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Die Wahrheit · 1924-07-11 · Heft 28 (11.7.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 28 (11.7.1924)
Date
1924-07-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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beitc 4 DIE WAHRMit Nr. 28 i - *! fc .' i!.? U.H J Mi t . i 1 deutung sein, mit ihm in Berührung zu kommen, Herzl konnte natürlich damals nicht ahnen, daß die Macht des Kaiserstums so plötzlich ein Cnde nehmen würde und rechnete daher mit ihr als einem der wesentlichsten Faktoren in der europäischen Politik. Am 23. August 1897 notiert er in sein Tagebuch: „Wir werden also sehen, was der Kongreß bringt Hat er zur Folge, daß die politischen Mächte die Sache in Erwägung ziehen, daß mich beispielsweise der deutsche Kaiser rufen läßt, so werde ich iortarbeiten." Die Beziehungen, die Herzl zum Großherzog Friedrich von Baden besaß, wollte er benutzen, um sieh durch ihn bei Wilhelm IL einführen zu lassen; in diesem Sinne schreibt er am 22. Oktober an den Großherzog. Am 1. Dezember erhält er von diesem einen ablehnenden Bescheid. Im Januar des nächsten Jahres hatte er Gelegenheit, mit dem Chef des kaiserlichen Zivilkabinettes Lucanus zu sprechen. Fr erlangte zwar damals noch nicht die gewünschte Audienz, aber er erfährt, daß der Kaiser über den Zionismus unterrichtet ist. Die Idee aber verläßt ihn nicht mehr," unter Benützung seiner Beziehungen zu Heckler, der wieder protestantisch kirchlichen Kreisen sehr nahe stand, will er es im Mai erreichen. Für die Realisierung seiner Pläne ist es ihm nach wie vor von größter Wichtigkeit. Immer wieder finden wir im Tagebuch Briefentwürfe an den Kaiser eingestreut. Wilhelm IL rüstete zur Palästinafahrt, und das schien für Theodor Herzl der gegebene Augenblick, um weiter zu kommen. Es mutet heute, nach allem, was die Welt erlebt hat, sonderbar an, wenn man in einem solchen Entwurf die folgenden Zeilen liest: „Wenn es mir vergönnt wäre, Ew. Kaiserlichen Majestät über die politischen und sozialen Fragen, welche im Zionismus mitschwingen, mündlichen Vortrag halten zu dürfen, wie vor zwei Jahren Seiner Königlischen Hoheit dem Großherzog — ich glaube, ich würde den genialen deutschen Kaiser für diese prachtvolle Idee der Aermsten erwärmen können."' Im September hat Herzl auf der Mainau eine Audienz beim Großherzog; hier wird nun ausführlich über die Möglchkeit gesprochen, den Kaiser für den Zionismus zu interessieren. Friedrich von Baden hatte hier schon gut vorbereitet. Als Wilhelm anläßlich der Leichenfeier der ermordeten Kaisern Elisabeth nach Wien kommt, hat Herzl Gelegenheit, mit dem Freunde des deutschen Kaisers, Philipp von Eulenburg, der sich sehr für den Zionismus interessierte, zu sprechen. Aber der Gegenspieler ist Graf Bernhard Bülow, der spätere Rechskanzler, der kühl abwartend und ablehnend der Bewegung gegenübersteht. . Die ersehnte Audienz beim -Kaiser erreichte Herzl in Wien noch nicht. Aber Eulenburg arbeitete weiter. Der Kaiser, romantisch veranlagt, wollte Herzl gewissermaßen als Abgesandten des Judenvolkes in Jerusalem empfangen. Als an Herzl dieser Ruf erging, — für die damalige politischen Konstellation etwas Kolossales — weiß er nicht, ob er dem Rufe Folge leisten könne, denn als Lohnsklave der „Neuen Freien Presse" ist es ungewiß, ob er Urlaub erhalten wird. Bei einem Besuch auf dem Landgut des Grafen Eulenburg besteht dieser nachdrücklich darauf, daß Herzl nach Jerusalem komme, um dem Kaiser dort eine Deputation von Zionisten vorzustellen. Wilhelm trage sich mit dem Gedanken eines Protektorates über Palästina. Eulenburg sagte da: „Wir können es nur wollen. Wie es sich später fügt, das steht bei Gott. Wir können heute auch noch nicht wissen, ob wir in der Sache bis zum Ende gehen können. Einen Krieg wird Deutschland wegen der Zionisten nicht führen." Wieder ist es der Großherzog Friedrich von Baden, der Herzl weiter die Wege ebnet. Am 9. Oktober sagt er zu ihm bei einer Audienz im Stadtschloß: „Der Kaiser hat die Sache genau kennengelernt und ist voll von Enthusiasmus. Das Wort sagt nicht zu viel: er ist ganz enthusiastisch eingenommen für Ihre Idee. Er spricht mit großer Lebhaftigkeit davon. Er hätte Sie auch schon empfangen, denn man hat Vertrauen zu Ihnen, aber es wird jetzt erachtet, daß es besser ist, Sie in Konstantinopel und in Jerusalem zu empfangen." — Es ist in hohem Grade reizvoll, in den lierzlschen Memoiren zu lesen, wie die Arbeit Eulenburgs für den Zionismus durch die stark skeptischen Ansichten Bülows gestört wird, der Herzl in Gegenwart des Reichskanzlers Hohenlohe spricht. Indes ist doch das Interesse des Kaisers an der Angelegenheit so stark geworden, daß Bülow ihn nicht hindern konnte, Herzl zu empfangen. Für Herzl ist es nun an der Zeit, so rasch wie möglich die Vorbereitungen für d'"e Reise nach dem Orient zu treffen. Wir übergehen hier die Schwierigkeiten, die Herzl zu überwinden hatte, um in Konstantinopel eine Audienz beim Kaiser zu erreic!