Mörder erklärten, daß sie als Medizinstudenten den Mord aus wissenschaftlichem Interesse begangen haben. Professor Freud hat das Anerbieten wegen seines schlechten Gesundheitszustandes ausgeschlagen. Professor Freuds Befinden ist tatsächlich ein solches, daß man in seinen Freundeskreisen in Sorge ist. Der ungedruckte Talmud. Vor kurzem spielte sich in Davos folgende amüsante Geschichte ab. Ein gewisser Herr Mathis-Olgiati, von Beruf Weinhändler, verbreitete sich im Restaurant „Helvetia" über politische Fragen. Dabei zog er auf die Juden los, die alles Unglück dieser Welt auf dem Gewissen hätten und dafür verantwortlich seien. Der schlüssigste Beweis ihrer verderbten Gesinnung ist der Talmud. Alle Völker publizieren ihre Gesetze, nur der Talmud ist bis jetzt' nicht im Druck erschienen; man weiß, warum! Da antwortete ein Herr Scholer: „Dummes Zeug! Ich beschaffe filmen so viele gedruckte Talmudexemplare, als Sie wollen." Herr Mathis glaubt nicht daran und verspricht Scholer tausend Franken für ein Exemplar. Diese tausend Franken werden vielfach wieder hereinkommen, wenn er erst Auszüge aus dem Talmud verbreiten könne. Abgemacht! Kurz darauf erscheint Herr Scholer mit einer Kiste dicker Folianten in hebräischem Original und deutscher Uebersetzung in Davos und fordert vom Besteller die tausend Franken. Nun will Herr Mathis-Olgiati plötzlich von dem „Judengesetze" nichts wissen und muß vor den Richter, angeklagt auf Anerkennung und Bezahlung eines Betrages von 1000 Franken. Popper-Lynkeus über Einstein. Im Jänner 1920 besuchte Professor Albert Einstein anläßlich seiner Anwesenheit in Wien den Philosophen Popper-Lynkeus. Es war eine Gesellschaft von drei Personen bei dem Gespräch anwesend. Dieses drehte sich um physikalische Fragen. Beim Abschied sagt Popper zu Einstein: „Bleiben Sie standhaft — auch in der Judenfrag e." Nachdem Einstein gegangen war, sagte Popper, auf den die Person des großen Physikers einen außerordentlichen Eindruck gemacht hatte: „So viel Güte und Sanftmut! Als er he reintrat, habe ich im ersten Moment gemeint — Spinoza! Nur bei den Juden gibt es solche Physiognomien. Bei den Juden nämlich findet man die äußersten Gegensätze. Höchstens noch bei den Italienern könnte man ein solches Gesicht finden, nämlich bei dem italienischen Heiligen Franz von Assisi zum Beispiel." Nach einer Pause sagt Popper: „Ist es nicht etwas Schönes, daß ein Mann, der so Außerordentliches geleistet hat, mir die Ehre erweist, mich aufzusuchen?" Frankreich. Anläßlich einer Kammerdebatte über die Vertretung beim Vatikan äußerte sich Ministerpräsident H e r r i o t betreffs seiner Haltung gegenüber den Glaubensbekenntnissen: „Wenn wir nicht ein Vorrecht für diese oder jene Konfession schaffen wollen, werden wir uns erinnern müssen, daß es die Pflicht Frankreichs ist, gleich mütterlich (maternelle) den Protestanten, Israeliten. Mohammedanern des Landes, wie den überwiegenden Katholiken1 zu begegnen: Einem Zwischenruf von rechts erwidernd fuhr er fort: „In der Tat, es gibt ein Frankreich, das den Katholiken. Protestanten. Israeliten und Muselmännern gehört. Es ist eben das Frankreich aller Franzosen, das seine nationale Herrschaft in dem Gedanken der Brüderlichkeit zwischen allen Glaubensbekenntnissen ausdrückt." In dem Kabinett Herriots bekleiden nicht wenige Juden Ministerstellen und andere hohe Aemter. Leon Meyer, Abgeordneter und Bürgermeister der Hafenstadt Havre, wurde zum Unterstaatssekretär des Marineamtes ernannt: Alexander Israel zum Generalsekretär des Ministerrats; der Professor der Pariser juridischen Fakultät Henry Levy-Ulmann zum Kabinettsdirektor im Justizministerium; Marcel Kohn zum Kabinettchef im Amte des technischen Unterrichts. Auf Antrag des französichen Innenministers wurde der Pariser Großrabbiner

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