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Die Wahrheit · 1924-07-11 · Heft 28 (11.7.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 28 (11.7.1924)
Date
1924-07-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 5 Richard Wagner als Antisemit.*) Von Dr. Hermann H i c b e r. 1. Auf Richard Wagner kann man mit besonderem Recht das Wort aus dem Prolog zum „Wallenstein" anwenden: Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. Zunächst ist seine Kunst mit Entsetzen, mit Schmähungen und Verwünschungen aufgenommen worden. Dann erfolgte der Gegenstoß von selten der begeisterten Anhängerschaft, von den Glasenapp, Wolzogen, Chamberlain und wie sie alle heißen. Die ließen es nicht bei der Beurteilung der Wagnerschen Kunst bewenden, sondern schlössen auch die Persönlichkeit dieses Helden in ihre Lobeshymnen mit ein. Erst seit zehn, fünfzehn Jahren haben etwa einige Eingeweihte, stutzig geworden durch Ereignisse wie Nietzsches' „Götzendämmerung", stutzig geworden auch durch Widersprüche, die sie fanden in Wagners erst dreißig Jahre nach seinem Tode, 1913, herausgegebener Autobiographie „Mein Leben" mit denen seiner früheren Briefe und der „Autobiographischen Skizze" von 1843, die er für Heinrich Laubes „Elegante Welt" geschrieben hatte. Kurzum: man entschloß sich dazu, Wagners Leben unter die kritische Lupe zu nehmen und machte bei der Gelegenheit allerhand für das Haus Wahnfried recht peinliche Entdeckungen. Zu den zuverlässigsten Wagner-Biographen ist Julius Kapp zu zählen, der im Oktoberheft der Zeitschrift „Die Musik" die Beziehungen zwischen Wagner und Meyerbeer auf Grund einer Anzahl bisher unveröffentlichter Briefe an diesen gründlich untersucht und bei dieser Gelegenheit zu ganz anderen Ergebnissen kommt als die offizielle Bayreuther 'Literatenschaft. Der Einzelfall Meyerbeer wiederum erleuchtet scharf und deutlich das Verhältnis Wagners zum Judentum überhaupt und findet in den Beziehungen des Meisters zu Heinrich Heine eine überraschende Parallele: auch über sie sind vielfach noch irrige Meinungen im Umlauf. Daß Wagner, ehe er sich mit dem „Tannhäuscr" und „Lohengrin" enger an Weber und die deutsche Romantik angeschlossen hat. stark im Meyerbeerschen Fahrwasser gesegelt ist, braucht kaum mehr erwähnt zu werden. Im November 1838 wählte der junge Theaterkapellmeister in Riga zu seinem Benefiz denselben ..Robert der Teufel", der bei seinem „Rienzi" Pate gestanden hatte, und 1840 schrieb er einen begeisterten Aufsatz „Ueber Meyerbecrs Hugenotten". Den ersten Brief schrieb Wagner an den gefeierten Pariser Komponisten von Königsberg aus unter dem 4. Februar 1837. Es heißt darin: „Ich habe mich .... vor etwa sechs Jahren für die Musik bestimmt; mich trieb eine leidenschaftliche Verehrung Beethovens dazu, wodurch auch meine erste Produktionskraft eine unendlich einseitige Richtung bekam — seitdem, und besonders seitdem ich in das eigentliche Leben und die Praxis trete, haben sich meine Ansichten über den gegenwärtigen Standpunkt der Musik, und zumal der dramatischen, wesentlich geändert, und soll ich es leugnen, daß gerade Ihre Werke es waren, die mir diese eine Richtung anzeigten? Es wäre hier jedenfalls sehr am unpassenden Orte, mich in ungeschickte Lobeserhebungen Ihres Genius auszulassen, nur so viel, daß ich in Ihnen die Aufgabe des Deutschen vollkommen gelöst sah, der sich der Vorzüge der italienischen und französischen Schule zu eigen machte, um die Schöpfungen seines Genius universell zu machen . . . ." Diese Bewunderungsausbrüche, die in der Bevorzugung Meyerbcers vor Beethoven ihren Höhepunkt finden, sind keineswegs platonischer Natur. Der „universelle deutsche Meister" sollte für die Partitur der Erstlingsoper „Das Liebes verbot" interessiert werden, die Mey erbeers Librettist Scribe den Parisern mundgerecht machen sollte. Wagner wird darin auch recht deutlich: ,.Wie unendlich viel aber meine ganze Laufbahn, ja mein ganzes Leben von Ihnen abhängt, können Sie leicht ermessen, wenn ich Ihnen eröffne, daß mein glühendster Wunsch und alle meine Anstrengung dahin geht, nach Paris kommen zu können, denn ich spüre etwas in mir, was dort gute Früchte bringen müßte ... Ich dachte schon lebhaft an Frankreich und ließ extra des- *) Aus „Die Glocke". Berlin. halb noch nichts in Deutschland drucken. Wäre es denn wohl möglich, das