-en. In dem Brief, den er in Konstantinopel noch an Wilhelm 11. schreibt, spricht er davon, daß er in „dem Lande Israels" den Kaiser die Abordnung der europäischen Zionisten vorstellen solle. „Gottes Geheimnis liegt über uns in diesen weltgeschichtlichen Stunden. Es gibt kein Bangen, wenn er mit uns ist." Herzl sah in dem Kaiser etwas ganz außerordentliches und war tief davon durchdrungen, daß, wenn dieser sich für seine Sache einsetzte, sie nicht fehlschlagen könnte. Auf dem Schiff nach Palästina iliat Herzl idann den ganzen Verlauf der Unterredung aufgezeichnet. Man empfindet es als peinlich, daß er in diesem Bericht so oft von seiner Kleidung spricht und immer in Sorge war, ob er den richtigen Anzug gewählt habe. Aber er hat wohl nicht mit Unrecht gedacht, daß auch diese Dinge notwendig seien, tun im entscheidenden Augenblick zu wirken. Es ist nicht unmittelbares lnteressse an den Juden, das den Kaiser veranlaßt, sich mit Herzl in ein langes Gespräch einzulassen. Es ist — und das kann gar nicht oft genug betont werden, um nicht eine falsche Einstellung aufkommen /u lassen — immer wieder das Bedürfnis, eine Rolle zu spielen, er gefiel sich in dem Gedanken, den Aufbau Palästinas unter seinen Schutz zu nehmen. Herzl hat sich von der Gewalt seiner eigenen Begeisterung fortreißen lassen und schloß seine Ausführungen mit den Worten: „Ich weiß nicht, bin ich so verrannt, aber die Sache kommt mir als eine ganz natürliche vor." Worauf der Kaiser antwortet (Herzl notiert: „er sah mich mächtig an"): „Mir auch." Die Schwierigkeit bleibt, wie sich die Türkei zu den Plänen stellen wird. Da sagt Wilhelm IL: „Es wird doch wohl Eindruck machen, wenn der deutsche Kaiser sich darum kümmert, Interesse dafür zeigt." Nun hieß es für Herzl, die Ansprache ausarbeiten, die er in Palästina an den Kaiser halten sollte und die Bülow vorher zur Durchsicht vorzulegen bat. Sie mußte durchaus auf die Mentalität Wilhelms abgestimmt sein, für die Herzl eine große Zuneigung empfand. So schloß er mit den Worten: „Ein Kaiser des Friedens zieht mächtig in die ewige Stadt. Wir Juden grüßen Ew. Majestät in diesem hohen Augenblicke und wünschen dabei aus tiefster Brust, daß ein Zeitalter des Friedens und der Gerechtigkeit anbrechen möge für alle Menschen, auch für uns." In Mikweh Israel sprach Herzl den Kaiser einen Augenblick. Die jüdische Jugend der Siedlung begrüßte Wilhelm IL mit „Heil Dir im Siegeskranz". In Jerusalem kam es sodann in dem kaiserlichen Zeltlager zur Verlesung der Ansprache, die vorher noch durchkorrigiert war. Danach zog der Kaiser Herzl in ein Gespräch über die Zukunft des Landes, indem er besonders auf die Notwendigkeit hinwies, Wasser und Schatten zu schaffen. Er schloß seine offizielle Antwort auf die Ansprache Herzls mit den Worten: „Ihre Bewegung, die ich genau kenne, enthält einen gesunden Gedanken." Ein riesiger Anlauf war getan, aber es kam nicht zur Uebernahme eines deutschen Protektorates über das werdende jüdische Palästina. Die deutsche Politik trat in dieser Frage einen offenen Rückzug an. Man muß es, ehe man nicht die deutschen Akten in dieser Angelegenheit zur Kontrolle des Herzischen Tagebuches wird heranziehen können, dahin gestellt sein lassen, ob hier mehr der Bülowsche Einfluß tätig oder die Begeisterung Wilhelm IL für den Zionismus ein Strohfeuer war. In Palästina schien es ihm gut als Relief für seine Reise zu passen, von den Juden als der Mann begrüßt zu werden, auf den sie ihre Zukunftshoffnungen setzten, und als Palästina in seiner stets nach neuen Sensationen verlangenden Seele von anderen Vorstellungen abgelöst war, da erkaltete sein Interesse an diesen Dingen wohl ebenso rasch wie es entflammt war. Die Zusammenhänge konnte Herzl damals natürlich noch nicht übersehen, und immer wieder versuchte er deshalb den Kaiser für seine Gedanken zu gewinnen. Es liegt ja in diesen Bemühungen wie in so vielen anderem etwas Tragisches. Herzl glaubt mehr an das Eingreifen von außen als an das wirkliche Erwachen von innen. Er zerreibt sich, leistet übermäßige Arbeit und das jüdische Volk, auf das er wartet, kommt nicht so schnell, als er es wünscht. Inzwischen zerbricht sein Herz unter dem Ueberfluß der Anstrengung; er kann die Saat nicht ernten, die er gesät hat. Bebt uns Adressen von Benannten! Die Administration, Wien IL, Heinestraße 13 versendet kostenlos Probenummern j^yag^&yst^raywfrg'g*

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