Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 28 (11.7.1924)
- Date
- 1924-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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^mmmm^^mm^fF^^^^^^^- Seite 2___DIE WAHRHEIT Nr. 28 obligatorisch eingeführt und heute mittels Radio zum Gemeingut der gesamten Weltenmenschheit werden könnte? Mt einseitigem Kampf gegen einen bestimmten Teil von Mitmenschen ist nichts, mit gerecht radikalen Abhilfemitteln alles zu erreichen. Der blödeste Kampf, den heute die Menschheit führt, der Partei-, Kultur- und Konfessionskampf, ist das verwerflichste, was wir erleben und die Geschichte lehrt uns warnend, was die Religionskriege gezeitigt haben. Wir meinen, nach dem letzten blutigsten aller Kriege der Weltgeschichte hätte die Menschheit in solch allgemeiner Wirtschaftsnot wahrlich Wichtigeres zu tun, als sich so menschenunwürdig zu bekämpfen und den ohnedies so harten Lebenskampf noch zu verbittern. Satteln wir Christen um, erziehen wir unsere Kinder nach dem sich nachweisbarpraktisch erprobten Schema der mosaischen Erziehungstaktik und nehmen wir endlich ein Beispiel am wirklich idealen und realen Familienleben, der überragenden Tüchtigkeit, der objektiven Berechnung und dem gesunden und klaren Weitblick des Juden und ahmen wir ihn darin nach. Werden wir so tüchtig wie der Jude, lernen wir von ihm, seien und bleiben wir so nüchtern wie er, dann messe sich in friedlichem Wettstreit Kraft gegen Kraft umd die doch in der Mehrheit liegenden Vielkräfte sind sicher in der Lage, den ersehnten Ausgleich herbeizuführen. Alle haben umzulernen und „wo ein Wille, ist ein Weg!" Es wird gehen, denn est muß gehen. Gerade die Jetztzeit mit all ihren erdrückendlen Folgen und Sorgen hat uns restlos gelehrt, daß wir s o nife in Frieden und brüderlich er Eintracht nebeneinander leben können. Und letzten Endes könneni und. dürfen wir doch nicht annehmen, der Jude sei so unklug, die weit überzählige Mehrheit sich restlos zum Feind zu machen, der Jude weiß genau, was er wil'l, er ist ein Man der Praxis, aibler wir sind dies selten und wissen nicht, was wir wollen. Köhren wir endlich mit Vernunft mal zur Wirklichkeit zurück, so müssen wir uns doch selbst sagen, daß wir in dieser erdrückenden Not wirtschaftlichen Niedergangs besser tun würden, uns unter Hintanstellung aller konfessionellen und parteipolitischen Streitigkeiten endlich mit aufrichtigem Willen grundlegender Gesamtumstellung auf rein volkswirtschaftlichen Boden zu besinnen. Die naive Ausrede* dies sei der Reparationen etc. wegen nicht möglich, ist reinste Utopie. In der Gesamtheit und damit bei jedem Einzelnen fehlt es; die von den Volksführern und der Parteipresse zerrissene und sich so ganz selbst zerfleischende Volksgemeinschaft vergißt sich so weit, in ihrem Parteifanatismus und in blindem Kulturkampf radikale Mittel zu ergreifen, die uns statt zu einigen, über kurz oder, lang dem allgemeinen Zerfall, der Unterjochung unter fremde Gewalthaber oder der Anarchie entgegentreiben müssen. Deutschland, das Herz Europas, wäre der beste Kompaß der Welt, kann es aber nicht sein noch werden, solange ein Volk von solcher Bedeutung sich zum Vasallen machtanstrebender Parteibonzen erniedrigt und nicht den Willen, Mut und die Kraft aufbringt, sich ganz aus sich selbst, durch sich selbst und mit sich selbst, also von innen heraus für Frieden, Freiheit, Recht und Gerechtigkeit restlos einzusetzen; denn wahr und unumstößlich sind die Worte Kettelers: „Ein Volk, das seiner Geschichte den Rücken gedreht hat und seine geschichtlichen Rechtsverhältnis s e z e r t r i 11, geht großen Stürmen entgegege n." mipjl Feuilleton \wmWm\ Aus einer kleinen Gemeinde (Hessen). Von Dr. F. Rieh. H e i n s c h e 1. Johann Weitzel, ein großer vierschrötiger Bauer aus O., Jiatte eine Vorladung zum Kreisgerichte in M. und wollte sich auch die Gelegenheit zunutze machen, seinen in M. wohnhaften Jugendfreund, den Restaurateur Tobias Wiesen aufzusuchen. In seiner Bauernkluft mit dem blauen Kittel bekleidet, die lange Hollunderstaude in der Hand in M. antwortete der Angesprochene, „aber einen Herrn wo der Tubijas wohne. „Ich kenne zwar alle M-er" antwortete der Angesprochene, aber einen Herrn Tubijas kenne ich nicht." „Ich honn acht net gesagt Herr Tubijas, der Mann heißt Wiesen und führt eine Kauscherwirtschaft, wir rufen ihn Tubijas, wir in O," erwiderte Johann Weitzel. „Ach Sie meinen den israelitischen Restaurateur Herrn Wiesen, der wohnt in der Postgasse 42; gehen Sie gerade aus, die erste Gasse rechts, dann müssen Sie sich links halten; die Firmatafel ist schon aus der Ferne sichtbar. Sie können nicht fehlgehen, in fünf Minuten sind Sie dort." „Israelit, Israelit" brummte Weitzel mangels eines Schnurrbartes zwischen den Zähnen: „Jud" ist auch kein Schimpfname." Wie eine Katze um den heißen Brei ging Weitzel um die Restauration Wiesen herum, ohne diese zu finden, bis ein freundlicher Herr ihm sagte, daß er vor dem Eingang zur Garküche stehe. „NTag auch," tönte es dem Jugendfreunde Tobias entgegen, der Zeitung lesend in der großen Restaurationsstube saß. „Ei ei, ein fremder Gast, schön willkommen, Johann, daß du auch einmal zu mir findest," erwiderte Tobias und schüttelte dem Ankömmling kräftig die Rechte. Johann erzählte, daß er eine Vorladung zum Kreisgericht habe und gerne die Gelegenheit wahrnehme, um bei dem Jugendfreunde vorzusprechen. Wiesen rief seine Frau herbei und auch diese begrüßte den Landsmann recht herzlich. Nach der Begrüßung wurde dem Johann ein Gabelfrühstück serviert, dem er alle Ehre erwies, auch dem kredenzten Biere sprach er wacker zu; Wiesen und seine Frau mußten ihm auch Bescheid geben. Nachdem Johann sich gestärkt und die kurze Pfeife in Brand gesteckt — die Zigarre, die Herr Wiesen ihm verehrt, steckte er in die Kiepe (Tasche) — erkundigte sich Wiesen nach seinen Angehörigen und Freunden in O. „Wie geht es meinem Onkel Baruch?" „Dem geht's got (gut)!" „Und dem Isak und dem Nathan?"