Sujet (des „Liebesverbot") von einem geschickten Mann französisch umarbeiten zu lassen und so der Opera comique zur Aufführung anzubieten? . . . . Mit einem solchen Glücke, wie Sic es mir bereiten können, hängt nicht nur Ehre und äußerer Wohlstand zusammen, sondern es weckt und bildet oft erst Kräfte in uns aus, die wir in unserer schlimmen Lage im lieben Vaterland oft verkümmern und untergehen lassen müssen. Die bloße Notwendigkeit der Selbsterhaltung trieb mich hierher in das unwirtliche und unbedeutende Ostpreußen und hält mich hier fest .... Künstlerruhm kann Ihnen nicht mehr zuteil werden, denn Sie erreichten schon das Unerhörteste; überall, wo Menschen singen können, hört man Ihre Melodien, Sie sind ein kleiner Gott auf dieser Erde geworden . . . Von Ihrem Urteil erwarte ich alles. Ihr in glühender Verehrung ergebener Diener Richard Wagner." Mit diesem wohlberechneten Schreiben, das merkwürdigerweise den „glühendsten Wunsch und die Anstrengungen" des später so urteutsch gewordenen und allen „welschen Dunst und welschen Tand" verachtenden Meisters verrät, in Paris festen Fuß zu fassen, weil dort etwas, \v:\s er „in sich spürt, gute Früchte bringen müßte", führt er sich bei Meyerbeer ein. Zwei Jahre darauf, 1839, erscheint Wagner als seefahrender Flüchtling mit seiner Frau und einem großen, gefräßigen Hunde in Boulogne. stellt sich Meyerbeer persönlich vor und erhält von ihm Empfehlungsschreiben an dessen Verleger Moritz Schlesinger in Paris und außerdem an den Direktor des ,.Renaissance"-Theaters, Joly. Schlesinger hat ihn als Korrektor beschäftigt und übertrug ihm die Anfertigung von Klavierauszügen: außerdem verlegte er seine kleineren Kompositionen, darunter eine französische Uebersetzung der „Beiden Grenadiere", Schlesingers „Gazette musicale" schließlich bot dem hingen Künstler willkommene Gelegenheit zur Veröffentlichung musikalischer Aufsätze. An der Verbindung mit Schlesinger hatte übrigens noch ein zweiter Jude Anteil, Heinrich Heine, auf den wir später zurückkommen. Der „in glühendster Verehrung ergebene Diener-' Richard Wagner wurde mit seinen Hilferufen an Meyerbeer immer dringlicher. Er schreckte dabei auch vor starken Zumutungen nicht zurück: „Sie allein können helfen, indem Sic Joly eine Oper zu schreiben versprechen. Terrorismus ist das einzige Mittel, und Sie. mein verehrter Selbstbeherrscher aller Töne, können ihn aHein anwenden . . . Mit allen Sünden und Schwächen. Not und Jammer empfehle ich mich Ihnen ehrfurchtsvoll, die Erlösung von allem Uebel durch Gott und Sie erflehend. Bleiben Sie mir hold, so ist mir Gott aber auch nahe." Mcyerbecr. der fast immer nur auf der Durchreise in Paris weilte, erreicht es durch warme Fürsprache, daß Habeneck, der Kapellmeister der Großen Oper, Wagners Ouvertüre zum „Kolumbus" in sein Programm aufnimmt, wofür ihm sein Schützling dankt mit den Worten: „Mein Dankgefühl, daß mich gegen Sie. mein hochherziger Protektor, beseelt. kennt keine Grenzen. Ich sehe kommen, daß ich Sie von Aeonen zu Aeonen mit Dankesstamineln verfolgen werde. Die Versicherung kann ich Ihnen geben, daß ich auch in der Hölle noch Dank stammein werde . . . . Ihr mit Herz und Blut ewig verpflichteter Untertan Richard Wagner." Diese Kostproben mögen genügen. Mit weit mehr Beharrlichkeit als der Dank verfolgt den Beherrscher der Pariser Großen Oper Wagners unterwürfige Bettelei. Meyerbeer, den das ,.Stammeln von Aeonen zu Aeonen" gewiß angewidert hat. verwendet sich unermüdlich für seinen Schützling. Als das ..Renaissance'*-Theater, in dem die Proben für das ..Liebesverbot" schon begonnen hatten, plötzh'cb verkrachte, führte ihn Meyerbeer mit dem Direktor der ..Großen Oper". Zicllet, zusammen, dem Wagner den Entwarf zum ..Fliegenden Holländer" einreichte. Er vermittelte außerdem die Bekanntschaft mit Sängern, die für den Vortrag Wagnerscher Lieder in Konzerten in Frage kamen. Meyerbeer, zum königlich preußischen Generalmusikdirektor ernannt, verlegte den Schwerpunkt seines Wirkens von Paris nach Berlin: das bedeutete aber keineswegs ein Erkalten seines Interesses für Wagner, der in Paris zurückblieb. Seinem Eintreten für diesen bei dem Tntendanten v. Lüttichau ist die Annahme des ..Pienzi" in Dresden zu danken, der Anfang 1S43 die Bestellung Wagners zum Hof-

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